23. August 2006 16:41

Erster Brief 

Natascha: 'Er hat sich mit der Falschen angelegt!'

Während sich in- und ausländische Medien um das erste Exklusiv-Interview rangeln, wendet sich Natascha Kampusch erstmals per Brief an die Öffentlichkeit: „Er hat sich mit der Falschen angelegt!"

Natascha: 'Er hat sich mit der Falschen angelegt!'
© APA
Natascha: 'Er hat sich mit der Falschen angelegt!'
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Nataschas Psychiater Prof. Max Friedrich hat ihre Botschaft, die sie ihm laut dessen Worten diktiert hatte, bei einer Presskonferenz Montagvormittag in Wien vorgelesen. In diesem Appell (den Sie im Wortlaut links finden) erzählte Natascha Kampusch über den Alltag mit ihrem Peiniger und die Beziehung zu Wolfgang Priklopil.

Man habe gemeinsam gefrühstückt, sie habe Hausarbeiten erledigt, gekocht, ferngesehen und gelesen. Ansonsten sei sie der Einsamkeit ausgesetzt gewesen. Ihr Raum war hinreichend eingerichtet, Priklopil habe ihn gemeinsam mit ihr am Beginn ihrer Entführung gestaltet. Es sei ihr Raum und nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, sagte Kampusch in der Mitteilung.

"Mit der Falschen angelegt"
Natascha stellte auch eines klar: "Er war nicht mein Gebieter. Ich war gleich stark, aber - symbolisch gesprochen - er hat mich auf Händen getragen und mit den Füßen getreten. Er hat sich aber - und das hat er und ich gewusst - mit der Falschen angelegt."

Gespaltenes Verhältnis
Aus der Nachricht Nataschas geht außerdem hervor, dass sie Wolfgang Priklopil nicht nur als " Monster " sieht. Ihre Aussage "Er hat mich auf Händen getragen und mit den Füßen getreten" deutet auf eine gespaltene Beziehung zu dem 44-Jährigen hin. "Wenn sie wirklich das Positive dieses furchtbaren Unglücks erkennt, ist das eine gesunde Reaktion", so der Gerichtspsychiater Reinhard Haller.

„Verrate keine intimen Details“
Über persönliche Details im Zusammenleben mit Priklopil wolle sie keinesfalls berichten. " Ich bin mir durchaus bewusst, welch starken Eindruck die letzten Tage auf Sie gemacht haben müssen", zeigte sie Verständnis für das große Interesse der Öffentlichkeit. Sie wisse, wie "schockierend und beängstigend" der Gedanke an ihre Zeit in der Gefangenschaft sein muss. Sie verstehe, dass ihr eine "gewisse Neugier" entgegengebracht werde. Aber sie werde keine Fragen über intime Details beantworten. Und sie werden jeden Schritt der Berichterstattung darüber ahnden. "Alle wollen immer intime Fragen stellen, die gehen niemanden etwas an." Vielleicht werde sie einmal einer Therapeutin etwas darüber erzählen oder niemals.

Keine Trauer nach der Flucht
Nach ihrer Flucht habe "kein Grund zur Trauer bestanden", hieß es weiter in dem Bulletin. " In meinen Augen wäre sein Tod nicht nötig gewesen. (...) Er war ein Teil meines Lebens, deswegen trauere in einer gewissen Art über ihn."

Kampusch wisse, dass sie keine normale Kindheit und Jugend hatte. Sie habe aber nicht das Gefühl, dass ihr etwas entgangen sei. So habe sie nicht mit dem Rauchen begonnen und keine " falschen Freunde" kennen gelernt, versucht die 18-Jährige ihrem Schicksal offenbar auch etwas Positives abzugewinnen.

Natascha Kampusch fühlt sich ihren Angaben zufolge an ihrem Aufenthaltsort wohl, doch fühle sie sich ein bisschen bevormundet: "Ich werde selbst bestimmen, wann ich mit Journalisten Kontakt aufnehmen." Den Kontakt zu den Eltern halte sie vorerst telefonisch aufrecht.

Zum ersten Mal früh eingeschlafen
Natascha sei "aus psychiatrischer Sicht schwer seelisch traumatisiert und durch ein schweres Verbrechen viktimisiert", betonte Friedrich. Am Sonntagabend sei sie " zum ersten Mal sehr früh eingeschlafen". Das vergangene Wochenende hatte Natascha auf eigenen Wunsch mit Gleichaltrigen verbracht, mit denen sie sich "angeregt unterhalten hat". Sie habe gescherzt und sei gut drauf gewesen, so die Kinder- und Jugendanwältin Monika Pinterits am Sonntag.

Umzug in betreute Wohnung
Natascha soll laut Pinterits demnächst in eine betreute Wohnung übersiedeln, wobei der psychosoziale Beistand auf jeden Fall weiter laufen wird. Natascha wird dort auch Zugang zu Gleichaltrigen haben.

Anzeige gegen unbekannt
Nach Angaben von Staatsanwalt Hans-Peter Kronawetter, der den Fall seit Beginn betreut, laufen zwei gerichtliche Verfahren: In jenem gegen den verstorbenen Wolfgang Priklopil ist u.a. das Obduktionsergebnis ausständig; das zweite richtet sich, basierend auf der Zeugenaussage eines damals zwölfjährigen Mädchens, Natascha sei von zwei Männern entführt worden, gegen unbekannte Täter.

Aus den bisherigen Gesprächen mit Natascha Kampusch habe sich die Zwei-Täter-Theorie noch nicht erhärten lassen, sagte der Generalmajor. Die Befragungen der 18-Jährigen sollen mit ihrem Einverständnis in den nächsten Tagen weitergehen.

Untersuchungen laufen weiter
Auch die Untersuchungen der Wohnung und des Kellers in Strasshof laufen weiter. Laut Generalmajor Gerhard Lang vom Bundeskriminalamt hat die Polizei "auf Grund fehlender Baupläne keine Gewissheit, ob noch weitere Hohlräume" in dem Haus vorhanden sind. Den Garten umzugraben sei vorerst nicht geplant, da es diesbezüglich keinerlei Verdachtsmomente gebe. Die DNA von Wolfgang Priklopil wird auch mit ausländischen Behörden abgeglichen.


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