06. August 2009 16:36
Das Wiener Ernst-Happel Stadion hat sich am Donnerstag für vier Tage in
einen Königreichsaal verwandelt. Zu einem internationalen Kongress der
Zeugen Jehovas werden ab heute rund 40.000 Gäste aus aller Welt erwartet, um
unter dem Motto "Wacht beständig" ihren Glauben zu feiern. Die Meinungen der
Anrainer sind geteilt.
Übersetzungen in acht Sprachen
Gut gefüllt präsentierte sich
das Stadion, die Sektoren wurden diesmal aber nicht nach Fans verschiedener
Fußballklubs, sondern nach Sprachen geteilt: Die Vorträge - unter anderem
"Wie Jehova uns hilft, beständig zu wachen" - werden in insgesamt acht
Sprachen übersetzt, darunter Japanisch, Finnisch oder Ungarisch.
"Wacht beständig", das Motto des Kongresses - der erste, den die Zeugen
Jehovas in Österreich als anerkannte Religionsgemeinschaft feiern können -
ist angelehnt an die Endzeiterwartung der Glaubensgemeinschaft.
Weltuntergang stehe zwar keiner bevor, betonte Bernd Gsell, Sprecher der
Zeugen Jehovas, im APA-Gespräch. Die Wirtschaftskrisen oder Pandemien
unserer Zeit würden aber durchaus "apokalyptische" Elemente beinhalten. "Wir
sehen das Ende aber als Wende."
Glauben vertiefen
Die Veranstaltung sei vor allem dazu da, den
Glauben zu vertiefen und internationale Kontakte zu knüpfen, erzählte ein
Gläubiger. Die Anerkennung der Zeugen Jehovas in Österreich heuer im Mai sei
innerhalb der Gemeinschaft gut aufgenommen worden. "Das war längst
überfällig. Wir wurden lange Zeit wie eine Sekte behandelt, aber das ist
Unsinn. Das so genannte Staatssiegel nimmt jetzt wahrscheinlich vielen die
Angst."
Im Gespräch mit Anrainern stellte sich heraus, dass die Meinungen über die
Religionsgruppe noch immer geteilt sind. "Es ist alles so wie immer, ganz
normale Leute", meinte etwa ein Würstelstand-Besitzer vor dem Stadion. "Dazu
will ich mich nicht äußern", sagte hingegen eine U-Bahn-Bedienstete. "Viele
Leute sind da, aber eigentlich interessiert es mich nicht."
Ein anderer Passant fällt auf die Frage, ob er denn wisse, was derzeit im
Stadion passiert, ein knappes Urteil: "Jaja, die Wahnsinnigen sind da." Dass
es trotz der offiziellen Anerkennung als Kirche noch immer Menschen gibt,
die die Zeugen Jehovas als Sekte sehen, ist für Gsell eine Diskriminierung.
"Wir laden alle ein, sich ein Bild zu machen, Zeugen Jehovas kennenzulernen
und Berührungsängste abzubauen." Dafür sei der Kongress eine gute
Möglichkeit, so Gsell.
100 Taufen im Pool
Das Programm der Veranstaltung dauert noch
bis Sonntag. Während die zwei beschaulichen Pools neben dem Stadion-Rasen
bisher noch unberührt blieben, werden sich dort am Samstag etwa hundert
Gläubige taufen lassen. Am Sonntag endet der Kongress dann mit einem Vortrag
zum Thema "Wie kann man das Ende der Welt überleben?"