23. Jänner 2010 15:47
„Natascha Kampusch – 3.096 Tage Gefangenschaft“ läuft morgen um 21 Uhr auf
ARD, ab 21.50 Uhr auf ATV. Doku-Macher Peter Reichard durfte erstmals in
Wolfgang Priklopils Haus filmen und interviewte Kampusch mehr als 20 Stunden
lang.
Natascha Kampusch über ihre Entführung: Er packte mich und brachte mich in
seinen Kastenwagen. Ich versuchte zu schreien, aber es kam kein Laut, es war
ein stummer Schrei. Ich hatte in dem Moment mit meinem Leben schon
abgeschlossen.
Er ist zu seiner Garage gefahren. Dort hat er mich in eine blaue Decke
gewickelt und ins Haus getragen. Dann hat er mich im Verlies auf den Boden
gelegt, im Finstern.
...über die ersten Tage: Er brachte mir eine Matratze. Als
Polster hatte ich meine Jacke. Meine Schultasche hatte er mir weggenommen
und meine Schuhe verbrannt.
Zu Beginn musste ich Plastiksackerl auf dem Kopf tragen, darunter
Haarklammern. Die gruben sich in meine Kopfhaut und das hat sehr weh getan.
Ich habe mir dann meine Haare gekürzt. Als er das sah, hat er gemeint, dass
er mir dann gleich eine Glatze schneidet.
...über Priklopil: Er hatte ein Gewissen und er war sich seiner
Taten bewusst. Aufgrund einer Kränkung war er so labil, dass er es als
Lösung gesehen hat, dass er jemanden kidnappt. Er hat in mir eine Art
Mitgefühl und Mitleid erweckt.
...über ihre Ängste: Er brauchte eine Stunde, um das
Verlies zu öffnen, das war ein riesen Kraftaufwand. Stellen Sie sich vor,
der hätte sich etwas angetan oder wäre schwächer geworden. Der hätte das nie
wieder aufgekriegt. Ich wäre wie ein ägyptischer Pharao begraben gewesen und
später tot, konserviert.
...über den Alltag: Er hat mich in seinen Haushalt integriert
und als Arbeitstier verwendet. Er hatte einen totalen Putzzwang, hat immer
alles abgewischt. Ich durfte ja nichts anfassen. Ich bin misshandelt worden,
wenn ich irgendwo einen Fingerabdruck gemacht habe, nicht weil er von mir
war, sondern weil er hässlich auf der Oberfläche aussah. Dann hat er meine
Hand gepackt und mit dem Handrücken den Abdruck weggewischt.
...über Quälereien: Ich habe ein paar Mal, wenn er mich zu
sehr gequält hat, versucht, nach der Polizei zu rufen. Dann hat er mich
sofort ganz brutal gepackt, gewürgt und geschlagen.
Er wollte nicht, dass ich weine. Er hat mir mit dem Handrücken die Tränen
ins Gesicht eingerieben oder mich ins Bad gezerrt und zum Waschbecken
runtergedrückt. Er hat mir das Weinen verboten, weil er Angst hatte um seine
Fliesen.
...über ihre Flucht: Der Täter war am Handy und hat mir
befohlen, das Auto auszusaugen. Er ging, weil es so laut war, zum
Swimmingpool rüber, es könnten so elf Meter gewesen sein. Ich habe diese
Gelegenheit genutzt, habe den Staubsauger einfach weiterlaufen lassen und
bin weggelaufen, so schnell mich meine Füße trugen.
... über die Reaktionen in der Öffentlichkeit: Ich bin für
mein Leben geächtet. Das heißt, ich habe einen Stempel auf meiner Stirn, wo
darauf steht: Gewaltopfer. Es wird mir nie oder selten jemand wertfrei
begegnen können. Ich löse in vielen Menschen unbewusste Aggressionen aus.
Vielleicht liegt das daran, dass die ganze Tat Aggressionen auslöst. Und da
ich die einzige Person bin, die noch greifbar ist, bin ich die, die das
abkriegt.
Ich wünsche mir, dass die Menschen einen natürlichen Umgang mit mir haben.
Ich habe auch eine Chance verdient, so wie jeder andere.