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Gasexplosion "war wie ein Bombenangriff"

Feiertag. 7.55 Uhr. Die Stadt schläft noch. Plötzlich eine mächtige Gas-Explosion, die das gesamte südliche St. Pölten erschüttert. Ein Vierfamilienhaus in der Munggen­aststraße 43 wird regelrecht zerfetzt, stürzt in sich zusammen. Glasscheiben bersten, Dachziegel fliegen wie Geschosse durch die Siedlung. Es kracht, zischt, klirrt. Es ist wie im Krieg.

"Unglaublicher Knall"
Fünf Personen werden unter dem Schuttberg begraben. „Ich saß gerade beim Frühstück“, erzählt Nachbarin Johanna Kantor, 62, und schlägt verzweifelt die Hände überm Kopf zusammen: „Plötzlich ein unglaublicher Knall. Dann flogen gewaltige Trümmer gegen unser Haus, es war ein Regen aus Schutt und Asche.“

Kantor läuft zu ihrem Küchenfenster, schaut auf die Straße, sieht die Katastrophe: „Das Nachbarhaus war weg, da war nur mehr Rauch, ein Wahnsinn!“ Die geschockte Frau läuft mit ihrem Mann Johann ins Freie: „Da bogen auch schon die ersten drei Feuerwehrlöschzüge ein.“

Gesamte Siedlung evakuiert
Beißende Rußwolken hängen in diesem Moment über der Munggenaststraße. Das Dach des zusammengestürzten Hauses hängt schräg über der Ruine. Mauerreste, Holzbalken. Ein zerborstener Fernseher ist zu sehen. Teile einer Küche. Reste eines Schlafzimmers. Verkohlte Möbel. Die Straße vor dem Haus ist mit Schutt übersät. Auch Nachbargebäude sind beschädigt. In einer Garage stehen zwei Autos, zertrümmert.

Es riecht nach tödlichem Gas. Lebensgefahr! Auch für die Helfer. Einsatzleiter Dietmar Fahrafellner (41) von der St. Pöltner Feuerwehr ordnet die Evakuierung der gesamten Siedlung an. Eine weitere Gasexplosion droht. Er lässt Gas aus den Kanälen absaugen. Ins zusammengestürzte Haus können die Retter vorerst nicht. Sie wissen bloß – es gibt zwei Wohnungen unten, zwei oben, und fünf Verschüttete.

Drei Tote geborgen
Bis gegen Mittag sind 500 Helfer vor Ort. Erst werden mit schwerem Bergegerät das Dach und Betonblöcke abgetragen. Dann kann die Feuerwehr mit schwerem Atemschutz in die Ruine. Ziegel für Ziegel müssen die Männer abtragen. 50 Tonnen Schutt müssen weg, um zu den Opfern zu gelangen.

Um 17.15 Uhr ist es traurige Gewissheit. Feuerwehrleute finden das erste Todesopfer. Es ist eine ältere Frau, die unter den Trümmern gefunden wird. In den Stunden danach werden zwei weitere Tote geborgen. Zwei weitere Menschen stecken noch unter den Trümmern fest, die Suchaktion hält die ganze Nacht auf Freitag an.

Ganze Familie unter Trümmern begraben

Fünf Opfer – alle Angehörige einer Familie: Das ist die schreckliche Bilanz der verheerenden Explosion in Sankt Pölten. Großeltern, Mutter und Tochter, alle befanden sich zum Unglückszeitpunkt im Haus.

