11. November 2009 18:34
Seit die neue Soko
Natascha unter Leitung des Grazer Oberstaatsanwalts Thomas Mühlbacher
gegen Priklopil-Freund
Ernst H. als Beschuldigten ermittelt, schlagen die Wogen im
Entführungsfall wieder hoch. Denn falls Ernst
H. Mitwisser war (für ihn gilt die Unschuldsvermutung), drohen ihm als
Beitragstäter wegen „Freiheitsentziehung“ bis zu zehn Jahre Haft. Vor allem
aber bricht ein Damm, der von früheren Innenministern blindwütig verteidigt
wurde: Die Behauptung, dass Entführer Wolfgang Priklopil bei seinem
Kapitalverbrechen an Natascha Kampusch weder Komplizen noch Mitwisser hatte.
Weil der Kidnapper Selbstmord beging, wurde der Akt somit bereits nach drei
Monaten geschlossen. Zum Vergleich: Gegen Tierschützer wurde 14 Monate mit
28 Hausdurchsuchungen ermittelt. Zehn (vergleichsweise harmlose) Verdächtige
waren in U-Haft.
Als wollten er sich gegen den Dammbruch stemmen, meldet sich jetzt der
deutsche Dokumentarfilmer Peter Reichard zu Wort. Drei Jahre hat sich der
TV-Profi im Dienst der Produktionsfirma, die auch „Aktenzeichen XY“
herstellt, mit dem Fall Kampusch beschäftigt und Dutzende Interviews
geführt. Im Jänner wird das Resultat ausgestrahlt. Im ÖSTERREICH-Gespräch
nimmt Reichart die Quintessenz schon vorweg: „Priklopil war allein.“
Vor der Entführung
bekam Priklopil Geld
Für die Soko
nicht mehr als ein Querschuss. Denn für die Kriminalisten zählen Beweise:
„Wir tragen Mosaiksteine zusammen, die am Ende ein Bild ergeben.“ Und wie’s
aussieht, haben sie Steine gefunden, die Ernst H. schwer belasten – etwa
eine Geldüberweisung an Priklopil vor der Entführung und Widersprüche bei
bisherigen Aussagen. Tatsache ist: Ernst H. wird jetzt als Beschuldigter
geführt. „Und ohne Grund macht das kein Staatsanwalt“, sagt Ex-Höchstrichter
Ludwig Adamovich, jetzt Leiter der Evaluierungskommission.
Ernst H. wird noch einmal einvernommen
Am Freitag wird Ernst H.
erneut von der Polizei einvernommen, dies bestätigte sein Anwalt Manfred
Ainedter. "Ich werde morgen mit H. hingehen. Die offenen Fragen, die ihn
betreffen, werden wir ausräumen", sagte der Jurist.
Das beschlagnahmte Material des mysteriösen deutschen Zeugen Thomas Vogel
wird noch im November in Wien erwartet. Für Opfer Natascha ist das erneute
Hochkochen ihres Falles eine Tortur. Sie geht derzeit nicht auf die Straße.