Der Schock nach dem Coup Der Schock nach dem Coup Der Schock nach dem Coup

Bank-Geisel

© APA/ Rubra/ Kloibhofer

 

 

Der Schock nach dem Coup

„Das ist sicher kein normaler Weltspartag. Etwas mulmig ist uns noch immer“, sagt Bankdirektor Richard Erne von der Filiale Tosters in Feldkirch. Der Raubüberfall mit der Geiselnahme der Bankangestellten Carmen B. (37) war auch bei den Kunden das Gesprächsthema Nummer eins. Petra W. (25) meint betroffen: „Ich kenne Frau Carmen aus der Bank. Ein Wahnsinn: entführt wegen 3.000 Euro.“ Direktor Erne: „Die entführte Kollegin ist wieder zu Hause bei ihrer Mutter und schläft den ganzen Tag nur. Wir geben ihr alle Zeit, die sie braucht, und schirmen sie völlig ab.“

Gefährliches Kaliber
Indes bringen Ermittlungen etwas Licht in die fünf Stunden des Geiseldramas und bestätigen, dass der 43-jährige Geiselnehmer aus Bosnien ein ganz gefährliches Kaliber sein dürfte. „Die Waffe, die der Mann bei sich hatte, eine Mauser mit Kaliber 6,35mm, war mit einem Schalldämpfer bestückt, den es nicht zu kaufen gibt. Im Magazin waren neun Patronen. Nicht auszudenken, wenn der Typ durchgedreht wäre“, sagt Hardy Tschofen vom LKA Bregenz.

Nach der spektakulären Festnahme des Kidnappers auf der Westautobahn wurde Slavko P. noch in der Nacht nach Feldkirch überstellt.

Entscheidender Tipp
Wie ÖSTERREICH berichtete, hatte der Bankräuber mit dem lila Jogginganzug die Schalterkraft Carmen B. gezwungen, ihn 500 Kilometer von Vorarlberg über Innsbruck, das große Deutsche Eck fast bis nach Linz zu chauffieren. Anfangs hatte er noch alle Straßensperren ausgetrickst. Ein aufmerksamer Autofahrer in Bayern, der im Radio die Durchsage des gesuchten Kennzeichens mitbekommen hatte, sah den Pkw – und gab der Polizei den entscheidenden Hinweis. „Von dem Zeitpunkt an waren wir ihm immer dicht auf den Fersen“, berichtet Mayor Feilmayr von der Cobra.

Der richtige Moment für den Zugriff kam, als die Bankangestellte auf einem Autobahnparkplatz anhalten durfte, um aufs WC zu gehen. Die Cobrabeamten fackelten nicht lange und überwältigten den Täter. Der Überrumpelte kam nicht einmal dazu, nach seiner Waffe zu greifen. Carmen B. (37) war frei. Die Einvernahme des Gangsters ist schwierig: Er kann kein Wort Deutsch. Für schweren Raub und erpresserische Entführung drohen dem Mann bis zu 20 Jahre Haft.

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Der Bankräuber wurde von Oberösterreich nach Feldkirch überstellt und wird zur Tat einvernommen. Weil der Mann nur schlecht Deutsch spreche, werde dies unter Beiziehung eines Dolmetschers geschehen. Erste Einzelheiten der Flucht sind unterdessen bekannt: Demnach führte die Fluchtroute nach Oberösterreich, wie bereits von der Tageszetung ÖSTERREICH berichtet, nicht wie zuerst angenommen über Lindau und München, sondern über den Arlberg und Innsbruck.

Geiselnehmer handelte "sehr überlegt"
Laut ersten Informationen von den Verhören des 43-jährigen Bosniers, gab der Mann während der Flucht nur kurze Anweisungen an seine Geisel. Er habe sehr überlegt gewirkt und sich kaum nach Verfolgern umgeschaut. Die Waffe des Mannes sei nicht sichtbar gewesen.

Der 43-Jährige wird weitere offene Fragen beantworten müssen:

  • Geisel: Neben dem noch unbekannten Motiv ist etwa unklar, warum der Mann überhaupt eine Geisel genommen hat. Warum er die Frau entführt hat, kann wohl nur er selber beantworten.“
  • Bank: Ebenso noch nicht geklärt ist, warum er sich gerade die Feldkircher Bank aussuchte. Der Mann soll laut dem derzeitigen Ermittlungsstand eigens für den Überfall nach Vorarlberg angereist sein. Laut ersten Ermittlungen hatte sich der Bosnier schon Tage vor der Tat in einem Hotel in Feldkirch einquartiert. Aus dem Fenster seines Zimmers hatte er einen guten Blick auf die Bank. Ein Fahnder: „Er hat das Geldinstitut ausgiebig beobachtet und sich schließlich entschlossen, zuzuschlagen.
  • Ziel: Auch das Ziel der Fahrt des Tatverdächtigen und seiner Geisel war vorerst unbekannt.

