Großer Bluff

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"Geiselnehmer" drohen bis zu 5 Jahre Haft

„15 Minuten Ruhm für jeden“ – diese Prophezeiung des Pop-Künstlers Andy Warhol hat ein Schweißer aus St. Marein im Mürztal am Mittwoch verwirklicht: Johann S. verschanzte sich 20 Stunden lang in seiner Wohnung. Mit einer Anhalterin als Geisel, behauptete der 55-Jährige. Und löste damit die bisher längste Cobra-Aktion der Steiermark aus, bei der über 100 Polizisten im Einsatz waren.

Zugriff um 4 Uhr früh
Den ganzen Tag über verhandelten Spezialisten mit dem Mann, der „Gerechtigkeit“ verlangte. Bis um 17 Uhr der Akku des „Geiselnehmers“ leer war – ab dem Zeitpunkt herrschte Funkstille. Am Donnerstag, um vier Uhr früh bereiteten zehn Beamte der Einsatztruppe Cobra dem Spuk ein Ende – sie stürmten die Wohnung in der Schaldorferstraße Nr. 3. Und es stellte sich heraus: Es handelte sich um einen großen Bluff. Denn die angebliche deutsche Geisel gab es nicht. Und auch von angeblichen Sprengfallen, Molotowcocktails und Gasflaschen (von denen später bei einer Pressekonferenz die Rede war) fehlte in Wirklichkeit jede Spur.

Benzin statt Gas-Bomben
Stattdessen fanden die Cops eine „Lanze“ (einen Stock mit einem schlecht befestigten Messer), einige Flaschen Benzin (S. spielte mit dem Gedanken, sich anzuzünden) sowie Holzkeile (um die Türen zu blockieren). Und den zitternden Johann S., der sich unter einer Decke verkrochen hatte. Aus Angst hatte sich der Mann in die Hose gemacht. Er leistete keinen Widerstand. „Ich dachte mir schon, dass etwas nicht stimmt. Eine Autostopperin unterwegs nach Griechenland, mitten im Winter … Das klang unlogisch“, sagt Chefermittler Anton Kiesl. Dennoch: „Wir mussten bis zuletzt davon ausgehen, dass es die Geisel tatsächlich gibt.“

Nötigung
Johann S. drohen nun bis zu fünf Jahre Haft – vorausgesetzt, er wird nicht eingewiesen. „Es geht um schwere Nötigung und Landzwang“, fasst Walter Plöbst (Staatsanwaltschaft Leoben) die Vorwürfe zusammen. „Landzwang“ deshalb, weil Johann S. „einen großen Personenkreis“ in „Angst und Schrecken versetzt“ hat – immerhin wurde ein Seniorenheim seinetwegen evakuiert.

Ende eines Kreuzzuges
Fest steht, dass Johann S. sein Ziel erreichte: Nach einem fünfjährigen Kreuzzug, zwölf Anzeigen gegen Juristen und einer Haftstrafe wegen gefährlicher Drohung gegen einen Richter hörte man ihm zu. Die Lokalpresse räumte dem Mann (den Ermittler als „Psychopathen“ bezeichnen) seitenweise Platz für wirre Briefe ein – in denen er „aufdeckt“, dass Richter und Staatsanwälte einen schwunghaften Handel „mit 60 Kilo Kokain“ betreiben. Nun wird Johann S. von Psychiatern untersucht.

(lef, wruk)

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