08. Jänner 2010 21:52

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Natascha war Priklopils "Ersatzfrau"

Der Sonderling aus Strasshof fürchtete, nie eine Partnerin zu finden. Daher entführte er Natascha.

Natascha war Priklopils "Ersatzfrau"
© Kernmayer

Das Interesse war gewaltig, das Rätsel Natascha ist gelöst. Rund 100 Berichterstatter drängten sich Freitag im Saal 3091 des Wiener Justizpalastes, um den Abschlussbericht der Soko Kampusch zu hören.

Seit Oktober 2008 haben Spezialisten des Bundeskriminalamts den Entführungsfall noch einmal aufgerollt. 241 Arbeitstage und 9.000 Arbeitsstunden später präsentierte eine Creme von Kriminalen (die Oberstaatsanwälte Werner Pleischl und Thomas Mühlbacher, die Top-Cops Ernst Geiger und Kurt Linzer) das Ergebnis, „um endgültig alle Spekulationen auszuräumen“.

Kernbotschaft des Berichtes: Nataschas Entführer Wolfgang Priklopil war ein Einzeltäter. Er hatte weder Komplizen noch Mitwisser.

Priklopil brauchte Ersatzfrau
Weil der Sonderling aus Strasshof fürchtete, nie eine Partnerin zu finden, zerrte er im März 1998 die zehnjährige Volksschülerin in sein Auto und sperrte sie in eine fünf Quadratmeter große Sickergrube, um aus der Gefangenen eine Frau nach seinen Vorstellungen zu formen.

Natascha zitterte um ihr Leben
In der wahnsinnigen Hoffnung, Natascha würde ihn nicht nur als Schwerverbrecher fürchten, sondern einmal auch als Gefährten akzeptieren, nahm er sein Opfer nach Jahren im Verlies zum Einkaufen und sogar zum Skifahren mit, um sie an seinen Lebensstil zu gewöhnen. Vor jedem Ausflug drohte er ihr im Fall eines Fluchtversuchs mit dem Tod. Am 23. August 2006 lief Natascha ihrem Peiniger trotzdem davon – und der warf sich vor einen Zug.

Kronzeugin fiel um, Priklopils Freund log
Der Abschlussbericht ist nicht spektakulär. Aber er räumt auf mit einem Spektakel von Gerüchten und Vermutungen, die Natascha seit ihrer Flucht immer wieder ins Gerede gebracht haben. Die Soko ging jedem Hörensagen nach – hier die Resultate.

  1. Im Zentrum der Ermittlungen stand Priklopils einziger Freund Ernst H., Spitzname „Woody“ und im Akt sogar als Beschuldigter geführt. Hintergrund: Ernst H. hatte bei seinen ersten Einvernahmen gelogen und verschwiegen, dass ihm Priklopil kurz vor seinem Selbstmord die Entführung gestanden hat. Als die Kripo bei Ernst H. klopfte, fragte er aber sofort: „Hot er’s umbracht?“ Verdächtig auch ein Geldtransfer „Woodys“ (36.337 Euro) auf Priklopils Konto vor dem Kidnapping. Jetzt packte Ernst H. aus, dass es sich dabei um Schwarzgeld aus einem Immobiliengeschäft gehandelt habe. Die Folge: keine Anklage in der Causa Natascha, aber ein Finanzstrafverfahren.
  2. Eine Augenzeugin, die mit damals 12 Jahren die Entführung beobachtet hatte und zwei Täter gesehen habe wollte, sagte vor der Soko, sie habe sich wohl geirrt – und beschrieb Priklopils Wagen falsch. Auch im Verlies fand die Kripo keine DNA-Spuren Dritter.
  3. Zu Hinweisen auf Mittäter wurden 110 Personen einvernommen. Ihre Behauptungen erwiesen sich allesamt als krause.
  4. Bleibender Stachel aber im Fleisch der Ermittler: Der Hinweis eines Polizisten hätte schon kurz nach der Tat zu Priklopil geführt, wurde aber ignoriert. Jetzt heißt es: „Aber selbst Spürhunde hätten Natascha nicht entdeckt, weil das Verlies mit Bitumen abgedichtet war.“ Seltsam nur: Natascha roch ihrerseits, was in der Küche gebacken wurde. Der Akt ist zu. Aber ein Geruch bleibt.

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