Wien-Hietzing

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Heimkinder für Sexpartys missbraucht

Im Zusammenhang mit dem angeblich systematischen sexuellen Missbrauch ehemaliger Zöglinge eines privaten Wiener Heims für schwer erziehbare Jugendliche ist am 12. April bei der Staatsanwaltschaft Wien eine Anzeige der Stadt Wien eingegangen. Seitdem wird gegen den mittlerweile 57-jährigen Chef einer Reinigungsfirma, zwei weitere namentlich bekannte Männer und drei derzeit noch nicht identifizierte mögliche Mittäter ermittelt.

"Die Vorwürfe lauten auf Vergewaltigung, schweren sexuellen Missbrauch, Missbrauch eines Autoritätsverhältnisses und sexuelle Belästigung", meinte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Thomas Vecsey. Die Anzeige sei Ende April zu weiteren Ermittlungen der Polizei übermittelt worden, die mittlerweile die Untersuchungen aufgenommen habe.

Derzeit sei unklar, inwieweit sich die neuen Anschuldigungen mit den alten decken, die bereits Gegenstand zweier Strafprozesse waren, in denen der Unternehmer jeweils freigesprochen wurde, sagte Vecsey. Sofern es Parallelen gibt, müsste abgeklärt werden, ob in Bezug auf die gerichtlich abgetanen, freigesprochenen Fakten neue Beweismittel vorliegen, die eine neuerliche Prüfung der Vorwürfe nötig machen.

Vorwürfe teilweise 10 Jahre alt
Die Vorwürfe um den systematischen sexuellen Missbrauch ehemaliger Zöglinge eines privaten Wiener Heims für schwer erziehbare Jugendliche, die vor einigen Wochen von den Medien aufgegriffen wurden, sind zumindest teilweise zehn Jahre alt. Der Chef einer Reinigungsfirma, der sich an mehreren Burschen aus dem benachbarten Heim vergangen haben soll und Mitte der 1990er Jahre Drahtzieher für Sexpartys gewesen sein soll, ist 2001 und 2002 in zwei Strafprozessen rechtskräftig freigesprochen worden.

Wie sein Anwalt Ralf Mössler am Dienstag im Gespräch betonte, handle es sich bei den nun wieder thematisierten Anschuldigungen um "alte Hüte", die schon seinerzeit von den Sicherheitsbehörden und der Justiz eingehend überprüft wurden: "Da ist nichts dran." Mössler geht davon aus, dass es sich bei der neuerlichen Anzeige, die bei der Staatsanwaltschaft Wien eingebracht wurde, um die Retourkutsche des Hauptbelastungszeugen handeln könnte, der wegen versuchten Mordes an einem Taxilenker eine langjährige Haftstrafe verbüßt.

Verdächtiger angeblich erpresst
Dieser habe aus der Justizanstalt heraus seinen Mandanten bedroht und zu erpressen versucht. Darauf habe der Unternehmer Anzeige wegen gefährlicher Drohung erstattet, die zunächst eingestellt wurde, erläuterte Mössler. Allerdings wurde in weiterer Folge einem Fortführungsantrag stattgegeben und Untersuchungen gegen den Hauptbelastungszeugen aufgenommen. "Ab diesem Zeitpunkt sind die alten Vorwürfe aus dem Boden geschossen wie Eierschwammerln im Sommer, wenn man ihnen genug Feuchtigkeit und Wärme gibt", sagte der Anwalt.

Wie Mössler hervorhob, wurden die Wohnungen, in denen die Sexpartys mit den minderjährigen Buben stattgefunden haben sollen, schon seinerzeit von den Ermittlungsbehörden untersucht: "Dort haben teilweise 90 Jahre alte Pensionistinnen gelebt." Sein Mandant sei "in zwei Rechtsgängen mit jeweils umfassenden Beweisverfahren freigesprochen worden. Da kann von einem zufälligen Freispruch keine Rede sein".

Fotos gesammelt
Die neuerlichen Anschuldigungen gehen unter anderem von einem heute 27-jährigen Mann aus, der laut ORF als Zehnjähriger in das Heim eingewiesen wurde. Nach einem Jahr habe er sich gegen Taschengeld für den Unternehmer zu Putzdiensten einteilen lassen. "Wir sind mit Bus abgeholt worden, um zu putzen, schauen halt, dass unten im Keller die diversen Sex-Spielzeuge vorher und nachher geputzt werden. Fesseln, SM-Masken, Handschellen", zitierte das Morgenjournal den 27-Jährigen.

