22. Februar 2010 17:25
Am Samstag habe ich mir die Ausstellung zuerst bei Tag angesehen. Der erste
Raum sieht aus wie ein Nachtklub. In den hinteren Zimmern kommt, was die
Gemüter derzeit in Wien erregt. Liegewiesen (mit Spiegeln rundherum und
obenauf), Separees, eine strenge Kammer mit allem was dazu gehört, sogar
einen Jacuzzi haben sie eingebaut. Die Museumsbesucher waren neugierig, aber
dennoch etwas irritiert, keiner wusste so recht was das Ganze soll.
Lack und Leder
Am Abend jedoch, der Rest der Ausstellungen hatte
längst schon geschlossen, war allen klar, was diese Ausstellung für viele
zum Erlebnis macht. Vor dem Eingang stand kurz vor Mitternacht eine Traube
Menschen. Und drinnen war es schon gesteckt voll. Das Outfit der Ladys: Lack
und Leder in allen Varianten. Die einen hatten mehr an, die anderen nur High
Heels, String-Tangas und Corsagen. Die Männer gaben sich eher züchtig.
Eines hatten sie gemeinsam: Sie waren jung, hübsch und dynamisch. Sahen also
nicht so aus, wie man sich das Swinger-Club-Publikum so vorstellt. Die
Performance in der strengen Kammer – eine Frau ließ sich vor Publikum
fesseln – war nicht abstoßend, eher interessant. Die Separees waren belegt,
wer nicht mitmachen wollte, sah zu. Viele waren auch willens sich
fotografieren zu lassen. Eine davon: "Wir tun keinem weh, wir haben
Spaß. Witzig ist es aber schon, dass das plötzlich Kunst ist.“
Hintergrund: Steurzahler-Geld für die "Kunst"
Wie ÖSTERREICH bereits berichtete, steht im Mittelpunkt eines neuen
Kunstprojekts des hoch dotierten und renommierten Schweizer Künstlers
Christoph Büchel in der Wiener Secession ein tatsächlich in Betrieb
stehender Swinger-Club. Tagsüber ist dieser wie die anderen Ausstellungen
zum normalen Eintrittspreis der Secession zu besichtigen.
Ab 21 Uhr jedoch kostet es mehr, denn ab dann geht die Post ab: Eintreten
in den Sündenpfuhl, der von der Secession um 90.000 Euro umgebaut, adaptiert
und eingerichtet wurde (inklusive Sado-Maso-Kammer) kann jeder, der bereit
ist, den Eintrittspreis zwischen 6 und 42 Euro (gestaffelt nach Tag und
Geschlecht) zu bezahlen. Die einzige Einschränkung: man muss über 18 Jahre
sein. Und sollte keine sexuellen Hemmungen haben.
Der Swinger-Club ist in aller Munde
Der „Verein der
kontaktfreudigen Nachtschwärmer“ (Infos: www.element6.at),
der den Swinger-Club „Element6“ nun für zwei Monate in die ehrwürdigen
Secession verlegt hat, logiert normalerweise in der Kaiserstraße in Neubau.
Betreiber sind seit zwei Jahren zwei Männer und zwei Frauen aus
unterschiedlichen Berufsgruppen. Sie sind sozusagen Nebenerwerbs-Swinger.
Gabi Högler eine der beiden: "Mit unserer Mitwirkung am Projekt in
der Secession wollen wir jetzt möglichst vielen Menschen die Gelegenheit
geben, eine Hemmschwelle zu überwinden; und sich den Swinger-Club einfach
anzuschauen.“ Mit einer dermaßen erhitzten Debatte habe sie nicht gerechnet.
„Wir freuen uns aber sehr darüber, denn genau das war der Sinn.“ Eines hat
der Verein erreicht: Der Swinger Club ist in aller Munde, von der
Ausstellung des rennommieren und hoch bezahlten Künstlers spricht kein
Mensch.
Kein Kunstprojekt sondern eine grobe Täuschung
Nebst
einigen Museumsbesuchern, die sich überrascht bis schockiert zeigten erregt
die Chose Bezirkschefin Ursula Stenzel, die dem Projekt ihren Segen gab: "Ich
habe das Ansuchen schon unter massivem Protest unterschrieben. Es war immer
die Rede von einem Kunstprojekt mit Nachtklub. Aber niemals von einem
Swinger-Club. Ich bin erst aufgrund des Berichts in ÖSTERREICH darauf
gestoßen, dass in der Secession tatsächlich Obszönitäten betrieben werden.“
Ungeheuerlich sei das.
Da wurden, so Stenzel weiter, offensichtlich Steuergelder missbräuchlich als
Subvention lukriert. Aufgrund der groben Täuschung, die hier vorliegt,
sollte der Verein die Subventionen zurückzahlen und die
Swingerclub-Aktivitäten gestoppt werden, fordert Stenzel.
550.000 Euro aus dem Steuertopf
220.000 Euro erhält die
Secession jährlich vom Unterrichts- und Kunstministerium. Und 330.000 Euro
von der Stadt Wien. Die Secession wird so zu einem Drittel durch
Jahresförderungen finanziert, den Rest zahlen Private und Sponsoren.
Indirekt wird das umstrittene Kunstprojekt aber dennoch vom Steuerzahler bezahlt. Die Secession selbst hat in dieses Projekt - Umbau und Adaptierung
zu einem Swinger-Club inklusive Sado-Maso-Kammer - 90.000 Euro gesteckt.
Freiheit der Kunst
Im Kreuzfeuer stehen auch Ministerin Claudia
Schmied und die Stadt Wien. Nikolaus Pelinka, Sprecher von Ministerin
Schmied: "Wir kommentieren die Ausstellung nicht. Das Kulturministerium
ist nicht die Sittenpolizei und vergibt auch keine Schulnoten für jede der
tausenden jährlich stattfindenden Ausstellungen in geförderten
Institutionen.“Auch der Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny
schlägt in die gleiche Kerbe: „In das Kunstprojekt von Christoph Büchel
fließt kein öffentliches Geld, die Secession stellt lediglich die Flächen
zur Verfügung.“
Bezirkschefin Ursula Stenzel indes übt harsche Kritik an der
Kulturförderung: "Ich verstehe nicht, dass die Stadt Wien und der
Bund die Sache fördern.“ Kultursprecher Gerald Ebinger (FP): "Unter
dem Missbrauch der Freiheit der Kunst wird hier die Bedeutung Österreichs
als Kulturland in den Dreck gezogen. So etwas zu fördern ist ein Skandal.“