11. Juli 2009 22:41
Österreichs aufsehenerregendster Entführungsfall Natascha Kampusch wird
immer mysteriöser. Der renommierte frühere Verfassungsgerichtshofpräsident
Ludwig Adamovich – er leitet derzeit die Kampusch-Evaluierungskommission im
Innenministerium – spricht sich im Interview mit dem Nachrichtenmagazin
profil gegen die Einzeltätertheorie aus. Gegenüber ÖSTERREICH legt er nach,
fordert vom neuen Grazer Staatsanwalt Thomas Mühlbacher nun konkrete
Ermittlungen gegen die Polizei.
Dass Wolfgang Priklopil sein Opfer zufällig getroffen habe, glaubt Adamovich
ebenfalls nicht. „Der hat schon gewusst, wen er vor sich hat.“ Auf die
Frage, ob er Priklopil noch für die Hauptfigur in diesem Kriminalfall halte,
sagt er: „Priklopil hat sicher eine wichtige Rolle gespielt. Aber was die
Hauptsache war und was nur ein Nebenprodukt, das weiß man bis jetzt nicht.“
Eine Zeugin hat bei der Entführung im weißen Kastenwagen eine 2. Person
gesehen.
Wiener Staatsanwalt „hat sich totgestellt“
Kritik
übte Adamovich an der Staatsanwaltschaft Wien. Diese hat sich „mehr oder
weniger totgestellt“. Nicht einmal auf die Zwischenberichte des
Bundeskriminalamtes sei reagiert worden. „Man muss sich da fragen, was hier
los ist.“
Sollte sich nicht bald etwas ändern, werde die Evaluierungskommission ihre
Arbeit einstellen. „Irgendwann könnte der Moment kommen, wo uns die Geduld
reißt. Wir machen uns ja lächerlich, so wie das jetzt ausschaut.“
Man solle nun auch den Gerüchten nachgehen, wonach die Polizei selbst
kriminell in die Causa Kampusch involviert ist. Hintergrund ist die
Vorgehensweise gegen einen Polizei-Hundestaffelführer, der zunächst Hinweise
zu Priklopil lieferte und danach von Kollegen zurückgepfiffen wurde.
Peter Pilz schreibt an neuem Enthüllungsbuch
Der
Grün-Aufdecker Peter Pilz will in einem neuen Buch, das in zwei Monaten
erscheinen soll, die „Einzeltätertheorie im Fall Kampusch widerlegen“.
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Ludwig Adamovich im ÖSTERREICH-Interview
ÖSTERREICH: Die Einzeltätertheorie ist immer unwahrscheinlicher. Ludwig
Adamovich: Der entscheidende Punkt ist: Frau Kampusch sagt etwas
anders. Und wer behauptet, dass die Einzeltätertheorie nicht richtig
ist, unterstellt ihr damit, dass sie aus welchen Gründen auch immer
nicht die Wahrheit sagt.
ÖSTERREICH: Erpressung? Adamovich: Das könnte so sein, man
muss diese Spekulationen aber erst ganz genau untersuchen.
ÖSTERREICH: Was spricht gegen die Einzeltätertheorie? Adamovich:
Als Kampusch aufgetaucht ist, ist die Polizei in arge Bedrängnis
gekommen, weil sich herausgestellt hat, dass der Name Priklopil in den
Akten schon vorgekommen ist und offenbar gepatzt wurde. Von da an
waren die Polizeileute stark traumatisiert und haben den Eindruck
erweckt, dass sie die Sache rasch beenden wollen.
ÖSTERREICH: Wie ist jetzt eine volle Aufklärung noch möglich? Adamovich:
Die Causa Hundeführer ist signifikant. Ein Polizeihundeführer war
derjenige, der auf den Namen Priklopil aufmerksam gemacht hat. Sein
Hinweis ist im Sicherheitsbüro eingelangt, aber es ist nicht adäquat
ermittelt worden. Als Frau Kampusch wieder frei war, sind kurz darauf
beim Hundeführer zwei Kollegen erschienen und haben ihm gesagt, er
soll nicht weiter über die Geschichte reden. Er hat sogar seine
früheren Behauptungen wieder zurückgenommen. Er hat damals gesagt,
Priklopil habe Waffen und interessiere sich für jüngere Kinder. Das
alles zusammen genommen ist seltsam.
ÖSTERREICH: Ist es wahrscheinlich, dass die Polizei kriminell
verwickelt ist? Adamovich: Diese Behauptung hat es immer gegeben,
nur gibt es bisher keinen Beweis dafür.
ÖSTERREICH: Sollte in diese Richtung ermittelt werden? Adamovich:
Ja sicher. Am Wort ist aber jetzt der Erste Grazer Oberstaatsanwalt
Thomas Mühlbacher. Er wird schon wissen, was zu tun ist.
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