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Iraner-Mord war Mafia-Abrechnung Iraner-Mord war Mafia-Abrechnung

Die Hintergründe

© APA / Hochmuth

 

Iraner-Mord war Mafia-Abrechnung

Donnerstagnachmittag nach 16 Uhr in den Räumlichkeiten der Firma CERAG in der Weihburggasse: Wie ÖSTERREICH berichtete, fand im Konferenzzimmer im 2. Stock in bester Wiener Innenstadtlage eine Besprechung statt. Die Sekretärin war ins Nebenzimmer gegangen, als plötzlich bis zu acht laute Knaller hintereinander aus dem Meeting-Raum der iranischen Holding donnerten.

Wie die Polizei später rekonstruierte, hatte der 70-jährige Perser Samad A. eine – nicht registrierte Zastava M 57 – gezogen und als erstes auf Dr. Baghaollah Wossugh geballert. Die erste Kugel traf den Ex-Uni-Professor mitten ins Herz, noch zwei weitere Male wurde er getroffen: Der 75-Jährige starb vor Eintreffen der Rettung.

Schulterdurchschuss.
Als Nächstes trafen drei Kugeln Jamal P. in den Bauch. Der 57-jährige Geschäftsführer wurde auf die Intensivstation des Wilhelminenspitals geflogen. Sein Zustand ist kritisch.

Ashgar A. (66), der ebenfalls an der Sitzung teilgenommen hatte, erlitt einen Schulterdurchschuss aus der 7,62-mm-Waffe des Täters. Der Attentäter ließ die Pistole fallen, flüchtete durch die belebte Wiener City. Erst spät am Abend, nachdem Elite-Einheiten der Cobra seine Wohnung in der Schönbrunner Straße gestürmt hatten, stellte er sich im Wachzimmer Wurmsergasse in Fünfhaus.

Schwer bewacht.
„Ja, ich bin’s gewesen“, sagte Killer-Opa Samad A. noch, dann griff er sich so glaubhaft an die Brust, dass er mit Herzinfarkt-Verdacht ins Krankenhaus gebracht werden musste. Zurzeit liegt der mutmaßliche Täter schwer bewacht in der gesperrten Abteilung der Barmherzigen Brüder.

Über Motiv und Hintergründe der Schießerei gab es anfangs viele Spekulationen – von einem Streit unter Teppichhändlern bis hin zu politischen Verstrickungen war die Rede; schließlich ist das CERAG-Handelskonstrukt im Öl-, Gas- und Immobiliengeschäft im Iran und den arabischen Emiraten aktiv.

Racheakt.
Die Wahrheit indes ist nach ÖSTERREICH-Recherchen viel simpler: Offenbar war es eine Racheaktion von Samad A. an seinen einstigen Komplizen, mit denen er die Sprengung seines eigenen Hauses in Gablitz im Jahr 2005 durchgezogen hatte. Als sich der Gas-Unfall als Versicherungsbetrug herausstellte, wurde Samad A. von den drei Mitstreitern bei der Polizei angeschwärzt.

Was steckt dahinter?
Dr. Baghaollah Wossugh (75) starb bei dem Mafia-Attentat in Wien. Welche Rolle spielte der Autor, der stets mit Promi-Kontakten prahlte? Was aber war der Auslöser für den Mord? Wodurch ist der angesehene Universitäts-Professor und Buchautor in die Fänge der Mafia-Paten geraten?

