Lebenslang für Luca-Peiniger Lebenslang für Luca-Peiniger

Schuldspruch

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Lebenslang für Luca-Peiniger

Das Einzige, was die Armada an Psychologen aus dem Menschen Fritz D. herausholen konnte, war, dass er emotionslos ist. Und genauso emotionslos, wie in den Gutachten beschrieben, nimmt er gestern auch den Urteilsspruch im Korneuburger Landesgericht entgegen. „Lebenslange Haft und Einweisung in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher“, lautet das Urteil der acht Geschworenen nach fünf Stunden Beratung. Dann sprechen sie den 24-jährigen Tischler aus Rannersdorf bei Schwechat schuldig – schuldig, des schweren sexuellen Missbrauchs von Unmündigen mit Todesfolge. Die Verteidigung legt Berufung und Nichtigkeit ein.

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Psychische Belastung
Voraus geht dem Urteil ein emotional schwer belastender Tag – vor allem für die Geschworenen. Noch einmal wird geschildert, was sich am 1. November zugetragen hat, was Fritz D. dem nur 17 Monate alten kleinen Luca alles angetan hat, wie er ihn vergewaltigte, mit seinen Stößen verletzte, auf seinen Popo schlug und schließlich Luca durch all diese Peinigung das Leben aushauchte. Dass nur er für die Tat infrage kommt, beweist eine Reihe von Gutachten. Eine Misch-DNA auf den Druckknöpfen von Lucas Strampler und – was den Missbrauch so eindeutig macht: Ein Prostata-Enzym, das nur erwachsene Männer produzieren können, wird bei einem Anal-Abstrich des Buben nachgewiesen. Nur Fritz D. ist zum fraglichen Zeitpunkt in dem Haus, er ist sogar mit Luca allein. Doch nicht nur die „eindeutig geschlossene Beweiskette“, wie Staatsanwältin Martina Weiser in ihrem Schlussvortrag zusammenfasst, spricht gegen den gelernten Tischler.

Ein Detail taucht gegen Ende des Prozesses auf, das vielleicht doch ein wenig die Psyche dieses Menschen erklärt: eine Porno-DVD, die in seiner Gefängniszelle gefunden und den Geschworenen auch vorgespielt wird. Darauf zu sehen: harte Analsex-Szenen.

Fritz D., der über sich selbst sagt, „ich bin romantisch, Analsex kommt für mich nicht infrage, ich kenne solche Praktiken nicht“, erklärt, dass er diese Szenen nicht angesehen hat, nur die „normalen“ Sexszenen hätten ihn interessiert. Wie diese DVD überhaupt in seine Zelle gekommen sei, kann er sich aber nicht erklären, vielleicht über seine Zellenkollegen, meint D.

„Liebe Kinder“
Genauso wenig erklären kann er sich, wer, wenn nicht er, an dem besagten 1. November dem kleinen Luca so viel Gewalt antun hätte können. „Ich bin unschuldig und liebe Kinder über alles“, sagt er auch gestern in seinem Schlusswort, bei dem er den Geschworenen nach zwei Tagen doch kurz in die Augen sehen muss. Sein Betteln um Gnade hilft ihm nicht, sein Wunsch „der wahre Täter muss gefasst werden“, kann die erdrückende Faktenlage nicht mehr verändern.

Und sein gleichgültiger, fast apathischer Umgang mit den schweren Anschuldigungen, macht im wohl grausamsten Prozesses von Kindesmissbrauch eines klar: Dieser Mensch ist psychisch krank. Schwer krank. Niemand erkannte es, kein Freund, niemand in seiner Familie, auch nicht seine Freundin. Es musste erst passieren, ein Kind musste „in seinen Armen sterben“, wie Richter Gernot Braitenberg nach dem Urteil erschüttert anmerkte, ehe das Fenster in seine kranke Seele einen Spalt aufging.

Mit dem gestrigen Urteil ist ein Teil der Akte Luca geschlossen. Menschlich wird sie das wohl nie sein.

