Vater Ludwig Koch

© Florian Lems

"Ich werde Natascha nicht einmal heute sehen"

ÖSTERREICH: Heute vor einem Jahr ist Ihrer Tochter die Flucht von ihrem Entführer Wolfgang Priklopil gelungen. Wie haben Sie den 23. 8. 2006 in Erinnerung?
Ludwig KOCH: Es war der verrückteste und schönste Tag meines Lebens. Ich bin Bäcker und habe in der Nacht wie immer gearbeitet. Gegen sieben Uhr früh war ich im Bett. Ein paar Stunden später hat dann mein Telefon geläutet. Dran war mein Freund Hannes Bartsch und hat gesagt, es gibt da eine unglaubliche Meldung über Natascha.
ÖSTERREICH: Das war gegen 14 Uhr. Wie haben Sie reagiert?
KOCH: Ich war noch im Halbschlaf und hab mich überhaupt nicht ausgekannt. Aber dann hat der Hannes noch einmal angerufen und gesagt, ich soll zur Polizei nach Deutsch Wagram fahren. Ich bin sofort ins Auto gesprungen.
ÖSTERREICH: Was ging Ihnen auf der Fahrt durch den Kopf?
KOCH: Ich weiß nicht. Es war wie ein Glückschock. Sie müssen sich vorstellen: Ich habe Natascha mehr als acht Jahre lang gesucht. Nur ein Detektiv hat mir für einen Schilling symbolische Gage geholfen. Ich war nach der langen Zeit körperlich und nervlich am Ende. Und dann diese Nachricht!
ÖSTERREICH: Sie hatten die Hoffnung nie aufgegeben?
KOCH: Im Kopf schon, aber nicht im Herzen. Ich habe mir geschworen, Natascha bis zu meinem letzten Atemzug zu suchen.
ÖSTERREICH: Wie war das Wiedersehen?
KOCH: Wunderbar, aber kurz. Übrigens ist dann auch die Sirny (Nataschas Mutter) gekommen und hat mir nicht einmal die Hand gegeben. Bekanntlich haben uns ja dann ganz wichtige Fürsorger, Betreuer und Psychiater unsere Tochter gleich wieder weggenommen.
ÖSTERREICH: Sie sind noch immer verbittert?
KOCH: Heute würde ich mein Kind bei der Hand nehmen und mit Natascha nach Hause gehen. Was hätten die dagegen tun können?
ÖSTERREICH: Aber nach einigen Wochen hat sich die Situation entspannt.
KOCH: Ja, wir waren fast so etwas wie eine Familie: Natascha, meine jetzige Frau Georgia und ich, die Sirny, deren Mutter und Nataschas Halbschwestern. Weihnachten waren alle bei mir. Zu Nataschas Geburtstag habe ich ein Lokal gemietet, auch zu Ostern waren wir zusammen - eine schöne Zeit.
ÖSTERREICH: Abgeschlossene Vergangenheit?
KOCH: Ja, leider. Was soll ich denn tun, wenn mich die Sirny in ihrem Buch plötzlich nicht mehr Ludwig nennt, sondern "der Koch" - und einen Schippel Unwahrheiten über mich verbreitet? Ich möchte diese Frau nie mehr sehen. Unter ihrem Einfluss ist auch Natascha seit ein paar Wochen für mich nicht mehr erreichbar.
ÖSTERREICH: Macht Sie das Nahverhältnis Mutter-Tochter traurig?
KOCH: Aber nein, ich bin nur erstaunt. Ein Beispiel: Natascha ließ sich an Priklopils Sarg fotografieren und zeigte das Bild unter dem Siegel der Verschwiegenheit ihrer Mutter. Die begeht den Vertrauensbruch, in ihrem Buch darüber zu schreiben - und Natascha ist trotzdem bei der Präsentation anwesend. Verstehen Sie das?
ÖSTERREICH: Sie selbst wollten nie ein Buch über Ihre verzweifelten Jahre schreiben?
KOCH: Es gab Angebote, aber ich habe entschieden: Wenn, dann nur gemeinsam mit Natascha - oder nach ihr.
ÖSTERREICH: Was sagen Sie zum Vorwurf Ihrer Tochter, öffentlich mit Ihrer Ex zu streiten "wie die Ozzbornes oder die Lugners"?
KOCH: Gegenfrage: Wer lässt sich Rufmord gefallen?
ÖSTERRREICH: Was ist eigentlich mit der Wohnung und dem lebenslangen Job, die Natascha von Medien für Interviews versprochen wurden?
KOCH: Wüsste ich auch gern.
ÖSTERREICH: Werden Sie Natascha heute am Jahrestag der Befreiung sehen?
KOCH: Kaum. Aber irgendwann wird sie sich wieder melden. Denn ich bin der Einzige, der ihr die Wahrheit sagt.

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