15 Stunden allein im Eis

© TZ ÖSTERREICH

"So überlebte ich die Nacht am Berg"

"In der Früh hat mein Freund noch zu mir gesagt, dass man eine Nacht da oben nicht überlebt – ich habe ihm das Gegenteil bewiesen“ – der Oberösterreicher Patrick Winter verbrachte nach einem Sturz knapp 15 Stunden im Toten Gebirge. Mutterseelenallein, bei Minusgraden, mit starken Schmerzen, den Tod vor Augen.

Trotzdem war der Schlierbacher gestern bereits schon wieder zum Scherzen aufgelegt und freute sich vor allem, seinen Sohn Noel (3) in die Arme schließen zu können. Seiner Lebensgefährtin Marlene musste er noch im Spital versprechen, dass er solch weite Touren nicht mehr alleine unternimmt. Seine Schulter wurde wieder eingerenkt, dann ging es gestern Vormittag ab nach Hause.

Fataler Fehler: 25-Jähriger vergaß Handy im Auto
Winter war am Freitag um 6 Uhr zur Überquerung des Toten Gebirges am Grundlsee aufgebrochen. „Dass da schon so viel Schnee oben ist, das habe ich unterschätzt“, gibt der erfahrene Wanderer zu. Der schicksalhafte Fehler passierte vor dem ersten Schritt: Der 25-Jähriger vergaß sein Handy im Auto des Freundes, der ihn abends am Zielpunkt wieder abholen sollte.

Doch dort kam Patrick Winter nie an. Er bemerkte, dass das Stapfen durch teils hüfthohen Schnee zu viel Zeit kostete, wollte die Tour abkürzen. „Ich bin querfeldein gegangen und auf Eis ausgerutscht“, erzählt der Alpinist. Schon beim Sturz hatte er Glück im Unglück: Er blieb auf einem Felsvorsprung liegen – knapp vor einem 50 Meter tiefen Abgrund. Beim Hochklettern verletzte er sich an der Schulter.

Bevor er abstürzte war Winter bereits fast 10 Stunden unterwegs, seine Wegzehrung war bis auf einen Riegel und einen halben Liter Pfefferminztee aufgebraucht. Der 25-Jährige sah in der Ferne noch am Abend die Einsatz-Hubschrauber kreisen, versuchte mit dem Blitz seiner Kamera auf sich aufmerksam zu machen – ohne Erfolg. Mit Gymnastik kämpfte er gegen die Kälte und den Schlaf, der ihn immer wieder übermannte. „Aber ich habe nie daran gezweifelt, dass ich es schaffen würde.“ Am nächsten Morgen entdeckten die Bergretter seine Spuren im Schnee, seilten sich zu ihm ab und brachten ihn ins Tal.

Lesen Sie hier das Interview mit Patrick Winter.

ÖSTERREICH: Wie geht es Ihnen nach Ihrer Rettung?

Patrick Winter: Gut, meine Schulter war ausgekugelt, aber ich konnte das Spital gerade verlassen, meine Lebensgefährtin und meinen Buben in die Arme schließen. So lange Touren mache ich sicher nicht mehr allein – das musste ich auch gleich versprechen.

ÖSTERREICH: Was ist am Berg passiert?

Winter Ich habe unterschätzt, wie viel Schnee da oben schon liegt – teils hüfthoch. Als mir die Zeit zu knapp wurde, bin ich querfeldein gegangen und auf Eis ausgerutscht. Nach 20 Metern bin ich auf einem Felsvorsprung liegen geblieben. Da wäre es noch 50 Meter steil hinunter gegangen. Beim Hinaufklettern hab ich mir dann die Schulter ausgekugelt.

ÖSTERREICH: Warum haben Sie keine Hilfe geholt?

Winter: Weil ich mein Handy im Auto meines Freundes vergessen hatte. Das habe ich sonst immer dabei.

ÖSTERREICH: Dann wurde es dunkel. Hatten Sie keine Angst?

Winter: Ich habe mich schon darauf eingestellt, dass es ein Überlebenskampf wird. Aber ich dachte, es wird ärger. Ich wusste, dass ich es schaffe. Ich hatte nur Angst, dass mich die Nacht zu viel Kraft kostet. Schließlich war ich bereits fast zehn Stunden unterwegs, als ich abstürzte. Ich bin immer wieder für 20 Minuten eingeschlafen und vor Kälte zitternd wieder aufgewacht.

ÖSTERREICH: Die Bergretter rückten noch am Abend aus.

Winter: Ich sah den Hubschrauber, habe versucht mit dem Blitz meiner Kamera auf mich aufmerksam zu machen – ohne Erfolg. Erst am nächsten Morgen haben sie mich gefunden.

Autor: Jessica Hirthe
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