24. Jänner 2009 16:25

Gerettet 

17-Jähriger wollte vom Stephansdom springen

Michael stand am Samstag plötzlich auf einem Dachvorsprung des Nordturms des Stephansdoms. Tausende fieberten mit, bis die Retter Erfolg hatten.

17-Jähriger  wollte vom Stephansdom springen
© APA/ Oczeret
17-Jähriger  wollte vom Stephansdom springen
© APA/ Oczeret

Auf einmal stand Michael V. am Nordturm des Steffl. Er war über das Absperrungsgitter der öffentlich zugänglichen Aussichtsplattform geklettert war – wenige Zentimeter trennten ihn vom 55 Meter tiefen Abgrund.

13.50 Uhr: Alarm
Die Einsatzkräfte wurden um 13.50 Uhr alarmiert. Feuerwehr, Rettung, die Polizei sowie die Sondereinsatzgruppe Wega rasten zum Stephansplatz. Während die Feuerwehr Sprungkissen platzierte, wagte sich Dom­pfarrer Toni Faber zu dem Burschen. Mit den Händen in der Jackentasche blickte der Schüler hinunter auf den Stephansplatz, wo sich immer mehr entsetzte Passanten versammelten. Ganz vorsichtig näherte sich Faber. „Ich habe dann mit dem Jungen gebetet“, so Faber zu ÖSTERREICH.

Immer wieder griff der Wiener Schüler zu seinem Handy und telefonierte – ­offenbar auch mit seinen ­Eltern. Kurz vor 15 Uhr wurde der Dompfarrer von einer Polizistin und einem Seiltechniker der Rettung, Gottfried Gögginger, abgelöst. Beide redeten dem Burschen immer wieder gut zu.

Und jedes Mal Schreck­sekunden unter den Tausenden Schaulustigen, wenn der Wiener Schüler einen Schritt zurück in Richtung Abgrund machte.

15 Uhr: Der Vater kommt
Erst als sein Vater am Nordturm eintraf, wendete sich das Drama. Immer wieder streckte er seinen Arm durch das Gitter des Zauns. Dann die ersten Berührungen. Gespräche folgten, schließlich reichte der Sohn seinem Vater den Arm – immer an seiner Seite: Gottfried Gögginger.

Als Michael dann den Kopf abwendet, weil er telefoniert und sich zu seinem Vater umdreht, erreicht Rettungsmann Gögginger die Hand des Lebensmüden. Zuerst berührt er nur die Finger, dann gelingt es ihm zuzupacken: „Als ich ihn fest an der Hand hatte, habe ich ihn mit der Handschelle fixiert.“

15.20 Uhr: Rettung
Damit war Michaels Wahnsinnstat endgültig verhindert. Ein Wega-Beamter kletterte über die Absperrung, stellte sich hinter den Schüler. Dann wurde das Gitter abmontiert, die Handschellen gelöst und der 17-Jährige auf die Aussichtsplattform gezogen. Die Menschenmenge am Stephansplatz applaudierte minutenlang.

Schönborn bei Angehörigen
Mittlerweile war auch Kardinal Christoph Schönborn eingetroffen. Als Michael ins Rettungsauto gebracht wurde, spendete Schönborn den verzweifelten Eltern Trost. „Danken wir Gott, dass wir in Wien so großartige Menschen haben, die den Burschen vom Wert des Lebens überzeugen konnten“, so Schönborn zu ÖSTERREICH.

"Diese Augen werde ich nie vergesen"

ÖSTERREICH: Sie haben während der gesamten Rettungsaktion mit Michael V. geredet. Was tut man in so einer Situation?
Gottfried Gögginger: Ich bin mit einer Polizistin die ganze Zeit bei dem Burschen gewesen. Da kommt es auf jedes Wort an. Wir waren extrem vorsichtig. Diese Augen werde ich nie vergessen.
ÖSTERREICH: Wie haben Sie ihn zur Aufgabe überredet?
Gögginger: Zuerst haben die Polizistin und ich ihn beruhigt. Es ging ja eigentlich um eine Lappalie, die ohne großen Aufwand behoben hätte werden können. Das haben wir und der Vater, der dann auch hinaufkam, dem Burschen in eineinhalb Stunden vorsichtigster Gespräche klar gemacht.
ÖSTERREICH: Wie haben Sie ihn dann hinter das Gitter in Sicherheit gebracht?
Gögginger: Er hat am Handy telefoniert und mit seinem Vater geredet. Dabei hat er in die andere Richtung geschaut. Ich habe durch den Zaun gegriffen. Minutenlang haben sich nur unsere Fingerspitzen berührt. Dann hatte ich plötzlich seine Hand fest im Griff. Ich habe sie sofort mit einer Handschelle fixiert. Dann hat ihn die Wega in Sicherheit gebracht.
ÖSTERREICH: Zyniker werden jetzt sagen, das sei nur Show gewesen. War es das?
Gögginger: Nie und nimmer. Ich bin mir sicher: Ein falsches Wort – und er wäre gesprungen. Es hat ihn nur ein winziger Schritt vom Tod getrennt.

Interview: gaj

Foto (c) APA/ Oczeret


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