12. Dezember 2008 21:21
Auch 63 Tage nach Jörg Haiders Todescrash brennen am Unfallort Dutzende
Kerzen. Dahinter steht auf einer Tafel: „Kärnten will die Wahrheit. Lauter
offene Fragen! Wir haben ein Recht auf Antworten.“
Abgeschirmt
Zu den größten Mysterien gehört: Wer ist die
Lenkerin, die Haider am 11. Oktober um 1.18 Uhr mit etwa 170 km/h überholte
– und Sekunden später die Herrschaft über seinen VW Phaeton verlor? Erst
hieß es, sie sei Slowenin. Später wurde sie abgeschirmt wie eine Kronzeugin
in einem Mafia-Verfahren. Jetzt hat ÖSTERREICH sie gefunden – und damit
eines der Rätsel gelöst. Denn was Sandra S., 37 Jahre alt und zweifache
Mutter, seit dem Unfall erlebt hat, macht klar, warum die sich lieber
versteckt.
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(c) Florian Müller Zum Vergrößern auf das Bild
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1) Um kurz nach 1.00 Uhr überholt Haider knapp vor Lambichl einen PKW
in einer Kurve. 2) Nach dem Überholmanöver ordnet er sich wieder
rechts ein. Geschwindigkeit: 142 km/h. 3) Das Auto kommt von der
Fahrbahn ab, streift mit der rechten Seite eine Fahrbahnbegrenzung. 4)
Der VW Phaeton reißt ein Verkehrsschild um und ein Vorwegweiser mit
sich. 5) Ungebremst rast der Wagen auf dem Grünstreifen weiter,
mäht eine Thujenhecke nieder. 6) Am Ende der Hecke prallt das
Auto gegen einen Betonpfeiler und wird hochgeschleudert. 7)
Mehrfach überschlägt sich der VW Phaeton. Hierbei wird Jörg Haider
tödlich verletzt. 8) Mitten auf der Bundesstraße kommt das
völlig zerstörte Fahrzeug jetzt zum Stehen.
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Staubwolke
Bereits sechs Stunden nach dem Crash wurde die
Kärntnerin ins Stadtpolizeikommando Klagenfurt bestellt und dort ab 8.30 Uhr
von Inspektor G. (Dienstnummer 8352) einvernommen. Sandra S. gab an: „Ich
war auf dem Heimweg (sie wohnt nur drei Minuten vom Unfallort entfernt –
Red.) und fuhr mit 70 km/h auf der Rosentalerstraße, als ich im Rückspiele
die Lichter eines Autos sah. Der Wagen hat mich dann sehr schnell überholt.“
Gleich darauf erschrak die Lenkerin über „eine riesige Staubwolke“. Jörg
Haider war beim Einlenken in die rechte Fahrspur in den Tod gerast. Sandra
S. stoppte und rief in Panik ihren Ehemann Christoph an, danach erst die
Polizei. Der Gemahl war auch noch vor der Exekutive am Unfallort: „Er sah
die Beine aus dem Wrack ragen und hat gesagt, da ist nichts mehr zu machen.“
Beschuldigt
Fatal für die Kärntnerin die Dachzeile des
Protokolls: „Einvernahme der Beschuldigten wegen fahrlässiger
Körperverletzung“. Zwar wissen Juristen: Nach schweren Unfällen werden
Beteiligte grundsätzlich als „Beschuldigte“ ausgewiesen, weil ihnen das bis
zur Klärung des Sachverhalts mehr Rechte garantiert (Anwaltsbeistand, keine
Wahrheitspflicht). Aber mit der Punzierung war der Nährboden für Gerüchte
gelegt, zumal das Protokoll offenbar nicht unter Verschluss geblieben ist.
Anonyme Anzeige
Resultat: Am 31. Oktober langte in der
Anwaltskanzlei von Ex-Justizminister Dieter Böhmdorfer eine anonyme Anzeige
ein. Die Kernsätze daraus: Sandra S. sei nicht, wie angegeben, auf dem
Heimweg gewesen, weil ihr Haus in Fahrtrichtung hinter dem Unfallort liegt
(was nicht stimmt). Womöglich sei sie Haider in Wahrheit entgegengekommen
und habe ihn zu einem Ausweichmanöver gezwungen. Stimmig mit dieser Theorie
die Fragen des Anzeigers: „Warum hat sie ihren Mann vor der Polizei zu Hilfe
gerufen? Und wurde ein Alkotest gemacht?“ In Summe nicht mehr als Gemunkel
eines „aufmerksamen Bürgers“ – aber verheerend für eine Frau, die weiß, dass
ihr halb Kärnten heimlich Vorwürfe macht. Also sucht Sandra S. den Schutz
der Anonymität.
Geschockt
Trotzdem blieb die Kärntnerin freundlich, als
ÖSTERREICH vor ihrem schmucken Haus stand. Sie bat nur um Verständnis: „Ich
bin noch immer schwer geschockt und möchte nie mehr über den Unfall
sprechen.“ Nur für Witwe Claudia Haider hat sie eine Ausnahme gemacht. Die
beiden Frauen sind miteinander im Reinen.