Kinder-Kidnapper war auch Stalker Kinder-Kidnapper war auch Stalker

Sohn entführt

© Mediabox/Schwarzl

 

Kinder-Kidnapper war auch Stalker

Die mutmaßliche Entführung des neunjährigen Lukas durch seinen Vater Sascha W. (37) – ÖSTERREICH berichtete – hätte möglicherweise verhindert werden können.

Mutmaßlicher Entführer ist amtsbekannt
Denn der Mann, der mit seinem Buben mehr als 24 Stunden lang 80 inländische und 200 ausländische Beamter in Bayern narrte, ist der Polizei nicht zum ersten Mal aufgefallen – er ist amtsbekannt.

„Gegen Sascha W. gab es bereits mehrere Anzeigen von Frauen und Männern wegen Stalkings“, heißt es aus dem Polizeikommissariat Döbling. Die Vorwürfe gegen W., die sich heuer verdichtet haben und alle aus seinem Bekanntenkreis gekommen sind, hätten aber nicht dazu ausgereicht, eine Freiheitsstrafe auszusprechen.

Dabei ist Sascha W. bei der Polizei kein Unbekannter: Vor Jahren schoss er mit einer Pumpgun in einer Diskothek um sich, musste daraufhin sogar ins Gefängnis.

Wegen Enttäuschung über seine gescheiterte Ehe und weil ihn Ende Jänner auch seine neueste Flamme verlassen hat, bombardierte er kurz vor der Entführung seine Ex und Freunde mit Hass- und Droh-SMS.

Noch schlimmer: Wie einst gute Freunde (siehe Interview rechts) bestätigen, war die Entführung seines eigenen Sohnes Lukas (9) das „Highlight“ vor einem unfassbaren Showdown. Der in Konkurs gegangene Kfz-Händler und Freizeit-Rennsportler wollte den Film „The Game“ nachinszenieren und sich gestern, Sonntag, vom Hotel Hilton in die Tiefe stürzen. Die Freunde waren gewarnt und sollten zusehen. Am Dienstag schrieb er per SMS: „Am Samstag und Sonntag bin ich auf allen Titelseiten.“ Und trotzdem hat die Polizei darauf nicht reagiert...

sascha Der Verdächtige Sascha W.

Wie berichtet, hat der Vater nach seinem im Kopf ausgeheckten Plan am vergangenen Freitag den Sohn von der Schule abgeholt und ist mit ihm im Auto in Richtung Westen geflüchtet. In einer SMS schrieb er an seine Ex-Frau: „Ich habe eine Glock 17 in der Hand und bin nur durch einen Kopfschuss zu stoppen.“ Die Polizei hat daraufhin einen Verhaftungsauftrag erzwungen.

Showdown bei Therme in Geinberg (Oberösterreich)
Am Samstagnachmittag konnte Sascha W. dann bei der Therme Geinberg (OÖ) gestellt werden. Per BMW-Sicherungsortungung (ein Chip im Auto) konnte die Polizei ausfindig machen, wo sich der mutmaßliche Entführer befand.

Sascha W. wird heute in die Haftanstalt Josefstadt eingeliefert. Wegen „gefährlicher Drohung“ und „schwerer Nötigung“ – nicht wegen „Entführung“ – droht ihm eine Haftstrafe von fünf Jahren. Entgegen seiner SMS war Sascha W. bei seiner Flucht nicht bewaffnet. Für Sasha W. gilt die Unschuldsvermutung.

Haftstrafe, Stalking-Vorwürfe, Droh-SMS und Psycho-Terror: So tickt Sascha W.
Sascha W. (37) ist ein gebrochener Mensch: Vor Jahren hat er erstmals durchgedreht und in einer Diskothek mit einer Pumpgun herumgeschossen. Er kam dafür ins Gefängnis, prahlt damit aber vor Freunden.
Mit der Damenwelt hatte er immer Pech: Von seiner Ehefrau, einer FPÖ-Mitarbeiterin, lebt er mittlerweile geschieden, aber nicht im Streit. Für seinen Sohn Lukas (9) ist er immer ein guter Vater gewesen.
Der Alltag ist Sascha W- zu viel geworden. Seit fünf bis sechs Jahren ist er deshalb in psychiatrischer Behandlung. Sein Arzt im 1. Bezirk hat ihm daher Tabletten verschrieben. In einer SMS schrieb er an Freunde: „Habe meine Befunde bekommen. Muss jetzt Medikamente schlucken. Bin ziemlich verzweifelt.“ Endgültig durchgedreht hat Sascha W. dann Ende Jänner: Seine Freundin hat mit ihm Schluss gemacht, die Beziehung war vorbei. Bekannte erzählen, dass er alle Tabletten abgesetzt hat und der Wahnsinn richtig begann.
Sascha W. hat diese Trennung nicht verkraftet. Er wollte sich für alles rächen. Deshalb hat er auch begonnen, seinem Freundeskreis Droh-SMS zu schreiben. Er hat seine Freunde terrorisiert, ihnen bis zu 80 Mitteilungen pro Tag geschickt. Und er wollte, dass sie in seinem persönlichen „Film im Kopf“ mitspielen, bei dem das Highlight die Entführung und sein Sturz vom Hotel sein sollte.
Bei der Polizeiw war Sascha W. jedenfalls kein Unbekannter: Er hat sogar ein Betretungsverbot bei der Familie V. gehabt. Die Bedrohten haben nun Angst, dass er nicht eingesperrt wird: „Wir appellieren an die Behörden, dass endlich etwas passiert.“