ÖSTERREICH: Fritz D. wurde heute zu lebenslanger Haft verurteilt. Erleichtert?
Bernhard Haaser: Ja, erleichtert bin ich deshalb, weil er das, was er mit dem Luca gemacht hat, keinem anderen Kind mehr antun kann. Er wird kein Kind mehr quälen.
ÖSTERREICH: Sie haben Lucas Peiniger im Prozess erlebt. Wie wirkt er auf Sie?
Haaser: Er macht mir Angst, denn er hat zwei Tage keinen Mucks gemacht und wirkt so brav und ruhig. Und es sind doch immer die Braven, Ruhigen, die Kinder missbrauchen.
ÖSTERREICH: Melanie G., Lucas Mama, war auch Zeugin im Prozess, so wie Sie. Haben Sie sich getroffen?
Haaser: Nein, das wurde vom Gericht verhindert, indem ich als letzter Zeuge geladen wurde.
ÖSTERREICH: Glauben Sie, dass beim Verfahren in Innsbruck etwas herauskommt?
Haaser: Es muss etwas herauskommen. Die Jugendämter und auch die Mutter müssen irgendwann Verantwortung übernehmen.

Autor: Barbara Haas

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12:30 Beweisverfahren abgeschlossen
Das Beweisverfahren ist abgeschlossen. Richter und Vorsitz ziehen sich zurück.

Angeklagter beteuert Unschuld
Der Angeklagte hatte das letzte Wort: Er bat die Geschworenen "von ganzem Herzen", ihn nicht zu verurteilen, er sei unschuldig. Er habe den Missbrauch nicht begangen und würde eine solche Tat nie begehen. Auch sei er ein gläubiger Mensch, er würde sowas nie tun.

11:50 Anwälte fordern Trauergeld
Die Anwälte von Vater und Mutter (die jeweils einen eigenen haben) fordern Trauergeld. Der Anwalt vom Vater fordert 30.000 Euro, der Anwalt von Mutter Melanie 15.000 Euro

11:30 Verteidigerin für Freispruch
Jetzt fehlt noch das Plädoyer der Verteidigerin. Danach werden sich die Geschworenen zur Beratung zurückzuziehen. Mit einem Urteil wird noch heute gerechnet. Ingrid Weber, die Anwältin des Angeklagten, plädiert für "In dubio pro reo" - "im Zweifel für den Angeklagten". Für sie sind die Beweise nicht eindeutig, es gäbe lediglich Indizien.

10:34 Verschiedene Versionen des Angeklagten
Der Richter verlas Auszüge aus den verschiedenen Versionen, die der 24-Jährige aus dem Bezirk Wien-Umgebung im Lauf der Ermittlungen Kriminalisten und U-Richter erzählt hatte. Die Verantwortung des Angeklagten im Prozess, Luca hätte im Gitterbett "plötzlich die Augen verdreht", wobei ihm Blut aus dem Mundwinkel rann, entspreche ungefähr seiner ersten Aussage.

Bei den anderen Varianten - etwa, dass ihm das Kleinkind heruntergefallen, dass Luca über die Treppe gestürzt sei - habe er eigenen Angaben zufolge gelogen, um seine Partnerin zu entlasten bzw. um Strafmilderung zu bekommen, wie er u.a. in einem Brief an seine Großmutter schrieb. Die Kindesmutter betonte in mehreren Aussagen, unschuldig zu sein und niemals handgreiflich gegen Luca geworden zu sein.

10:00 Staatsanwalt prüft Verdachtsmomente
Ein weiterer Bereich, in dem die Staatsanwaltschaft im Rahmen eines eigenen Vorverfahrens Verdachtsmomente gegen das Paar prüft, betrifft die zahlreichen Verletzungen, die Luca im Zeitraum der - Ende März 2007 begonnenen - Beziehung seiner Mutter mit dem Niederösterreicher erlitten hat.

9:17 Akten verlesen
Richter Gernot Braitenberg verwies beim Verlesen der Akten auf den großen Inhalt und die Gliederung des Falles: In diesem Prozess gehe es um den schrecklichen Tod des Buben. Der "große Verdachtskomplex" gegen Ärzte, Jugendämter und Jugendwohlfahrten sei nach wie vor im Vorverfahren bei der Staatsanwaltschaft und teilweise in Innsbruck anhängig.

9:15 Prozess wird fortgesetzt
Der Gerichssaal ist gefüllt. Der Prozess geht weiter. In dem Prozess geht es, wie die Staatsanwältin zu Beginn betonte, einzig um den 1. November 2007 und damit um die Umstände, die zum Tod des aus Tirol stammenden Buben geführt haben. Ausgeklammert wurde in diesem Verfahren die - tragische - Vorgeschichte.