In den beiden Wohnungen habe er Fotos gefunden, rund 170 davon gesammelt und schließlich einem Polizisten übergeben: "Männer unmaskiert in sexuellen Handlungen mit Heiminsassen, Heimkindern, unter 14-, 15-Jährige, die dort mitgemacht haben, Mädels von anderen Heimen, Burschen von anderen Internaten. Von diversen Stellungen bis zu Auspeitschen hast du alles auf diesen Fotos gesehen."

Doch die der Polizei übergebenen Beweisfotos seien offenbar verschwunden. Außerdem kenne er fünf Zeugen, die das Gericht vor zehn Jahren nicht befragt habe, behauptet der 27-Jährige. Seinen Angaben zufolge sind Minderjährige zu sexuellen Handlungen gezwungen, aber auch dafür bezahlt worden. Die Heimleitung habe vom Missbrauch gewusst. Nur weil er sich gewehrt und einen Erzieher verletzt habe, sei er selbst nicht Opfer geworden.

Wie Ware verkauft
Der heute 24-Jähriges mutmaßliches Opfer erzählte im Radio, man habe ihn und die anderen Heimkinder wie Ware verkauft. Er sei ausgewählt worden, weil er keine Angehörigen hatte. Außerdem sei er mit dem Umbringen bedroht worden: "Ich war zwischen zwölf und 13 und zu mir haben sie gesagt, wenn irgendwer was sagt, dann findet uns keiner. Auf so ein Eisenmetall wurde Säure ausgeleert und das hat ziemlich gezischt. Da hat's geheißen, da werden wir eingelegt und es findet uns keiner."

Die Wiener Kinder- und Jugendanwältin Monika Pinterits äußerte sich froh darüber, dass die Fälle wieder aufgerollt werden. Sie war für die Prozessbegleitung der männlichen Zeugen zuständig. Ob es sich, wie von den Beschuldigten angegeben, um eine "Verschwörung" handelt, könne sie nicht sagen. Für sie seien die Vorwürfe der Jugendlichen damals glaubhaft gewesen, aber es habe eben einen Freispruch gegeben.

Es müsse "endlich auch die Debatte um Gewalt in staatlichen Heimen und Internaten geführt werden", forderte der Grüne Justizsprecher Albert Steinhauser. Bundesweit gebe es für Betroffene keine geeignete Anlaufstelle: "Die Republik und die Länder müssen sich der Verantwortung stellen. Gewalt und sexuelle Übergriffe gehören von den 1950er-Jahren bis zur Gegenwart aufgearbeitet." Für den Staat gelte das gleiche wie für die Kirche: Eine Untersuchungskommission solle in Ergänzung zur Staatsanwaltschaft gemeldete Fälle unabhängig von Verjährung aufarbeiten. Ein Opferfonds aus öffentlichen Geldern soll Betroffene entschädigen. Im Familienausschuss am Mittwoch werde Staatssekretärin Christine Marek mit diesen Forderungen konfrontiert.

Vorwürfe auch gegen Heim
Die Sachverhaltsdarstellung, derzufolge mehrere Zöglinge eines privaten Wiener Heims für schwer erziehbare Jugendliche von einem in der Nachbarschaft ansässigen Unternehmer gegen Entgelt für Putzdienste angeworben und in weiterer Folge sexuell missbraucht und auf Sexpartys gebracht worden sein sollen, enthält auch Vorwürfe gegen das Heim selbst. So soll ein Erzieher einen Zögling sexuell belästigt haben, indem er diesem während des Schlafs auf die Genitalien griff.

Grundsätzlich sollen in dem Heim jüngere unter älteren und kräftigeren Insassen gelitten haben und wiederholt Gewalttätigkeiten ausgesetzt gewesen sein. Die Erzieher sollen oft nicht eingeschritten sein oder "weggeschaut" haben. Der bei der Staatsanwaltschaft eingebrachten Sachverhaltsdarstellung zufolge soll es in dem Heim auch ein "Suchtgiftproblem" gegeben haben: Joints waren demnach leicht zu bekommen, zumindest ein Zögling soll unwissentlich sogar als "Drogenkurier" eingesetzt worden sein, indem man ihn mit einem Rucksack zu einem bestimmten Ort schickte, in den ohne sein Wissen Suchtmittel gepackt worden waren.

Der Verein, der das Heim betreibt, in dem Zöglinge in den 1990er Jahren von Außenstehenden sexuell missbraucht worden sein sollen und in dem zumindest in einem Fall auch ein Übergriff eines Erziehers stattgefunden haben soll, war am Dienstag zu keinem Kommentar bereit. Man behalte sich "eine Stellungnahme zu gegebener Zeit vor", hieß es aus der Vereinszentrale.

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