19. Februar 2009 09:49
In der Wiener Redaktion der türkischen Zeitschrift Zaman türmen sich die
Beschwerdebriefe erboster moslemischer Eltern. „Die Menschen sind empört.
Sie sagen, es widerspricht den Menschenrechten und der österreichischen
Verfassung, was da von künftigen Schülern der Fachschule für wirtschaftliche
Berufe in Meidling verlangt wird“, erklärt Redakteurin Aynur Kirci.
Sie selbst habe als Kopftuchträgerin in den 90-er Jahren anstandslos eine
„Knödelakademie“ in Wien absolviert. Jetzt wird plötzlich alles anders:
Das Formular
Elisabeth Berger, Direktorin der Fachschule für
wirtschaftliche Berufe in der Dörfelstraße 1, verlangt bei der diesjährigen
Schuleinschreibung von allen Eltern, auch von moslemischen, dass sie ein
Formular unterschreiben.
Der Inhalt: Im Gegenstand Küche und Service müssen alle Schüler lernen, wie
man in Wien Speisen und Getränke herstellt sowie die Gäste bei der Auswahl
berät. Dazu gehört ein entsprechendes Erscheinungsbild – das heißt:
Kopftuchverbot beim Servieren.
Und weil Schweinefleisch in der Küche unverzichtbar sei, sind die
Zubereitung und das Verkosten von Schweinernem Pflicht. Weiters, das wird
explizit im Formular erwähnt, muss jeder Schüler natürlich auch alkoholische
Getränke zumindest kosten. Aus Sicht der moslemischen Eltern ist das,
was Direktorin Berger da von ihnen verlangt, ein "demokratiepolitischer
Skandal“.
Das Gutachten
Aus der Sicht von Stadtschulratspräsidentin Susanne
Brandsteidl ist diese Vorgangsweise völlig gerechtfertigt: „Alle haben sich
an die Hausordnung, in dem Fall an den Lehrplan, zu halten. Gleiche Rechte
und Pflichten für alle.“
Es gehe in Wien nicht an, dass man sich zur Restaurantfachkraft ausbilden
lassen wolle – und sich dann aus Glaubensgründen nicht dem Berufsbild
entsprechend verhalte oder einfach den Lehrplan nicht erfüllen wolle.
Brandsteidl stärkt ihrer Schuldirektorin nun sogar mit einem Rechtsgutachten
den Rücken. Darin heißt es: „Das Bildungsziel des Lehrplanes ist
einzuhalten. Es ist nicht möglich, Schüler auf Grund ihres Glaubens von
wesentlichen Teilen des Lehrplans zu befreien.“Dann wird der
Stadtschulrat auch in Sachen Alkohol, Schweinefleisch und Kopftuch deutlich:
"Die österreichische Küche, deren wesentlicher Bestandteil Schweinefleisch
ist, nimmt im Lehrstoff breiten Raum ein. Das Beraten von Gästen beinhaltet
auch das Verkosten alkoholischer Getränke.“
Und auch dem Berufsbild der Servicekraft in einem Restaurant müsse „durch
das Tragen von entsprechender Berufskleidung“ entsprochen werden - im
Klartext: Serviert ein moslemisches Mädchen im Ausbildungsrestaurant, darf
es kein Kopftuch tragen.
Die Tageszeitung Zaman kündigt an, dass man jetzt sehr breit, möglicherweise
sogar weltweit über diesen Konflikt berichten werde.
Besonders pikant: Der global agierende türkische Medienkonzern verleiht
alljährlich einen Preis für Völkerverständigung. Der aktuelle
Zaman-Preisträger für Politik ist Bürgermeister Michael Häupl.