12. Juni 2010 23:00
Es waren die fünf schlimmsten Stunden ihres Lebens: Aus dem Maxi-Cosi heraus
wurde die erst drei Monate alte Nora Mittwoch früh in einem Salzburger
Shoppingcenter von der geistig verwirrten Elisabeth S. (32) entführt.
Stundenlang wussten Nina und Mike Zwilling nicht, wo sich ihre Tochter
aufhält, ob es ihr gut geht, ob sie noch lebt.
Erst am Nachmittag konnte die Polizei die Kidnapperin im bayrischen
Unterwössen fassen, Minuten zuvor hatte sie Nora in ihrem Kindersitz einfach
auf der Wiese eines Parkplatzes abgestellt.
Elisabeth S., eine Tirolerin aus dem Bezirk Kitzbühel, hat inzwischen die
Tat gestanden, Psychiater attestierten ihr einen „übersteigerten
Kinderwunsch und eine Störung des Sozialverhaltens.“ Doch auch wenn die
32-Jährige inzwischen im Gefängnis sitzt – für Nina und Mike Zwilling hat
sich ihr Leben für immer verändert.
Schock kommt erst jetzt
„Erst mit der Zeit wurde den beiden
wirklich das Ausmaß dieser Entführung bewusst“, erklärt Noras Großvater, die
Ski-Legende David Zwilling, im Gespräch mit ÖSTERREICH. Die Familie hat sich
seit dem Drama aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, will keine Interviews
geben, ihr wiedergefundenes Glück mit ihren zwei weiteren Kindern, Eva (4)
und Arno (2), in Ruhe genießen.
Wie eine positive Vorahnung wirkt im Rückblick da der Psalm von Noras
Geburtstagskarte: „Du weißt, dass Gottes Hand dich hält, wo immer dich
Gefahr umstellt.“
Doch trotzdem: Völlig vergessen machen lässt sich das Geschehene nicht.
Besonders die 34-jährige Nina Zwilling leidet am Erlebten. „Sie hat zu mir
gesagt: Ich mache mir Vorwürfe, dass ich vielleicht zu wenig aufgepasst
habe“, sagt ihr Schwiegervater.
Entführerin wünschte sich selbst ein Kind
Denn: Ihre
Mutter hatte die kleine Nora in ihrem Maxi-Cosi kurz vor einer
Umkleidekabine abgestellt, um ein Sommerkleid zu probieren. Alle paar
Sekunden hielt sie Blickkontakt zu dem Baby, doch um 9.45 Uhr schlug
Elisabeth S. zu, der Maxi-Cosi war leer und für Nina Zwilling, die gelernte
Werbegrafikerin, begann die schlimmste Prüfung ihres Lebens. In einer
dunklen Tragetasche schmuggelte die Entführerin, die sich immer selbst ein
Kind gewünscht hatte, das Mädchen aus dem Europapark, rauschte in ihrem
Peugeot 206 Richtung Deutschland.
Währenddessen leitete die Polizei eine Großfahndung ein, für Nina und Mike
Zwilling begann eine Zeit zwischen Hoffen und Bangen. Erst die Bilder der
Überwachungskamera brachten den entscheidenden Hinweis – Elisabeth S. wurde
identifiziert, kurze Zeit später, um 14.30 Uhr, der Wagen von der bayrischen
Polizei entdeckt.
Am Samstag dann machte die Familie einen weiteren Schritt in Richtung
Normalität: Im engsten Familienkreis wurde die kleine Nora getauft. Seit
Wochen stand der Termin bereits fest. Und: Trotz aller Aufregung dürfte die
Kleine das Erlebte bereits weitgehend verarbeitet haben, auch keine
körperlichen Schäden davongetragen haben. „Als ich sie das erste Mal wieder
gesehen habe, war er wieder da: ihr friedlicher Blick und ihre Seelenruhe.
So ist Nora“, sagt ihr stolzer Opa.
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Nora-Großvater: "Die Rückkehr ist ein Wunder"
ÖSTERREICH: Wie geht es Ihnen und Ihrer Familie jetzt, vier Tage
nach der Entführung der kleinen Nora?
David Zwilling: Es ist ein Wunder, dass alles so gut
ausgegangen ist. Man muss sich das vorstellen: Das Ganze hat fünf
Stunden gedauert, acht Stunden hat das Kind nichts zu essen gehabt,
wurde dann in der Hitze einfach irgendwo abgelegt – man will sich gar
nicht vorstellen, was alles hätte passieren können. Wir sind ungeheuer
dankbar.
ÖSTERREICH: Ist so etwas wie Normalität schon wieder möglich?
Zwilling: Bei meinem Sohn und meiner Schwiegertochter kommt
erst jetzt das Nachdenken. So etwas müssen sie erst richtig
verkraften.
ÖSTERREICH: Sprechen Sie in Ihrer Familie über die Entführung am
Mittwoch?
Zwilling: Ja, das tun wir. Vor allem die Äußerungen meiner
Schwiegertochter haben mich tief berührt. Sie ist nicht böse auf die
Frau, die ihr das angetan hat, sie hat Verständnis und es tut ihr
leid, dass es für die Frau so gekommen ist. Sie zeigt ungeheure Größe.
Aber sie macht sich auch Vorwürfe.
ÖSTERREICH: Vorwürfe?
Zwilling: Sie quält sich mit dem Selbstvorwurf, dass sie
vielleicht zu wenig aufgepasst hat, obwohl sie den Kinderwagen ja nie
aus den Augen gelassen hat. Dass plötzlich jemand ein Kind aus dem
Maxi-Cosi nimmt – auf so eine Idee kommt man ja einfach nicht.
ÖSTERREICH: Wie würden Sie Ihre Schwiegertochter als Mutter
beschreiben?
Zwilling: Sie hat jetzt drei Kinder und wie sie mit ihnen
umgeht und mit wie viel Liebe sie sie erzieht – das ist wirklich ganz
einzigartig.
ÖSTERREICH: Nora hat noch zwei andere Geschwister – haben sie etwas
von dieser Aufregung mitbekommen?
Zwilling: Der zweijährige Arno war ja am Mittwoch mit dabei,
hat aber nicht realisiert, was dahintersteckt. Als meine
Schwiegertochter ihrer vierjährigen Tochter alles erklärt hat, war ich
dabei. Es war ein ganz liebes Gespräch und plötzlich hat die Kleine
gesagt: „Mami, vielleicht hat die Frau ja kein Baby bekommen können.“
Sie hat die Vorfälle schon in gewisser Weise verstanden.
ÖSTERREICH: Hat sich Nora durch die Entführung in irgendeiner Weise
verändert?
Zwilling: Als ich sie das erste Mal wieder gesehen habe, war er
wieder da: ihr friedlicher Blick und ihre Seelenruhe. So ist sie. Und
auch der Arzt hat gesagt, dass alles o.k. ist. In der Nacht nach der
Entführung hat sie ruhig geschlafen, wir sind sehr glücklich.
ÖSTERREICH: Gestern wurde sie dann getauft.
Zwilling: Ja, die Taufe fand im engsten Familienkreis statt und
war schon lange vor der Entführung für diesen Tag geplant. Es war so
ein Glücksgefühl, das Kind in so einem Moment taufen lassen zu können
– etwas Schöneres kann man sich ja gar nicht wünschen.
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