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Im ÖSTERREICH-Interview: "Monster saß mir keines gegenüber"
ÖSTERREICH: Frau Kastner, wie schwer ist es, in die Seele eines
Verbrechers wie Josef Fritzl einzudringen. Haben Sie eine besondere
Strategie?
Adelheid Kastner: Ich nähere mich jemanden, den ich begutachte, nicht
anders als jedem anderen Menschen, über dessen Innenleben ich etwas
erfahren will. Man setzt sich ihm offen und respektvoll gegenüber und
fragt. Ich beobachte nicht nur, was derjenige sagt, sondern wie er
etwas sagt, wie er sich verhält und wie seine Emotionen sind.
ÖSTERREICH: Wie sind Sie in das schwierige Gespräch mit Josef Fritzl
eingestiegen?
kastner: Meine erste Frage ist immer: Wann sind Sie geboren? Und als
zweite Frage: Leben Ihre Eltern? Oder wie im Fall von Josef Fritzl:
Wie haben Ihre Eltern gelebt? Interessanterweise antworten viele mit
der Gegenfrage „Wie meinen Sie das?“, was doch ein gewisses Misstrauen
vermuten lässt.
ÖSTERREICH: Wie war Ihre erste Begegnung mit Josef Fritzl?
Kastner: Eigentlich unspektakulär. Ich habe mich vorgestellt, habe ihm
erklärt, warum ich da bin. Er hat mir geantwortet, dass er weiß, warum
ich da bin. Josef Fritzl hat sich nie verweigert, war höflich, hat
mich respektvoll behandelt und hat alle Fragen, die ich ihm gestellt
habe, beantwortet.
ÖSTERREICH: Ist Josef Fritzl ein Monster?
Kastner: Ein Monster ist mir noch nie gegenüber gesessen. Ich
begutachte Menschen, keine Monster.
ÖSTERREICH: Wenn Sie die Ursache für die psychische Störung kennen,
haben Sie dann Verständnis für das Verbrechen?
kastner: Man darf Verständnis nicht mit Rechtfertigung gleichsetzen.
Ich kann die Motive nachvollziehen. Aber das bedeutet nicht, dass ich
die Taten entschuldige. Man sagt: „Alles verstehen, heißt alles
verzeihen“ sei die Mentalität des Teufels. Das hat etwas Wahres.
Deswegen ist mir die Unterscheidung sehr wichtig.
ÖSTERREICH: Wie schaffen Sie es, bei den Gesprächen mit Kriminellen
ganz sachlich zu bleiben?
Kastner: Alle Emotionen kann man in dieser Situation nie ganz
ausschalten. Das muss ich auch nicht. Ich glaube auch nicht, dass sich
der Mensch öffnen wird, wenn man als Roboter beim Gespräch sitzt. Man
muss für das Gegenüber als Person greifbar werden, auf die er eingehen
kann. Aber ich werte und urteile nicht. Das ist auch nicht mein Job.
ÖSTERREICH: Gab es bei den sechs Treffen mit Josef Fritzl Momente, wo
er Sie schockiert hat?
Kastner: Schockiert ist ein zu heftiges Wort. Es war erstaunlich
mitzubekommen, dass Fritzl die Fähigkeit besitzt, ganze Bereiche
vollkommen wegzuschalten. Das war in sehr ausgeprägtem Maße vorhanden.
ÖSTERREICH: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Verbrechen
dieser Dimension wieder passiert?
Kastner: Das ist genauso wahrscheinlich, wie dass ein Tsunami wieder
über Tausende Menschen wegfegt. Der Fall hat aber wieder einmal
gezeigt, dass es nicht egal ist, wie man seine Kinder erzieht.
ÖSTERREICH: Haben Sie Josef Fritzl die Augen öffnen können, dass sein
Handeln abscheulich ist?
Kastner: Das habe ich ihm nicht sagen müssen, er wusste immer, dass
das, was er getan hat, nicht recht war.
ÖSTERREICH: War seine Tochter seine Traumfrau?
Kastner: Ob sie seine Traumfrau war, weiß ich nicht. Die ungestörte
Beziehung war vielmehr für ihn optimal.
ÖSTERREICH: Hat es Sie überrascht, dass sich Josef Fritzl in allen
Punkten schuldig bekannt hat?
Kastner: Ich habe am Vorabend bei ihm eine Veränderung festgestellt,
deren Auswirkung ich nicht einschätzen konnte.
ÖSTERREICH: Welche Veränderung war das?
Kastner: Josef Fritzl hat viel von seiner Selbstsicherheit eingebüßt.
ÖSTERREICH: Was halten Sie von der Todesstrafe?
Kastner: Gar nichts. Die Todesstrafe ist für mich die inakzeptable
Anmaßung eines Rechts, das keiner hat.
ÖSTERREICH: Ihre Erzählungen klingen nach Stress, warum tun Sie sich
dieses Amt an?
Kastner: Das Interessante am Beruf ist, dass man in Bereiche des
Menschen vorstoßen kann, in die man sonst gar nicht reinkommt. Mir war
schon im Kindergarten klar, dass ich Medizin studieren werde. Als
Teenager bin ich in England erstmals auf True-Crime-Berichte gestoßen,
die ich verschlungen habe. Nach meinem Studium bekam ich die
Möglichkeit, als Konsiliarärztin im Gefängnis Garsten zu arbeiten. Ich
war da, wo ich immer hinwollte.
ÖSTERREICH: Kennen Sie die TV-Serie CSI?
Kastner: Ich schalte den Fernseher nur sehr punktuell ein, etwa alle
zehn Tage. Ich finde das reale Leben spannender als jeden Film.
ÖSTERREICH: Wie können Sie die Grausamkeiten, mit denen Sie
konfrontiert sind, wegschalten?
Kastner: Auf der Onkologie zu arbeiten, ist sicherlich auch ein harter
Job. Jeder muss seinen Weg finden. Ich koche gerne und habe gute
Freunde. Und bei mir vergeht kein Tag ohne Bachs Musik. Sie entspannt
mich.
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