24. Mai 2009 18:18
Die Schießerei in einem indischen Gebetshaus in Wien-Fünfhaus offenbart
tiefgehende Differenzen innerhalb der Glaubensgemeinschaft der Sikh. Die
Glaubensströmung "Shri Guru Ravidas (Ravidass) Sabha" ist eine von "Dalit"
(Unberührbaren) getragene Bewegung, die gegen das unter den Sikhs
unterschwellig verbreitete Kastenwesen kämpft. Voriges Jahr kam es daher in
einem Ravidas-Gebetshaus im westkanadischen Burnaby sogar zu einem Fall von
umgekehrter Diskriminierung: Zwei Sikhs höherer Kasten ("Jat") wurde der
Beitritt verwehrt.
Die beiden Jat-Sikhs klagten daraufhin - erfolglos - beim
Menschenrechtsgericht des kanadischen Bundesstaats British Columbia, um eine
Aufnahme in das Shri Guru Ravidas Sabha Gebetshaus von Burnaby zu erzwingen.
Sie argumentierten, dass die Leitung des Gebetshauses durch ihre
Entscheidung das im Sikhismus verpönte Kastensystem wieder einführe. Die
Führung des Gebetshauses befürchtete, dass die beiden Jat-Sikhs die
Kontrolle über den Tempel übernehmen wollten, dem etwa 900 Dalits angehören.
Wie das Internetportal "Tha Indian" berichtet, hat es in Kanada nämlich
schon mehrere Fälle von Machtkämpfen um Sikh-Häuser ("Gurdwaras") gegeben.
Die Sikh-Strömung beruft sich auf den Dalit Ravidas (Ravidass), einem
Berater des Sikh-Glaubensgründers Guru Nanak. Ravidas hatte im 15.
Jahrhundert als erster hinduistischer Gelehrter das Kastenwesen in der
indischen Religion herausgefordert. Wie es auf einer einschlägigen
Internetseite der New Yorker Columbia-Universität heißt, verehrt die
Bewegung unter anderem auch den US-Bürgerrechtler Martin Luther King Jr. und
den Schöpfer der indischen Verfassung Bhim Rao Ambedkar - einen
Unberührbaren -, "für deren Bemühungen zur Erlangung sozialer Gerechtigkeit
für marginalisierte und unterdrückte Gruppen".
Die Sikh-Religion gilt als Verbindung zwischen Hinduismus und Islam, steht
aber ersterem näher. So glauben die Sikhs an die Wiedergeburt, und auch das
Kastenwesen erwies sich trotz des von Guru Nanak verkündeten Egalitarismus -
der viele Dalits zum Übertritt vom Hinduismus motiviert hat - als
hartnäckig. So berichtet die US-Religionsforscherin Maryleen Dougherty, dass
einige Sikhs das System der Kasten weiterhin beachteten - etwa bei der
Eheschließung. So schreibt ein in Großbritannien lebender junger Sikh in
einem Sikh-Internetforum, für seine Eltern sei es "unabdingbar" gewesen,
dass seine Braut der gleichen Kaste kommt.
Die Ravidas-Bewegung eckt bei anderen Sikhs auch deswegen an, weil sie es
mit den vom letzten Sikh-Guru Gobind verkündeten fünf "K"-Regeln nicht so
ernst nimmt. Sie besagen, dass sich männliche Sikhs die Haare wachsen lassen
(Kesh), immer einen Kamm (Kangha) im Haar tragen und einen Säbel (Kirpan)
bei sich haben, sowie Hosen (Kuccha) und ein Armband aus Eisen (Kara) tragen
müssen. Laut Dougherty legt die Sri-Guru-Ravidas-Sabha-Bewegung aber "mehr
Wert auf die Lehren des Adi Granth (das heilige Buch der Sikhs) und das
Langar (vegetarisches Essen) als auf die Ausübung aller fünf Ks".