  • Besonders tragisch: Teenager Alexandra (16) kam erst unmittelbar vor der Explosion um 6 Uhr früh nach Hause. Vor dem gestrigen Feiertag war sie mit ihrem Freund in einer Disco. Noch am Mittwochabend war sie auf ihrem MySpace-Profil eingeloggt und hatte ihre Stimmung als „verliebt“ angegeben.
  • In der Wohnung neben „Alex“ wohnte ihre Mutter Ursula W. (52) mit ihrem südafrikanischen Lebensgefährten „Kelly“ I. (53). Sie arbeitete als Volksschullehrerin – ausgerechnet in Wilhelmsburg, wo 1999 zehn Menschen ebenfalls bei einer Gasexplosion starben.
  • Im unteren Stockwerk lebten der 80-jährige Walter A. und seine Frau Gerda (77), die Besitzer des Hauses. Walter A. war vor seiner Pensionierung Direktor der bekannten Textilfabrik Harlander. Danach machte er sich in Niederösterreich als Maler und Grafiker einen Namen.
  • Einzige Überlebende der Familie ist die 20-jährige Teresa. Sie lebte in einer Etage mit ihrer Schwester Alexandra, hat die Nacht aber nicht daheim verbracht. Teresa wird derzeit ebenso wie das Ehepaar aus der vierten Wohnung des Hauses, das dem Tod durch Zufall entging von einem Kriseninterventionsteam betreut.

"Hatte Angst um mein Baby"
Kathrin Jilch (24) sitzt kreidebleich und zitternd am Straßenrand, sie ist im fünften Monat schwanger: „Als es knallte, war mein erster Gedanke, jetzt verliere ich vor lauter Angst mein Baby.“ Die junge Frau bangt um ihr erstes Kind, seit zwei Monaten muss sie regelmäßig zum Arzt, eine Problemschwangerschaft belastet das junge Glück. Ihr Mann Serkan Ergen legt beruhigend seine Arme um ihre Schultern und drückt sie schützend an sich: „Wir wohnen genau gegenüber und sahen nur einen mächtigen Schutthaufen. Wir sind raus und wie blind weggerannt.“

Dass sein Auto ein Trümmerhaufen ist, interessiert Serkan nicht, ihm ist nur die Gesundheit seiner Frau und des Babys wichtig: „Wir freuen uns so sehr darauf.“ Langsam beruhigt sich das Paar, in Kathrins Gesicht kehrt Farbe zurück und ihr Kreislauf beruhigt sich. Bei Serkans Eltern finden sie vorerst Unterschlupf.

Sie wohnten im Todeshaus - und leben noch

Getrude und Karl Harzhauser entkamen der Explosion, weil sie bei Freunden übernachtet hatten. Der Zufall rettete ihr Leben.

ÖSTERREICH: Dank einer Fügung des Schicksals waren Sie nicht daheim, als Ihr Haus in die Luft flog...

Karl Harzhauser: Ja, wir waren ein paar Tage auf Besuch bei Freunden in Breitenfurt. Heute am Vormittag hat uns eine Nachbarin aus St. Pölten angerufen und gesagt, dass es unsere Wohnung nicht mehr gibt und dass die anderen Hausbewohner...(weint).

ÖSTERREICH: Anfangs galten Sie ja auch als vermisst.

Getrude Harzhauser: Das haben wir gehört und uns sofort bei der Polizei gemeldet. Dann haben wir unsere Sachen gepackt und sind hergefahren. Wir sind völlig fertig und wurden gleich von der Krisenintervention betreut.

ÖSTERREICH: Waren Sie schon bei der Ruine?

Karl Harzhauser: Feuerwehrleute haben uns nahe hingeführt. Direkt zum Unfallort darf man ja noch nicht, weil es zu gefährlich ist. Aber was wir gesehen haben, hat gereicht. Es ist entsetzlich – und unvorstellbar traurig.

ÖSTERREICH: Vom Haus ist nichts mehr übrig...

Karl Harzhauser: ...ja, und wir sind unserem Schutzengel dankbar dafür, dass wir nicht auch unter den Trümmern liegen. Aber außer dem nackten Leben haben meine Frau und ich nichts mehr.

ÖSTERREICH: Wie geht es jetzt weiter?

Karl Harzhauser: Keine Ahnung. Wir haben ja noch gar nicht ganz begriffen, was da passiert ist. Stellen Sie sich vor: Die Wohnung, die Möbel, das Geschirr, die Dokumente, die Erinnerungsstücke unseres Lebens – alles ist weg (weint).

ÖSTERREICH: Wo werden Sie die nächste Zeit wohnen?

Getrude Harzhauser: In einem Notquartier, glaube ich. Aber das ist nicht unser erster Gedanke. Der gilt den Nachbarn, die wir viele Jahre kannten – und die es jetzt nicht mehr gibt.

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