Tanja K. starb nach Fehldiagnose

 

"Wir durften ihr nicht Adieu sagen"

Seine Hände zittern, als er mir auf seinem Handy die Fotos seiner Tochter zeigt. „Ist sie nicht unheimlich lieb?“, sagt Gerhard K. und seine Stimme stockt.

Gerhard und Hertha K. haben das Schlimmste erlebt, das für Eltern vorstellbar ist: sie haben ihr Kind verloren. Die unglaublich tragische Geschichte der Tanja K. bewegt diese Woche das ganze Land. Die so hübsche und lebensfrohe 19-jährige Mürzzuschlagerin musste sterben, weil ein Arzt eine falsche Diagnose gestellt hatte: „Maturastress“ statt Lungeninfarkt.

An einem Donnerstag Ende April hatte Tanja an Atemnot und Brustschmerzen gelitten. Der praktische Arzt schickte die Familie zu einem Lungenspezialisten. Der hielt die junge Frau – sie war perfekt durchtrainiert und mehrfache steirische Meisterin im Rückenschwimmen – für körperlich gesund.

„Lernstress“, diagnostizierte er. Schließlich sollte eine Woche später die schriftliche Matura beginnen. Die Eltern erzählen:

ÖSTERREICH: Frau K, wie haben Sie die letzten Stunden Ihrer Tanja erlebt?

Hertha K.: Am letzten Donnerstag im April hatte Tanja einen schweren Zusammenbruch. Sie litt unter schwerer Atemnot. Wir gingen zum Hausarzt, der schickte uns sofort zum Lungenfacharzt. Er diagnostizierte Schulstress, schickte uns mit einem Asthmaspray nach Hause. Am Montag in der Früh, es war genau eine Woche vor der schriftlichen Matura, wollte sie zum Lernen beginnen. Als ich vom Keller zurückkam, war Tanja plötzlich bleich im Gesicht (beginnt zu weinen). Ich dachte, sie hat einen Kreislaufkollaps.ÖSTERREICH: Wie ging es dann weiter? Gerhard K: Wir alarmierten den Notarzt, zuerst kam aber die Rettung. Dann kam erst die Notärztin, die hat sich auch noch verfahren und unser Haus nicht gefunden. Das hat viel Zeit gekostet. Da waren Tanjas Lippen schon so bleich wie ihr Gesicht. Als die Notärztin kam, wurde es hektisch. Sie schrie: „Wir müssen sie stabilisieren.“ Plötzlich wurden Spritzen und Infusionen ausgepackt. Der Ärztekoffer lag ausgebreitet in unserer Einfahrt. In der Rettung bekam Tanja schon eine Herzmassage, wir sahen, wie der Wagen wackelte.

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Die Eltern von Tanja K. / Foto: Bruna

ÖSTERREICH: Durften Sie mitfahren?

Gerhard K.: Nein (weint). Als wir in ihr Zimmer im Spital durften, war Tanja schon tot (ringt um Worte). Ihr Körper schon kalt, wir konnten uns nicht mehr von ihr verabschieden.

Hertha K.: Es ist schlimm, wenn du aus dem Zimmer raus musst und dein Kind zurücklässt, weil es obduziert werden soll.

ÖSTERREICH: Warum haben Sie das Drama um Ihre Tochter nun öffentlich gemacht?

Gerhard K.: Wir sind es unserer Tochter schuldig, dass die Wahrheit ans Licht kommt. Wir wollen aber keine Rache, wir haben auch niemanden angezeigt oder beschuldigt. Wir wollen nur eine Klärung, weil wir glauben, dass die Embolie mit zusätzlichen Untersuchungen erkennbar gewesen wäre.

ÖSTERREICH: Wie versuchen Sie, mit dem Schicksalschlag fertig zu werden?

Hertha K.: Das haben wir noch nicht geschafft. Wir versuchen uns zwar abzulenken. Aber auch, wenn ich im Garten arbeite, sehe ich die Tanja vor mir. (weint)

Gerhard K.: Ich bin Werkzeugkonstrukteur und seit dem Vorjahr arbeitslos. Drei Wochen nach Tanjas Tod habe ich einen Job als Bäckereifahrer angenommen, um mich abzulenken. Die ersten Tage hat es geholfen, aber sobald der Job Routine war, kamen auch wieder verstärkt die Gedanken an meine Tochter.

ÖSTERREICH: Hoffen Sie manchmal, dass sie plötzlich bei der Tür reinkommt? Hertha K.: Natürlich hofft man, dass alles nur ein Albtraum war. In ihrem Zimmer ist noch alles wie immer. Wir gehen oft in ihr Zimmer, um ihre Kleidung oder ihren Lieblingspolster anzugreifen. Als ihre Klassenkameraden auf Maturareise waren, haben wir das Gefühl gehabt, Tanja wird nach dieser Woche wieder heimkommen.

Gerhard K.: Ich verstehe nicht, warum unsere Tanja aus dem Leben gerissen wurde. Wenn es einen Gott gäbe, dann hätte er dieses Unglück nicht zugelassen.

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