11. Dezember 2006 20:32
Sie ist körperlich noch kleiner, als erwartet. Noch zerbrechlicher, noch
zarter. Natascha kommt mit einer Viertelstunde Verspätung und wirkt ein
bisschen wie ein trotziger Teenager, im lila Jogging-Anzug mit Kapuzen-Jacke
und flachen Schuhen.
„Frau Kampusch? Möchten Sie so genannt werden“, frage ich. „Ja, wir sind per
Sie“, sagt Natascha Kampusch mit fester Stimme. Jetzt schon mehr junge Frau,
als verspäteter Teenager.
112 Tage sind seit Nataschas spektakulärer Flucht bis heute vergangen. Sie
lebt nun in einer kleinen Wohnung, mit Kochmöglichkeit und Bad, sehr
bescheiden. Sie wohnt, so betont sie, „eigenständig, aber betreut“. Führt
einen täglichen Terminkalender, in dem sie ihre medizinischen Fixpunkte
einträgt. Das sind viele: Natascha Kampusch leidet an den verschiedenen
Folgewirkungen ihrer Gefangenschaft, auch der Kreislauf läuft nicht immer
rund. Alle zwei Stunden sollte sie, auf ärztlichen Rat hin, etwas essen:
„Damit sich mein Kreislauf stabilisiert.“
Sie schreibt, nur für sich. Über ihre Gedanken und Gefühle. Und
sie malt neuerdings. Bevorzugt Aquarelle. Natascha Kampusch fährt mit der
U-Bahn, geht in den Supermarkt einkaufen und wird, wie sie sagt „fast nie
erkannt“.
Für’s Fotografieren interessiert sie sich auch, sehr sogar. „Fotografieren
Sie selbst?“, frage ich. – Nein, sie fotografiere jetzt nicht, sagt Frau
Kampusch. Sie hätte gar keine Kamera. Aber als Kind habe ich gut
fotografiert, meine Puppen zum Beispiel. Ich habe sie verschieden angezogen,
hingesetzt, geschaut, dass die Beleuchtung stimmt. Meine Mutter hat immer
gesagt, ich kann so gut fotografieren ...“
Vielleicht wäre ein Fotoapparat ein Wunsch für Weihnachten, rege ich an.
Natascha schüttelt energisch den Kopf: „Wir haben innerhalb der Familie
beschlossen, einander heuer zu Weihnachten nichts zu schenken“, sagt sie.
„Wir wollen uns auf den Ur-Gedanken des Festes besinnen, ohne Geschenke.
Allerdings plane ich, gewissen Personen trotzdem etwas zu schenken.“ Sie
denkt an etwas Kreatives, Selbstgemachtes ...
Gerüchte & Wahrheit. Es geht zur Sache: Bevor fotografiert
wird, bittet Visagistin Monika Natascha Kampusch vor den Make-up-Spiegel.
Sie muss beim Schminken behutsam vorgehen, Natascha hat eine sehr
empfindliche Haut. Ein Make-up, so natürlich wie nur möglich, bitte.
Natascha hat wunderschöne Haare, die sie am liebsten lang und offen trägt.
Nach den ersten veröffentlichten Interview-Fotos, auf denen sie stets nur
mit Kopftuch zu sehen war, entstand das Gerücht, sie leide, aufgrund
jahrelanger Mangelernährung, unter Haarausfall. Die Haare sind jedoch
kerngesund („Ich trug das Kopftuch nur deshalb, um nicht gleich von allen
erkannt zu werden“). Was die Gefangenschaft in Nataschas Körper für
bleibende und vorübergehende, teilweise höchst schmerzhafte Schäden
anrichtete, erzählt sie später ausführlich im Interview.
Mama am Handy. Dann klingelt ihr Handy: Ihre Mutter, Brigitta Sirny,
ist dran. „Ja, Mama, alles ist in Ordung. Nein, Mama, ich brauche nichts.
Weiß nicht, Mama, ob es sich heute noch ausgeht. Ich ruf dich später an.“
So wie Natascha reden täglich Millionen 18-Jährige mit ihren Müttern. Kurz
und direkt. Natascha wird nicht das allerbeste Verhältnis zu ihrer Mutter
nachgesagt. Was stimmt eigentlich an diesen Gerüchten? Sie verstehe sich gut
mit ihrer Mutter, sagt sie, verbringe ab und zu auch das ganze Wochenende
mit ihr. Manchmal sei da eben noch diese typische Mutter-Kind-Situation, die
wir ja alle kennen.
Große Pläne. Aber vorrangig ist jetzt einmal das eigene
Leben, die eigene Zukunft, die Pläne, die verwirklicht werden wollen.
Hochfliegende Pläne, über die Natascha im Gespräch detailliert erzählt, wie
sie diese umsetzen will.
Zunächst einmal will sie die vielen Menschen, die ihr täglich dreinreden,
sie beraten und behüten, in die Schranken weisen. „Sie meinen es alle gut
mit mir, sind aber ein wenig überfürsorglich. Ich brauche mehr Freiraum, ich
will endlich selbst über mich bestimmen.“ – Keine Frage, sie schafft das
bestimmt.