Die zwei Welten des angesehenen Experten
Offensichtlich gab es im Leben des gebürtigen Iraners Parallel-Welten. Die offizielle Seite sah so aus: Baghaollah Wossugh stammt aus Yazd, Südwestpersien. 1958 kam er nach Österreich, studierte an der Wirtschaftsuniversität Innsbruck. Schloss 1965 mit dem Doktortitel ab. Gleich danach heiratete er: Annemarie, eine Tirolerin. Ein Sohn kam zur Welt. 1966 kehrte die junge Familie nach Persien zurück. Der Ökonom bekam eine Stelle an der Uni Teheran. Während der Revolution im Iran flüchtete er zuerst in die USA. 1991 übersiedelte die Familie nach Wien.
Wossugh wird Autor, verfasst mehrere Sachbücher. Sperrige Werke wie, „Fünf Jahrhunderte Beziehungen zwischen Österreich und Persien“. Bürgermeister Michael Häupl schrieb das Vorwort zum Buch. Ebenso Ex-Museums-Direktor Wilfried Seipel. Wirtschaftskammer, Ex-Vizekanzler Hubert Gorbach, Grüne, aber auch das Amt der Kärntner Landesregierung unterstützen die Projekte des Professors.
Es gab aber auch eine andere, dunkle Seite: Wossugh wurde Strohmann diverser Firmen. Verfasste für seinen späteren Killer und dessen Bruder ein Buch, ein „Auftragswerk“. 10.000 Euro sollte er für dieses biografische Machtwerk erhalten. Doch die Mafiosi haben das Honorar nie bezahlt. Offiziell hat ihnen das Werk nicht gefallen. Als Revanche hat der Professor der Polizei Informationen über die „ehrenwerte Familie“ weitergeleitet. Insbesondere über eine mysteriöse Gasexplosion in Niederösterreich. War das sein Todesurteil?

Der Täter: Drogen-Boss – im Iran zum Tod verurteilt
Jeder Landsmann von Samad A., den man in Wien auf den Namen des 70-Jährigen anspricht, antwortet empört: „Ein anständiger Iraner will mit dieser Familie nichts zu tun haben. Der und sein Bruder sind echte Mafiosi.“

Und zwar schwere Kaliber. (Es gilt die Unschuldsvermutung). Bereits 1986 wurde ihnen wegen Drogen-Delikten der Prozess gemacht. Mehr noch: Samad und sein Bruder Akbar waren in Österreich die Ersten, die wegen eines Suchtgiftdeliktes vor einem Geschworenengericht standen. Sie sollen 60 Kilo Heroin ins Land geschmuggelt haben. Die Brüder wanderten für Jahre hinter Gitter – ihre Drogengeschäfte liefen aber weiter. Sie wickelten die Deals aus den Zellen in Stein ab.

Betrug um Bypass-OP im Wiener AKH
Kaum aus der Haft, war der Teppichhandel, den sie aufnahmen, wieder bloß Tarnung – diesmal für eine Haschisch-Connection, die sie 1999 erneut vor Gericht und anschließend in Haft brachte. Samad und Akbar A. sollten damals in den Iran abgeschoben werden. Da in Persien auf Suchtgiftdelikte die Todesstrafe steht, wurde von der Auslieferung abgesehen.

Für die Barmherzigkeit bedankten sich die Brüder auf ihre Art – mit Betrug. So soll sich Samad A. im Juni 2002 im AKH Wien einer Bypass-Operation unterzogen haben und die Privatversicherung seines Bruders dafür in Anspruch genommen haben.

Alle vier waren in Gas-Explosion involviert
Der Höhepunkt dann am Ostersonntag 2005. Da flog ein Haus der Brüder in Gablitz (NÖ) in die Luft. Das Ganze stellte sich als Versicherungsbetrug heraus – es ging um bis zu eine Million Euro. NÖ-Brandermittler durchschauten den Anschlag schnell. Das Attentat mit Benzin und einem aufgeschraubten Gashahn war stümperhaft durchgeführt.

Ausgeheckt hat den Plan damals ein gewisser Asghar A. (66) – er bekam am Mittwoch in der Weihburggasse vom Killer Samad eine Kugel in die Schulter verpasst.

Jamal P., der mit zwei Kugeln in der Brust auf der Intensivstation liegt, sollte damals die Sprengung vorbereiten – dürfte dabei auch Mist gebaut haben.

Und Professor Wossugh, der bei dem Blutbad starb, wusste offenbar zu viel über die Hintergründe – und verriet sie der Polizei. Erst 2010 kam Samad nach vier Jahren wieder frei – als er am Mittwoch die anderen drei traf, zückte der Mafia-Boss die Waffe.

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