04. Juni 2009 15:22
Anlässlich der Ermordung des prominenten Abtreibungsarztes George Tiller in
den USA fordern österreichische Ärzte nun erneut Schutzzonen rund um
Abtreibungskliniken. "Religiöse Fanatiker stehen praktisch jeden Tag vor
unserer Tür und üben Psychoterror auf die Patientinnen aus", erklärte
Christian Fiala, Leiter des Gynmed-Ambulatoriums in Wien. "Wir müssen
Schritte setzen, bevor so etwas auch bei uns passiert."
Frauen werden vor Kliniken belästigt
Seit 1975 ist es Frauen
in Österreich erlaubt, eine Schwangerschaft innerhalb von drei Monaten
abzubrechen. Trotzdem seien Frauen, die sich zu diesem Schritt entschließen,
bundesweit Übergriffen durch "religiöse Fanatiker" ausgesetzt, erzählt
Fiala. Die Abtreibungsgegner würden sich den Patientinnen in den Weg
stellen, sie als "Mörderinnen" bezeichnen, Autokennzeichen fotografieren und
bis in die Straßenbahn verfolgen, um dann laut zu fragen: "Mama, warum hast
du dein Kind umgebracht?" Auch das klinische Personal werde bedroht, er
selbst habe auch schon Morddrohungen erhalten, sagte Fiala, der auch Tiller
persönlich kannte.
Schutzzonen von 150 Metern gefordert
Obwohl das Landesgericht für
Strafsachen in Wien schon 2003 in einem rechtskräftigen Urteil festgehalten
habe, dass die Abtreibungsgegner Psychoterror und psychische Gewalt an
Frauen ausüben, gebe es keine gesetzliche Handhabe, so Fiala. Er und andere
Ärzte fordern deshalb Schutzzonen im Umfang von etwa 150 Metern rund um die
Ambulatorien. "Schutzzonen sind der Behörde bestens bekannt, etwa am Wiener
Karlsplatz oder vor Schulen", erklärte dazu Anja Oberkofler, Vorsitzende des
Vereins österreichischer Juristinnen.
Die Schutzzonen würden nicht wie oft behauptet gegen die Versammlungs- und
Meinungsfreiheit verstoßen, da "Grundrechte nicht die Ausübung anderer
Grundrechte unverhältnismäßig einschränken dürfen", so Oberkofler. Im Fall
der Patientinnen seien die Grundrechte auf Schutz der Gesundheit,
körperliche Integrität und auf Privatsphäre vorrangig. Gesetzlich sei es
möglich, die Schutzzonen im Sicherheitspolizeigesetz zu verankern, was die
Möglichkeit auf Verwaltungsstrafen bieten würden. "Das ist nicht
verfassungswidrig - die Politik versucht anscheinend, sich der Verantwortung
zu entziehen und leistet damit Beihilfe zur Gesundheitsbeeinträchtigung."
Frauen von Abtreibungsgegnern bedroht
Laut Fiala wirken sich die
Übergriffe auf die Patientinnen sehr negativ aus, da sich diese in der
"Krisensituation" eigentlich nicht wehren könnten. Aus einer Befragung des
Gynmed-Ambulatoriums geht hervor, dass sich über 60 Prozent der Patientinnen
von den Abtreibungsgegnern zumindest "ein wenig" bedroht fühlten. Auf die
Zahl der Abtreibungen haben die Demonstranten aber keinen Einfluss, erklärte
Fiala. Rund 96 Prozent der Betroffenen seien dafür, dass die Demonstrationen
gesetzlich verboten werden.
Fanatiker bekommen Unterstützung von der Kirche
Die
Abtreibungsgegner haben Fiala zufolge meist einen religiösen Hintergrund, in
Österreich sei vor allem die weltweit vernetzte Organisation "Human Life
International" tätig. Die "Fanatiker" bekämen zum Teil auch Unterstützung
aus der katholischen Kirche. "Wenn es nicht christliche, sondern muslimische
Fundamentalisten wären, würde wahrscheinlich anders reagiert werden - das
ist Doppelmoral", kritisiert der Arzt. Es sei falsch, zu warten, bis auch in
Europa Ärzte ermordet werden oder Frauen Schwangerschaften wieder selbst
abbrechen, appelliert Fiala an die Politik. "Es muss etwas passieren. Alles,
was fehlt, ist der politische Wille."