10. März 2010 20:10
Der Sportplatz der Grazer Belgier-Kaserne ist seit gestern bis auf Weiteres
gesperrt. Denn auf dem Areal, auf dem sonst Rekruten gedrillt werden, wurde
ein Massengrab entdeckt. Mit ungebrochener Gesinnungstreue hatten die Nazis
noch im Frühjahr 1945 Regimegegner und Juden ermordet – zu einem Zeitpunkt,
als der Krieg längst verloren war. Bei dem Massaker in der Belgier-Kaserne,
damals SS-Kaserne Wetzelsdorf, starben bis zu 219 Menschen.
Zeugen der NS-Verbrechen noch schnell beseitigt
SP-Verteidigungsminister
Norbert Darabos hatte 2008 eine Untersuchung über die Vorkommnisse in der
Kaserne zu Kriegsende beauftragt. Ergebnis: Zielgerichtet war eine
Todesliste von Personen erstellt worden, die NS-Funktionäre hätten belasten
können. Bis zuletzt ging auch der Holocaust weiter: Von einem Transport
Tausender ungarischer Juden, die noch vor dem Einmarsch der Roten Armee ins
KZ Mauthausen gebracht werden sollten, wurden 80 bis 150 in der Grazer
SS-Kaserne hingerichtet.
Konkret vermutet der Historiker Georg Hoffmann (Interview) noch an die 60
Opfer in Bombenkratern, deren Lage erst jetzt durch US-Luftbildaufnahmen
bekannt wurde. Um die Tat zu verschleiern, wurde ein Teil der Opfer wieder
aus- und am Schießplatz Feliferhof begraben. Diese 142 Leichen wurden im
Juni 1945 gefunden, doch der Tatort selbst blieb bis heute unklar. Einer der
Täter, ein SS-Offizier, wurde 1911 geboren und könnte heute noch am Leben
sein. Seine Spur verläuft sich in den 1950ern in Deutschland.
Innenministerium lässt sich bei Exhumierung Zeit
Jetzt sei
das Innenministerium von Maria Fekter am Zug, eine Grabung zu veranlassen,
so Darabos. Innenministeriumssprecher Rudolf Gollia sagt aber: „Wir müssen
erst die Zuständigkeit klären.“ Darabos selbst will „eine Vorreiterrolle
übernehmen“. Auch wegen der aktuellen Diskussion um FP-Hofburgkandidatin
Barbara Rosenkranz, die sich nicht adäquat von den Naziverbrechen
distanziere.
Historiker Hoffmann im Interview:
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ÖSTERREICH: Wie kam es zu dem Massaker in Wetzelsdorf? Georg
Hoffmann: Landesgericht und Gestapo Graz, sowie die Leitung des
Internierungslagers Graz-Thalerhof erstellten zusammen eine
Todesliste. Das Massaker fand dann am 2., 3., 7. und 18. April statt.
Bei Einbruch der Dunkelheit wurden die Opfer erschossen und in
Bombenkratern verscharrt. Der Kasernen-Kommandant war aber zu der Zeit
an der Front. Als er zurückkam, ließ er einen Teil der Leichen
ausgraben und am Feliferhof verscharren, um nicht zur Verantwortung
gezogen zu werden. Aber er hat nicht alle Gräber gefunden. ÖSTERREICH:
Wie viele
Opfer gibt es insgesamt? Hoffmann:
Das ist schwer zu sagen, weil auch 80 bis 150 ungarische Juden
darunter waren. Insgesamt waren es 149 bis 219 Opfer, nur von 70 weiß
man die Namen. ÖSTERREICH: Das Massengrab am
Feliferhof wurde schon 1945 entdeckt. Warum kennt man das volle
Ausmaß erst jetzt? Hoffmann: Es gab damals einen
Prozess wegen der Ermordung von 15 US-Militärangehörigen, doch es
stellte sich heraus, dass sie überlebt hatten. Die US-Behörden
sprachen die Täter frei. Die österreichische Justiz wäre für die
anderen Opfer zuständig gewesen, blieb aber untätig. Ein anderer Grund
ist, dass US- und britische Archive mit Opferdaten und den
Luftbildaufnahmen zur Lage der Bombenkrater erst jetzt offen sind.
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