8:09 Hochspannung vorm Finale im Luca-Prozess
Ab 9.15 Uhr beginnen die Schlussplädoyers der Staatsanwaltschaft und der Verteidigung.

19:00 Mahnwache
Direkt vor dem Gericht wurde eine Mahnwache für den kleinen Luca veranstaltet. Zu der Gedenkfeier am Hauptplatz kamen etwa 50 Menschen, die and der Lichterkette teilnahmen.

17:02 "Keine psychotische Störung"
Der Psychologe Andreas Herbst fand bei dem 24-Jährigen ebenfalls keine Hinweise auf eine psychotische Störung, allenfalls Merkmale einer zwanghaften Persönlichkeitsstörung, aber auffällige Antworten bei den Offenheitsfaktoren: Entweder sei der Angeklagte besonders vorsichtig gewesen oder habe bewusst verschleiert.

16:57 "Psychiatrisch unauffällig"
Wer auch immer den 17 Monate alten Buben so misshandelt hat, "muss eine schwere Sexualpathologie haben", sagt Brosch. Damit wären wegen höhergradiger seelischer und geistiger Abnormität die Voraussetzungen für eine Einweisung in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher gegeben. Der Angeklagte ist dagegen für Brosch in psychiatrischer Hinsicht unauffällig.

16:50 Angeklagter zurechnungsfähig
Der psychiatrische Gutachter Werner Brosch sieht beim Beschuldigten keine Hinweise auf eine schwere Störung. Er vermerkt aber die Kühle und emotionale Gelassenheit in der U-Haft, was auf schizoide Züge hindeuten könnte. In jedem Fall war Lucas "Stiefvater" zurechnungsfähig.

16:22 DNA hilft nicht weiter
Zur DNA-Spurensuche wird erläutert, dass sich Mischspuren des Buben und des Angeklagten an Lucas Kleidung und Gesäß fanden. Das beim Analabstrich gefundene Prostatasekret ohne Spermien war nicht zuordenbar.

15:48 Sexuell misshandelt
Der Bub wies außerdem einen Einriss der Schleimhaut und eine massive Überdehnung des Afters auf - laut Sachverständigen durch Penetration entstanden. Ein Sturz über die Kellertreppe würde die dokumentierten Verletzungen und Hämatome nicht erklären, hieß es.

15:32: Gehirn großteils abgestorben
Die Gutachter erzählen von Lucas Zustand nach der Einlieferung ins SMZ Ost am Nachmittag des 1. November 2007. Demnach war er bewusstlos, bei zwei Computertomographien zeigte sich eine drastische Verschlechterung der wässrigen Hirnschwellung. Das Gehirn war großteils bereits abgestorben, sein Zustand hoffnungslos und irreversibel. Zwei Tage später, am 3. November um 10.00 Uhr, war Luca tot.

15:15: Schauriges Gutachten
Der Gerichtsmediziner Nikolaus Klupp und der Neuropathologe Herbert Budka berichten von den Verletzungen, die Luca erlitten hatte. Laut Klupp hat der kleine Bub frische Hämatome und zahlreiche Einblutungen u.a. am Kiefer und an den Netzhäuten aufgewiesen. Die Verletzungen am Gehirn haben letztlich zum Tod geführt. Diese Blessuren sind laut Budka durch Gewalteinwirkung entstanden.

14:52: "Bub war Mutter im Weg"
Lucas leiblicher Vater Bernhard Haaser sagt aus, die Kindesmutter hätte sich seit ihrer Trennung von ihm "sehr verändert", der Bub "schien ihr im Weg zu sein". Sie verliere schnell die Nerven, Tätlichkeiten gegenüber seinem Kind habe er aber selbst keine beobachtet. Den neue Freund (Angeklagter) habe er niemals kennen gelernt. Er selbst hatte sein Kind "ab und zu" bei sich, Luca hätte immer einen Ausschlag am Hintern und Hämatome gehabt.

14:30: Vater des Angeklagten belastet Mutter
Der Vater des Beschuldigten schilderte, dass Luca nach Darstellung der Tirolerin ein ungewolltes, trotz Pille empfangenes Kind gewesen sei. Als die Rettungskräfte am 1. November "aus und ein" gingen, fragte er sie, was passiert sei. "Ich habe ihn geschüttelt", habe die junge Mutter geantwortet.

