Sonderthema:
,Die Entführer lachten – und wir waren frei'

Interview Teil 3

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,Die Entführer lachten – und wir waren frei'

ÖSTERREICH: Wie hat Ihre Beziehung mehr als acht Monate allein zu zweit in Lebensgefahr überstanden?

Andrea Kloiber: Die Ausnahmesituation hat uns zusammengeschweißt. Wir haben nie gestritten. Wolfgang war immer für mich da – und ich für ihn.

ÖSTERREICH: Wie haben Sie sich 252 Tage in der Wüste die Zeit vertrieben?

Wolfgang Ebner: Am Vormittag haben wir uns immer Aufgaben gestellt: Arabisch schreiben lernen zum Beispiel. Oder ich habe Andrea Nachhilfe in Englisch gegeben. Und am Nachmittag haben wir uns für die Arbeit belohnt: mit Kartenspielen.

ÖSTERREICH: Auch am Mittwoch, dem 29. Oktober?

Ebner: Nein, denn das war der Tag unserer Befreiung.

ÖSTERREICH: Was ist da genau passiert?

Ebner: Wir hatten gerade wieder einmal ein neues Lager bezogen, und ich habe uns einen Schattenplatz gemacht. Ungewöhnlich war: Sonst hatten die immer nur einen Wachposten für uns abgestellt, an diesem Tag aber drei mit schwerer Bewaffnung. Andrea hat mich gefragt: „Muss ich mich jetzt fürchten?“ Ich hab gesagt: „Nein, schau, die sind ja völlig entspannt und lachen.“ Ein Entführer, der Englisch konnte, ist dann zu uns gekommen und hat mir zugeraunt: „Vielleicht sind eure Probleme heute beendet.“ So gegen 14 Uhr haben wir ein Auto gehört. Da sind vier Lackeln ausgestiegen und wir haben gespürt: Es ist vorbei.

ÖSTERREICH: Sie wurden am selben Tag weggebracht?

Kloiber: Ja, und dann sind wir zwei Tage durchgefahren bis Bamako (die Hauptstadt Malis – Red.). Es war ein Höllentrip. Erst 400 Kilometer durch die Wüste, dann 400 Kilometer katas­trophale Piste, dann 1.200 Kilometer über Landstraßen. Unter normalen Umständen braucht man für diese Strecke vier Tage. In Bamanko wurden wir von Außenministerin Plassnik erwartet. Sie hat vor Rührung geweint. Wir werden allen, die uns geholfen haben, ein Leben lang dankbar sein.

ÖSTERREICH: Was sagen Sie Kritikern, die anmerken, an der Adria oder auf Mallorca wäre Ihnen all das nicht passiert – und es gäbe auch keine Diskussionen über etwaiges Lösegeld in Millionenhöhe?

Ebner: So eine Nachrede lasse ich nicht zu. Denn erstens kann man überall zur Geisel werden – wie gerade erst diese arme Bankangestellte in Vorarlberg. Wir haben uns unser Schicksal genauso wenig ausgesucht wie diese Frau. Zweitens herrscht in einem Sozialstaat die Übereinkunft, Menschen in Not zu helfen. Oder wollen wir verunfallte Bergsteiger nicht mehr retten? Wollen wir Menschen, die Jahre im Wachkoma liegen, aus Kostengründen von der Herz-Lungen-Maschine abschalten? Andrea und ich waren Opfer, und Österreich hat uns geholfen. Es ist schön. Österreicher zu sein.

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