Freund von Sascha W. geschockt: "Er schickte pro tag 80 Droh-SMS"

ÖSTERREICH: War die ganze Entführung wirklich wie ein Drehbuch geplant?
Billy V.: Ich war ein "Darsteller". Alle Freunde waren in dem Film integriert. Die Entführung war in seinen Worten "das Highlight vor dem Showdown". Er hat allen gedroht, dass er auch sein Kind umbringt und vom Dach des Hiltons springt.

ÖSTERREICH: War Sascha W. schon länger so drauf?
V.: Er hat sich Ende Jänner versucht mit 150 Tabletten umzubringen. Er war in psychiatrischer Behandlung, die wieder eingestellt wurde, weil er sich wieder im Griff hatte. Als seine letzte Freundin mit ihm Schluss gemacht hat, ist er durchgedreht.

ÖSTERREICH: Inwiefern?
V.: Das hat ihm den Rest gegeben. Plötzlich wollte er sich für alle Lügen im Leben rächen und zeigen, dass er mit uns wie auch mit der Polizei einen Film spielen kann. Er hat uns ausgespielt.

ÖSTERREICH: Haben Sie die Polizei alarmiert?
V.: Ja, natürlich. Es gab unzählige Anzeigen wegen Stalkings und gefährlicher Drohung. Wir haben 40 Seiten ausgedruckter SMS überreicht. Doch die Polizei sagte, ihnen fehlt jede Handhabe, das seien ja nur SMS.

ÖSTERREICH: Wie hat die Polizei sonst noch reagiert?
V.: Sogenannte Opferschutzmaßnahmen. Die kommen in die Wohnungen und machen Routinekontrollen. Derweil hat meine Frau 80 SMS pro Tag vom Sascha bekommen. Wir hatten von ihm derart Schiss, das wir sogar die Kinder ins Ausland gebracht haben. Schließlich haben wir vom Gericht dann doch eine einstweilige Verfügung bekommen, dass er nicht mehr in gewisse Gegenden kommen darf.

ÖSTERREICH: Wie hat Sascha W. darauf reagiert?
V.: Er sagte: "Ich pfeife auf das Betretungsverbot!"

ÖSTERREICH: Haben Sie jetzt Angst, dass Sascha wieder schnell frei kommt?
V.: Ich fordere, dass der Staatsanwalt ihn nicht gehen lässt. Der wird weitermachen. Er hat ja gedroht: "Aus dem Häf'n wird alles noch schlimmer." Bei der Verhaftung hat er nur gelacht. Und ich erinnere mich an ein ganz böses SMS: "Ich kenne Eure Schwächen."

ÖSTERREICH: Ihr wichtigster Appell an die Behörden?
V.: Die Polizei hätte schon vorher viele Möglichkeiten gehabt, den Sascha aus dem Verkehr zu ziehen. Aber ihnen sind die Hände gebunden, weil es gegen solche Menschen keine Gesetze gibt. Es ist schon verrückt: Da rennt ein Irrer herum und man kann sich nur fragen, wie sicher ist man als Bürger in diesem Land.

Der „Entführungsfall“ um den kleinen Lukas sorgte auch in der FPÖ für bange Stunden. Die Mutter ist tief in der Partei verwurzelt.
Bereits wenige Minuten nachdem der Vater mit dem Kind geflohen war, machte die Story vom Parlament aus ihre Runde. Denn: Die Mutter von Lukas und Ex-Frau des „Entführers“ ist Büroleiterin für einen hohen FPÖ-Politiker. Und sie teilt das Zimmer mit der persönlichen Referentin von Heinz-Christian Strache.
Auch der neue Lebensgefährte der Wienerin verfolgt dieselbe politische Ideologie wie seine Freundin. Er ist der Sohn eines FPÖ-Urgesteins. Am Telefon sagt er zu ÖSTERREICH: „Das Ganze ist eine Privatangelegenheit. Ich bitte um Diskretion.“
Doch die Partei selbst dürfte die Causa etwas hochgekocht haben, weil auf den Wiener Polizeipräsidenten offenbar so viel Druck ausgeübt wurde, dass dieser persönlich den Führungsstab im sechsten Stock der Polizeidirektion leitete. Dass tatsächlich interveniert wurde, ist von allen Seiten heftig abgestritten worden.
Ein FPÖ-Mitarbeiter, der allerdings anonym bleiben möchte, bringt die Stimmung in der Partei auf den Punkt: „Wir hatten alle sehr große Sorge, dass der Mann dem Buben etwas antun könnte. Jetzt sind wir alle extrem erleichtert, dass die Sache glimpflich und ohne Zwischenfälle ausgegangen ist.“

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