20. März 2009 22:43
Als der 29-jährige Tibor E. gegen 21.30 Uhr schwarz gekleidet und maskiert
den Raum betrat, dachten seine Freunde an einen Scherz. Es war Freitagabend,
die Gruppe hatte sich wie üblich in der Eßlinggasse getroffen. Ab 19 Uhr
durften die drei Männer und zwei Frauen hier im Büro der Österreichischen
Autistenhilfe (ÖAH) einen Raum benützen. „Es handelt sich um eine
Selbsthilfegruppe. Selbstständige Autisten, denen wir einmal pro Woche einen
Raum zur Verfügung stellen“, sagt Ruth Renée Kurz, Generalsekretärin der ÖAH
(siehe Interview unten).
Keine Ankündigung
Es wurde gekocht, geplaudert, Karten
gespielt – nichts deutete darauf hin, dass etwas nicht stimmte. Um 21 Uhr
ging Tibor E. kurz weg – möglicherweise zu seinem Auto. Etwa 30 Minuten
später kam er zurück. Um zu töten.
Flucht
Dass war auch den Anwesenden mit einem Schlag klar, als
der Verkleidete einen Karabiner und eine Leichtpistole auf sie richtete.
„Rennt, jetzt!“ schrie einer der jungen Männer und stürzte mit zwei anderen
Teilnehmern über die Treppe ins Erdgeschoss, dann weiter ins Freie. Nur
Katharina G. blieb zurück: Panisch verkroch sich die 24-Jährige unter dem
Couchtisch.
Sofort tot
Das war ihr Todesurteil. Denn Tibor E. hatte es auf
die Studentin der Bodenkultur abgesehen – und zielte aus kurzer Distanz auf
ihr Gesicht. „Er drückte vier oder fünf Mal ab, die Frau war sofort tot“,
sagt Polizeisprecherin Iris Seper. Dann ging der Schütze in die Küche. Und
richtete sich selbst.
Am Samstag – nach ersten behutsamen Einvernahmen der verstörten Überlebenden
– stellte sich heraus, was E. zu seiner Wahnsinnstat getrieben hatte: „Es
war ein Liebesdrama“, weiß ÖAH-Chefin Kurz. Der 29-Jährige war unsterblich
in Katharina G. verliebt. „Ich glaube, dass sie das nicht einmal wusste“,
schüttelt Kurz den Kopf. Hinzu kam, dass E.s Mentor (ein Bekannter, der ihm
in praktischen Lebensfragen half) vor einem Jahr gestorben war: Tibor E.
hatte das völlig aus der Bahn geworfen.
Ermittlungen
Die ÖAH betont aber, dass die Tat nichts mit dem
(leichtgradigen) Autismus des Mannes zu tun hat. „Es war eine Affekt-Tat,
wie sie leider immer wieder vorkommt“, klärt Kurz auf. Was genau den
Kurzschluss auslöste, ist nun Gegenstand der Ermittlungen. Und auch, wo
Tibor E. – er wohnte bei seinem Vater und soll Behindertenbetreuer gewesen
sein – seine Waffen gekauft hat. Fest steht, dass die Waffen nicht
meldungspflichtig sind. Und, dass E. sie selbst gekauft hat.