Missbrauchs-Opfer

© ÖSTERREICH/ Niesner

 

"Mein Onkel, der Prügel-Pater"

Es war ein Schreckensregime, aber niemand hat mir geglaubt“, erzählt Michael S.* (Name geändert), Ex-Schüler im Stift Kremsmünster. Fünf Jahre lang, von 1975 bis 1980, verbrachte der Wiener dort, wo Gewalt, sexueller Missbrauch und Folter durch Patres offenbar zum Alltag gehörten. Heute ist S. fast 45 Jahre alt und redet sich das Leid von der Seele.

"Alle wussten von dem Missbrauch, keiner reagierte"
ÖSTERREICH: Fünf Jahre lang waren Sie Schüler im Stift. Wieso mussten Sie als Wiener nach Kremsmünster? Michael s.: Mein Onkel, Pater Nikolaus, lehrte in Kremsmünster. Er war für unsere Familie heilig. Meine Mutter wünschte sich, dass ich dorthin gehe. ÖSTERREICH: Was haben Sie in Kremsmünster erlebt? Michael S.: Es war ein „Schreckens-Regime“, es war Folterei. Ich wurde physisch und psychisch missbraucht. Ich war einsam, hatte Heimweh. ÖSTERREICH: Schildern Sie Ihr ärgstes Erlebnis. Michael S.: Ich war 13. Im Schlafsaal kam es zu einem kleinen Brand. Pater Benno hat mich zu sich gerufen, er brauchte einen Schuldigen. Ich kniete mich hin und er hat mir die Haare rausgerissen. Es tat schrecklich weh. ÖSTERREICH: War das der einzige Vorfall? Michael s.: Nein, Pater Leonhard hat mich öfter in sein Zimmer gebeten. Er hat gefragt, ob ich brav bin. Dann hat sich ein Bergsteigerseil genommen und auf mich eingeschlagen, 20 Mal. Pater Alfons hat mich mit Füßen und Händen verprügelt. Im Speisesaal nahmen die Patres die Kinder mit den Köpfen zwischen die Füße. ÖSTERREICH: Wurden Sie auch sexuell missbraucht? Michael S.: Nein, als Neffe von Pater Nikolaus war ich da „geschützt“. Doch nach den Schlägen hat mich mein Onkel immer zu sich befohlen. Er hat mich beschimpft, eingeschüchtert. Es war reinste Gehirnwäsche. Ich wusste, dass er streng war und andere geschlagen hat. ÖSTERREICH: Gab es sexuellen Missbrauch? Michael S.: Ja. Neben dem Schlafsaal hat Pater Alfons sein Zimmer gehabt. Wir nannten es „Hades“, Hölle. Es war normal, dass er Kinder zu sich holte, sie sexuell missbrauchte. Pater Benedikt hat vor der Klasse seinen Penis berührt. Dann hat er an seinen Händen geschnüffelt. Alle wussten von Missbrauch, aber keiner hat etwas getan. ÖSTERREICH: Hat Ihre Mutter davon gewusst? Michael s.: Ich habe es ihr damals oft erzählt. Sie hat mir nicht geglaubt. Jetzt, als der Missbrauch bekannt wurde, hat sie sich bei mir entschuldigt. Ich mache ihr Vorwürfe. ÖSTERREICH: Warum gehen Sie an die Öffentlichkeit? Michael s.: Der Auslöser war, dass Pater Leonhard behauptet hat, die Opfer haben alles nur erfunden. Ich kann deshalb nicht mehr schlafen, bin aus der Kirche ausgetreten. Ich werde in zwei Wochen 45 Jahre alt – davor wollte ich mich von dem Gräuel in meinem Kopf befreien. Interview: Jochen Prüller

Es ist ein besonders tragischer Fall: Denn S. wurde von Patres geschlagen, obwohl sein Onkel, Pater Nikolaus, im Stift tätig war. Wegen ihm besuchte der Wiener das Stift Kremsmünster. „Mein Onkel war für unsere Familie heilig.“ Aber: Eben jener Onkel missbrauchte seinen Neffen psychisch, schüchterte ihn ein. „Es war wie Gehirnwäsche.“ Und: Pater Nikolaus hat andere Zöglinge verprügelt – deshalb wurde er wie vier andere Patres am Montag suspendiert.

Täglich melden sich neue Missbrauchsopfer, die nicht länger schweigen möchten – in ganz Österreich dürften es 300 sein. Seit Mittwoch ist bekannt, dass es im Kloster Mehrerau (Vbg.) Vergewaltigungen gab – das Landeskriminalamt ermittelt. Auch im Stift Wilten (Tirol) wurden Schüler missbraucht.

Papst Benedikt XVI. schweigt weiter – erst am Freitag will er einen Hirtenbrief an die irische Kirche zum Thema Missbrauch frei geben. Spätestens Anfang nächster Woche soll er veröffentlicht werden.

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