Gegen den 43-Jährigen werde wegen des Verdachts des schweren Raubes, der erpresserischen Entführung und wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz ermittelt, so Heinz Rusch, Sprecher der Staatsanwaltschaft Feldkirch.

Sollte es daher bei einer Schwurgerichtsverhandlung zu einer Verurteilung des 43-Jährigen kommen, erwarten den Mann langjährige Haftstrafen. Schwerer Raub ist laut dem Strafgesetzbuch mit einer Freiheitsstrafe von fünf bis 15 Jahren bedroht, bei erpresserischer Entführung liegt die Strafandrohung bei zehn bis 20 Jahren Haft. Über eine Anklage gebe es aber noch keine Entscheidung, betonte Rusch. Es sei davon auszugehen, dass der zuständige Ermittlungsrichter noch am Freitag über den Antrag auf Untersuchungshaft entscheiden werde.

Die 37-jährige Bankangestellte, die sich fünf Stunden in der Gewalt des Mannes befand und ihn quer durch Österreich fahren musste, ist inzwischen wieder bei ihrer Familie. Sie hat einen schweren Schock erlitten und wird weiter psychologisch betreut.

Das ist genau passiert
Donnerstag Früh, um 7.48 Uhr stürmte ein Räuber in die Raiffeisenfiliale in der Egelseestraße 35 in Feldkirch und hielt einer Angestellten eine schwarze Pistole mit silbernem Schalldämpfer an den Kopf. Die völlig verängstigte Frau gab dem Täter aus der Kasse rund 3.000 Euro – doch damit begann erst ihr Martyrium: Der Verbrecher zwang die 37-jährige Carmen B., mit ihm in die Garage der Bank zu gehen und in ihren blauen VW Golf zu steigen. Dann ließ er sich davonchauffieren. In der Zwischenzeit hatte eine Kollegin der Entführten, die den Überfall aus einem Nebenraum des Geldinstitutes mitverfolgt hatte, die Polizei verständigt. Sofort wurde eine Großfahndung eingeleitet, schwer bewaffnete Einsatzkräfte errichteten Straßensperren.

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Doch der Entführer und sein Opfer schienen wie vom Erdboden verschluckt. Es begann das bange Warten: „Wir haben derzeit leider nicht die geringste Spur, wo das Fahrzeug momentan sein könnte“, musste Einsatzleiter Hardy Tschofen gegen 10 Uhr eingestehen.

Verfolgungsjagd
Gegen 11.45 Uhr schrillten bei den Behörden die Alarmglocken: Der Golf wurde in Deutschland, nahe Rosenheim, gesichtet. Wie sich später herausstellte, hatte der Täter noch um 8. 43 Uhr bei St. Jakob am Arlberg Maut bezahlt, war dann mit der Frau über die Inntalautobahn Richtung Deutschland geflüchtet. Sie musste fahren, er saß hinten und drückte ihr die Waffe ins Genick.

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Foto (c) Schwarzl

In hohem Tempo näherte sich der Wagen der Grenze am Walserberg: „Ab Rosenheim wurde das Auto von deutschen Kollegen überwacht, in Salzburg haben wir uns dann auf die Fährte des Entführers geheftet“, schilderte Mayor Andreas Feilmayr von der Cobra. 30 Spezialisten der Sondereinheit verfolgten den Golf in Zivilfahrzeugen über die Westautobahn in Richtung Oberösterreich. Dort wurden an den Autobahnabfahrten Straßensperren errichtet, Polizisten mit Maschinenpistolen gingen in Stellung. Vorerst entschieden sich die Terrorspezialisten gegen einen Zugriff, das Risiko war zu groß, der Gangster könnte in Panik sein wehrloses Opfer erschießen.

Der Zugriff
Um 13 Uhr begeht der Räuber dann den entscheidenden Fehler. Er lässt sich von der Bankangestellten überreden, auf einem Parkplatz bei der Abfahrt Enns-Steyr anzuhalten. Der Grund: Die Frau muss dringend auf die Toilette. Obwohl das Fluchtfahrzeug längst von Zivilautos der Polizei förmlich eingekreist wird, hat der Täter die Beamten nicht bemerkt. Er lässt die Frau aussteigen und alleine zur WC-Anlage gehen. In diesem Moment erfolgte der Zugriff. Mayor Feilmayr: „Alles ging blitzschnell. Der Mann kam nicht mehr dazu, seine Waffe zu ziehen.“

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Schwerer Schock
Noch während die Polizisten den Entführer Handschellen anlegten, wurde die am ganzen Körper zitternde 37-Jährige in Sicherheit gebracht. Alois Lißl, Sicherheitsdirektor von Oberösterreich: ‚‚Die Frau hat durch die Tortur einen schweren Schock erlitten und wird nun psychologisch betreut.“

Der Tatort/ (c) APA/Mathis

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