08. August 2009 15:53
© TZ ÖSTERREICH/KERNMAYER
Knalleffekt in der Causa Kampusch: Die 21-Jährige ist in Lebensgefahr. Das
betont jetzt der ehemalige Präsident des Obersten Gerichtshofes und Mitglied
der Kampusch-Evaluierungskommission, Johann Rzeszut.
Nachdem Kommissions-Chef Ludwig Adamovich in der Causa zuletzt für Wirbel
sorgte, schreibt Rzeszut nun in einem mehrseitigen, bewegenden Brief an
ÖSTERREICH (Sonntags-Ausgabe): "Vorweg: Wir fürchten nichts mehr als in
einigen Jahren eine Zeitungsmeldung des Inhalts: ,Natascha Kampusch tot
aufgefunden' oder ,Natascha Kampusch tödlich verunglückt.'"
Laut Rzeszut könnte ein weiterer Mittäter Natascha nach dem Leben trachten.
In seinem Schreiben erläutert er im Detail, warum er und die Kommission
vehement daran zweifeln, dass Wolfgang Priklopil völlig allein gehandelt hat.
Einzeltäter-Theorie "völlig unrealistisch"
Nicht
nur die Aussagen einer Zeugin veranlassen ihn zu dieser Annahme. Rzeszut
betont, "dass der Tatplan eines Einzeltäters, ein Kind in verbautem Gebiet
mit einem selbstgelenkten, von außen einsehbaren Kraftfahrzeug zu entführen,
völlig unrealistisch wäre."
Und er erklärt, dass ein möglicher Mittäter wohl zu allem fähig wäre, denn
"eine Person, die während der Zeit der Opferabhängigkeit wiederholt
gemeinsam mit Priklopil und dem Tatopfer gesehen wurde, hat akzentuierten
Erklärungsbedarf".
Ein Mittäter könnte letztlich nicht davor zurückschrecken, Natascha zu
töten, bevor sie die ganze Wahrheit ans Licht bringt: "Befürchtet er
beispielsweise irgendwann einmal, das Opfer könnte die volle Wahrheit über
sein Schicksal etwa medial verwerten, könnte er sich zu finalisierendem
Handlungsbedarf entschließen", schreibt Rzeszut.
Ungereimtheiten in Nataschas Familie?
Dass Natascha Kampusch
bisher selbst nicht die ganze Wahrheit ans Licht brachte, sieht er so:
"Mögliche Motive für bewusste unwahre Angaben sind denkbar: langfristige
Annäherung an die Täter (Stockholm-Effekt), aufrechte Druckausübung durch
einen bisher nicht belangten Täter, Deckung von Implikationen nahestehender
Personen." Also auch im Familienkreis Nataschas könnten Ungereimtheiten in
der Causa bisher noch nicht ans Licht gekommen sein.
Und Rzeszut übt heftige Kritik an der Staatsanwaltschaft: "Nicht zu erklären
ist, dass die Ermittlungsverantwortung offenbar weiterhin bei einem
Leitenden Oberstaatsanwalt bleibt, der die von kriminalpolizeilicher Seite
angeregten Ermittlungsinitiativen ins Lächerliche zieht."
Abschließend betont der ehemalige Chef des Obersten Gerichtshofes: "Frau
Kampusch hat ein bedauernswertes Schicksal erlitten, weil ihr - das steht
mit Sicherheit fest - eine unbeschwerte Kindheit mit normalen
Entwicklungschancen kriminell genommen wurde. Schon aus diesem Grund
verdient sie Mitgefühl. Die Evaluierungskommission will nichts anderes, als
dass der (nunmehr) jungen Frau ein weiterer Schicksalsschlag erspart bleibt.
Sie legt aber auch Wert auf einen effizienten Beitrag zu der Überzeugung
noch nicht belangter oder potentieller Täter, dass Kapitalverbrechen und
dazu fassbare Ermittlungsansätze von der österreichischen Strafrechtspflege
nicht salopp auf die leichte Schulter genommen werden."