Was Kampusch der Polizei erzählte

Serie Teil 1

© ARD

Was Kampusch der Polizei erzählte

„Am Morgen des 2. März 1998 wollte mich meine Mutter zur Schule bringen, aber ich wollte selbst gehen. Gegen 07.00 Uhr ging ich bei der Stiege in den Innenhof des Rennbahnweges in Richtung Einkaufszentrum. [...] Ungefähr 7 Meter nach der Kreuzung fiel mir ein Mann auf, der dort bei einem weißen Kleinbus gestanden ist. [...]. Die einzige Besonderheit, die mir bei dem Auto auffiel, waren die alten schwarzen Kennzeichentafeln. Wie ich dann später erfahren habe, waren dies Tafeln gefälscht (aus 2 alten eine neue Nummer hergestellt). Dieser Mann [...] stand bei einem weißen Kleinbus und tat so, als ob er im Auto etwas suche. Ich hatte beim Näherkommen zu diesem Mann ein ungutes ´Bauchgefühl´ und wollte die Straßenseite wechseln. [...] Als ich auf gleicher Höhe mit dem Mann war, packte er mich plötzlich und zerrte mich in den leeren Laderaum des Fahrzeuges. [...]

„Lösegeld“
Ich fragte ihn, was das soll, er antwortete, dass ich ruhig sein solle, dann passiert mir nichts. Während der Fahrt habe ich gefragt, ob er ein ´Kinderverzahrer´ ist oder und mich vergewaltigen will oder mich ermorden und irgendwo einbuddeln will, oder alles zusammen. Er antwortete sinngemäß, dass wenn meine Eltern zahlen, könne ich noch heute oder morgen nach Hause. Während der Fahrt kam mir vor, dass er stundenlang im Kreis fuhr [...].

1. Hinweis auf Mittäter
Während der Fahrt sagte er, dass er auf einen Anruf auf sein Autotelefon wartete. Dieser Anruf kam jedoch nicht. [...]Soweit ich mich jetzt noch erinnern kann, fuhr er irgendwo vor Strasshof in einen Wald hinein. Er hat mir bereits während der Fahrt gesagt, dass er mich bald an andere übergeben werde. Die würden mich dann freilassen, wenn meine Eltern Lösegeld bezahlen.

2. Hinweis auf Mittäter
Im Wald hielt er das Fahrzeug an, stellte den Motor ab, öffnete die Schiebetür und hob mich aus dem Auto. [...] Er lief dann nervös und fahrig im Kreis herum, wobei er intensiv nachzudenken schien. Plötzlich sagte er zu mir, dass er mich woanders hinbringe, da die anderen nicht gekommen sind. [...] Er fuhr mit mir vom Wald weg und meine nächste Erinnerung ist, dass das Fahrzeug vor einem Haus angehalten wurde. [...] Er hob mich mit der Decke aus dem Fahrzeug heraus und trug mich ins Haus. [...] Anschließend führte er mich durch die Küche bis zu einer Brandschutztür. [...] Anschließend gab er mir die Decke über den Kopf und zog mich durch eine schmale Öffnung in einen anderen Raum. Er schob mich dann durch eine Türe in einen weiteren Raum, in dem es total finster war. [...] Nachdem er die Tür geschlossen hatte, verlor ich durch die Dunkelheit völlig das Zeitgefühl. [...] Er sagte zu mir, dass er nach Wien fahre, um für mich eine Matratze zu organisieren. Er fragte mich, ob ich etwas zum Essen haben möchte [...]. Nachdem er wieder zurückgekommen war, brachte er die gewünschten Sachen [...]. Damit mir nicht kalt wird, stellte er einen alten Ölradiator in den Raum.

3. Hinweis auf Mittäter
Irgendwie kann ich mich dunkel erinnern, dass damals von einer dritten Person (außer ihm und mir) die Rede war, der erst meine Schultasche durchsehen müsse, ob ich ein Handy oder Ähnliches – wie z.B. Verteidigungsmittel – dabei hätte“.

Peter Pilz analysiert: „An dieser Aussage sind mehrere Hinweise bemerkenswert, aber die Beamten fragten kaum nach:

  • Die Nummerntafeln waren gefälscht. Eine spontane Entführung ist damit auszuschließen.
  • Der Entführer fuhr mit seinem Opfer „stundenlang“ durch dicht besiedeltes Gebiet im Zentrum des 22. Bezirks. Er ging damit das Risiko ein, beobachtet und gefasst zu werden.
  • Der Entführer scheint seinen Plan zu ändern und begründet das vor dem Opfer: „Plötzlich sagte er zu mir, dass er mich woanders hinbringe, da die anderen nicht gekommen sind.“
  • Der Entführer hatte für sein Opfer weder Toilettesachen noch Matratze und Polster vorbereitet.
  • Das Verlies war Anfang März nicht geheizt, ein alter Ölradiator wurde provisorisch aufgestellt.
  • Damit deutet alles darauf hin, dass entweder die Entführung nicht geplant oder der Ort nicht vorgesehen war.
  • Am wichtigsten scheint aber, dass Kampusch in ihrer ersten Einvernahme mehrere Male auf weitere Täter hinwies.“

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