24. Jänner 2009 16:25
Auf einmal stand Michael V. am Nordturm des Steffl. Er war über das
Absperrungsgitter der öffentlich zugänglichen Aussichtsplattform geklettert
war – wenige Zentimeter trennten ihn vom 55 Meter tiefen Abgrund.
13.50 Uhr: Alarm
Die Einsatzkräfte wurden um 13.50 Uhr alarmiert.
Feuerwehr, Rettung, die Polizei sowie die Sondereinsatzgruppe Wega rasten
zum Stephansplatz. Während die Feuerwehr Sprungkissen platzierte, wagte sich
Dompfarrer Toni Faber zu dem Burschen. Mit den Händen in der Jackentasche
blickte der Schüler hinunter auf den Stephansplatz, wo sich immer mehr
entsetzte Passanten versammelten. Ganz vorsichtig näherte sich Faber. „Ich
habe dann mit dem Jungen gebetet“, so Faber zu ÖSTERREICH.
Immer wieder griff der Wiener Schüler zu seinem Handy und telefonierte –
offenbar auch mit seinen Eltern. Kurz vor 15 Uhr wurde der Dompfarrer von
einer Polizistin und einem Seiltechniker der Rettung, Gottfried Gögginger,
abgelöst. Beide redeten dem Burschen immer wieder gut zu.
Und jedes Mal Schrecksekunden unter den Tausenden Schaulustigen, wenn der
Wiener Schüler einen Schritt zurück in Richtung Abgrund machte.
15 Uhr: Der Vater kommt
Erst als sein Vater am Nordturm eintraf,
wendete sich das Drama. Immer wieder streckte er seinen Arm durch das Gitter
des Zauns. Dann die ersten Berührungen. Gespräche folgten, schließlich
reichte der Sohn seinem Vater den Arm – immer an seiner Seite: Gottfried
Gögginger.
Als Michael dann den Kopf abwendet, weil er telefoniert und sich zu seinem
Vater umdreht, erreicht Rettungsmann Gögginger die Hand des Lebensmüden.
Zuerst berührt er nur die Finger, dann gelingt es ihm zuzupacken: „Als ich
ihn fest an der Hand hatte, habe ich ihn mit der Handschelle fixiert.“
15.20 Uhr: Rettung
Damit war Michaels Wahnsinnstat endgültig
verhindert. Ein Wega-Beamter kletterte über die Absperrung, stellte sich
hinter den Schüler. Dann wurde das Gitter abmontiert, die Handschellen
gelöst und der 17-Jährige auf die Aussichtsplattform gezogen. Die
Menschenmenge am Stephansplatz applaudierte minutenlang.
Schönborn bei Angehörigen
Mittlerweile war auch
Kardinal Christoph Schönborn eingetroffen. Als Michael ins Rettungsauto
gebracht wurde, spendete Schönborn den verzweifelten Eltern Trost. „Danken
wir Gott, dass wir in Wien so großartige Menschen haben, die den Burschen
vom Wert des Lebens überzeugen konnten“, so Schönborn zu ÖSTERREICH.
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"Diese Augen werde ich nie vergesen"
ÖSTERREICH: Sie haben während der gesamten Rettungsaktion
mit Michael V. geredet. Was tut man in so einer Situation? Gottfried
Gögginger: Ich bin mit einer Polizistin die ganze Zeit bei
dem Burschen gewesen. Da kommt es auf jedes Wort an. Wir waren extrem
vorsichtig. Diese Augen werde ich nie vergessen. ÖSTERREICH:
Wie haben Sie ihn zur Aufgabe überredet? Gögginger:
Zuerst haben die Polizistin und ich ihn beruhigt. Es ging ja
eigentlich um eine Lappalie, die ohne großen Aufwand behoben hätte
werden können. Das haben wir und der Vater, der dann auch hinaufkam,
dem Burschen in eineinhalb Stunden vorsichtigster Gespräche klar
gemacht. ÖSTERREICH: Wie haben Sie ihn dann hinter das
Gitter in Sicherheit gebracht? Gögginger: Er hat am
Handy telefoniert und mit seinem Vater geredet. Dabei hat er in die
andere Richtung geschaut. Ich habe durch den Zaun gegriffen.
Minutenlang haben sich nur unsere Fingerspitzen berührt. Dann hatte
ich plötzlich seine Hand fest im Griff. Ich habe sie sofort mit einer
Handschelle fixiert. Dann hat ihn die Wega in Sicherheit gebracht. ÖSTERREICH:
Zyniker werden jetzt sagen, das sei nur Show gewesen. War es das? Gögginger:
Nie und nimmer. Ich bin mir sicher: Ein falsches Wort – und er wäre
gesprungen. Es hat ihn nur ein winziger Schritt vom Tod getrennt.
Interview: gaj
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