14:13: Freund des Angeklagten
Ein Jugendfreund verteidigte den Beschuldigten: "Er war ein richtiger Freund", ein korrekter Mensch. Er könne nichts Negatives über ihn sagen. Nach der Mittagspause soll der leibliche Vater von Luca befragt werden.

13:30: Erste Zeugin: Mutter des Angeklagten
Davon unbeeindruckt blieb die Mutter des Angeklagten: "Sie war keine liebevolle Mutter" und "sie hat zwei Gesichter", sagte sie aus. Nach Lucas Einlieferung ins Wiener SMZ Ost hätte die Familie sie überreden müssen, im Spital bei ihrem Kind zu bleiben.

13:10: Lucas Mutter sagt aus
"Ich wünsche das niemandem." Tränenerstickt erzählte die junge Frau, wie schlecht es ihr nach dem Tod ihres Sohnes gegangen war.

13:00: Keine Fotos
"Ich zeige Ihnen keinen Fotos, Sie brauchen sich nicht fürchten", meinte Richter Gernot Braitenberg zu Lucas Mutter. Sie war als Zeugin geladen. Sie sei sehr verliebt gewesen, es war eine gute Beziehung, erklärte die Tirolerin. "Schattenseiten" fielen ihr auf Frage des Richters nicht ein.

11:50: Was an dem Abend geschah
Der Angeklagte schilderte die Geschehnisse folgendermaßen: Weil Luca "müde wirkte", habe er ihn nochmals ins Bettchen niedergelegt. Beim "Vorbeigehen" sah er dann, dass dem Buben "Blut aus dem Mundwinkel rann. Im nächsten Moment verdrehte er die Augen und begann zu krampfen, wurde steif ..." - worauf er das Kind, ohne es zu schütteln, sofort hinauf zu seiner Lebensgefährtin getragen habe. Die Tirolerin schüttete ihrem bewusstlosen Kind kaltes Wasser ins Gesicht, es kam aber nicht zu sich. Während sie nach seiner in ihrem Zimmer aufhältigen jüngeren Schwester rief, die die Rettung verständigte, habe er mit der Mund-zu-Mund-Beatmung begonnen.

11:40: Keine eindeutigen Beweise
Staatsanwältin Martina Weiser verwies darauf, dass der Beschuldigte im Lauf der Ermittlungen vier verschiedene Versionen des Geschehens erzählt hatte. Für die Tat gebe es aber eindeutige Beweise. Dem widersprach Ingrid Weber, die Verteidigerin des 24-Jährigen. Eine DNA-Spur sei einzig am Strampelanzug und an der Strumpfhose des Opfers gefunden worden, wohin sie auch beim Wickeln gekommen sein könnte. Das Alter der Spuren war nicht zu bestimmen. Der Analabstrich zeigte zwar männliche Spuren, aber nicht zuordenbar.

10:23 : Nicht schuldig
Der Angeklagte bekannte sich am Anfang des Prozesses nicht schuldig. "Ich liebe Kinder über alles", wies er von sich, dem Kleinkind etwas angetan zu haben. Über seine Beziehung zur Kindsmutter: "Wir liebten uns. Wir wollten heiraten."

10:00 Lucas Papa und Mama mit eigenen Anwälten
Der Privatbeteiligtenvertreter des leiblichen Vaters, der Linzer Rechtsanwalt Christian Fischer, sprach von einer abscheulichen Tat. Er verzichtete darauf auszuführen, was Bernhard Haaser alles getan habe, um das Leid und den Tod seines Sohnes aufzuklären.

Für die - ebenfalls privatbeteiligte - Kindesmutter seien die vergangenen Monate, in denen sie in der Öffentlichkeit "unberechtigt Misshandlungsvorwürfen ausgesetzt" war, nicht leicht gewesen, erklärte deren Anwalt. Die Tirolerin, damals Mutter zweier kleiner Buben, habe sich in den Angeklagten verliebt, der sich ihr Vertrauen erschlich und auch von Jugendbehörden als ruhig und besonnen eingeschätzt worden sei - welche Abgründe in ihm waren, konnte niemand ahnen.

8:15 : Riesen-Medienandrang
Bereits eine Stunde vor dem für 9.15 Uhr angesetzten Verhandlungsbeginn bezogen zahlreiche Fotografen vor und in dem Gebäude Stellung. Die Sicherheitsvorkehrungen waren verschärft.

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