30. März 2008 08:54
Gerade war Maria Nussbaumer, Mutter des seit 16. November 2006 im Irak
entführten österreichischen Security-Guards Bert (26), wieder ein wenig
optimistischer gewesen: Mit Sohn Franz an der Seite traf sie bei ihrer Reise
in die Midwest-Metropole Minneapolis die Hinterbliebenen der vier getöteten
Kollegen vom Sicherheitsdienst Crescent Security. Gerade hatte sie die
Information bekommen, dass es sich bei einer dritten Leiche, die in der
Dover Airforce Base mittels DNA-Tests identifiziert wurde, doch nicht um
Bert handelt.
Lesen
Sie hier das Interview mit Nussbaumers Mutter!
- 19 Uhr. Die dramatische Todesnachricht erreicht Familie Nussbaumer
Doch kurz vor 19 Uhr Ortszeit läutete das Handy von Franz im Hotel Travel
Lodge nahe des Airports. Der Anrufer aus dem österreichischen Außenamt kam
rasch zur Sache: „Bert Nussbaumer ist tot.“ Das FBI hätte die Leiche
identifiziert.
- Skandalöse Details. Die Vorwürfe gegen das FBI und die
Bundesregierung
Bruder Franz konnte bei einem ersten kurzen Telefonat mit ÖSTERREICH die
grauenhafte Nachricht bestätigen: „Es ist gerade sehr schwer“, sagte er. Am
gleichen Tag hatte die Familie brisante und skandalöse Details darüber
erfahren, wie das FBI Chancen zur Befreiung der Geiseln mehrmals vermasselt
habe.
Es gibt aber auch erstmals Vorwürfe gegen die österreichische Task Force,
die 16 Monate lange versichert hat, sich intensiv um die Freilassung
Nussbaumers zu bemühen. Drei Stunden sei im März des Vorjahres der Helfer
der US-Familien Mark Koscielski, der samt seiner Website zur Drehscheibe
neuer Infos in der Tragödie wurde, mit einem Mitarbeiter der
österreichischen Botschaft in Kuwait zusammengesessen. „Ich habe ihnen alle
meine Infos gegeben“, sagt Koscielski (siehe Interview). Doch er sei von
Österreich danach niemals kontaktiert worden.
- Pannenserie. Befreiung schon kurz nach Entführung vermasselt
Laut ÖSTERREICH vorliegenden Dokumenten beginnt die unglaubliche Pannenserie
bereits an Tag eins des Geiseldramas – und hätte schon an diesem Tag beendet
sein können. Die Aktion beginnt vergleichsweise harmlos und dürfte
ursprünglich eine Racheaktion der Iraker an der Securityfirma Crescent, dem
Arbeitgeber von Nussbaumer und seinen vier US-Kollegen, gewesen sein.
Crescent hätte sich nicht an die Regeln gehalten, sprich: zu wenig
Schmiergeld bezahlt. An der Entführung beteiligt: drei übergelaufene
Ex-Mitarbeiter der Firma und offensichtlich auch Polizisten. Denn Nussbaumer
wird mit seinen Kameraden erst zur Polizeistation von Basra gebracht. „Wir
haben eure Jungs“, sagen die Entführer zu den Polizisten. Sie verlangen erst
100.000 Dollar von Crescent – ein plumper Erpressungsversuch. Crescent
informiert umgehend die britischen Besatzer, die sofort die Polizeistation
stürmten.
Sehen
Sie hier exklusiv die Bilder: Das sind Nussbaumers Entführer.
- Forderung nach Lösegeld. USA erfüllen die Zahlung nicht
Die Geiselnehmer werden aber offenbar vorgewarnt: Nur wenige Minuten vor dem
Eintreffen der Briten machen sie sich mit den fünf Geiseln davon. Ein
weiterer Informant hätte den US-Behörden in Bagdad mitgeteilt, dass er den
exakten Ort, wo die Geiseln festgehalten würden, kenne. Er forderte als
Gegenleistung die Ausreise mit seiner Familie, da wegen des „Verrats“ sein
Leben in Gefahr sei. „Die haben ihn einfach ignoriert“, sagt Koscielski.
Der Murks gipfelt in einem wahren Drama: „V-Leute“ legen Ende Dezember 2006
und Anfang Jänner 2007 Videos der fünf Geiseln vor, was einer
Kontaktaufnahme gleichkommt. Die eher geringe Lösegeldforderung von 150.000
Dollar wird partout nicht erfüllt.
Ein Spezialist mit exzellenten Kontakten im Südirak bot per E-Mails, die
ÖSTERREICH vorliegen, einen konkreten Plan des Geld-gegen-Geisel-Austausches
an: Demnach hätte Koscielski, der die Summe durch Privatspenden fast
zusammen hatte, 2.500 Dollar zunächst an Informanten zahlen sollen. Doch die
US-Behörden verwehrten Koscielskis Helfer die Einreisebewilligung in den
Irak. Erst in den letzten Tagen hatte sich der Überbringer des ersten Videos
bitter beklagt: „Niemand wollte mit uns richtig verhandeln.“