11. November 2009 18:34

Neue Ermittlungen 

Streit um Natascha-Zeugen

Arme Natascha: Immer neue Überraschungen in ihrem Fall sind für die 22-Jährige eine Tortur. Derzeit traut sie sich nicht mehr auf die Straße.

Streit um Natascha-Zeugen
© Kernmayer

Seit die neue Soko Natascha unter Leitung des Grazer Oberstaatsanwalts Thomas Mühlbacher gegen Priklopil-Freund Ernst H. als Beschuldigten ermittelt, schlagen die Wogen im Entführungsfall wieder hoch. Denn falls Ernst H. Mitwisser war (für ihn gilt die Unschuldsvermutung), drohen ihm als Beitragstäter wegen „Freiheitsentziehung“ bis zu zehn Jahre Haft. Vor allem aber bricht ein Damm, der von früheren Innenministern blindwütig verteidigt wurde: Die Behauptung, dass Entführer Wolfgang Priklopil bei seinem Kapitalverbrechen an Natascha Kampusch weder Komplizen noch Mitwisser hatte.

Weil der Kidnapper Selbstmord beging, wurde der Akt somit bereits nach drei Monaten geschlossen. Zum Vergleich: Gegen Tierschützer wurde 14 Monate mit 28 Hausdurchsuchungen ermittelt. Zehn (vergleichsweise harmlose) Verdächtige waren in U-Haft.

Als wollten er sich gegen den Dammbruch stemmen, meldet sich jetzt der deutsche Dokumentarfilmer Peter Reichard zu Wort. Drei Jahre hat sich der TV-Profi im Dienst der Produktionsfirma, die auch „Aktenzeichen XY“ herstellt, mit dem Fall Kampusch beschäftigt und Dutzende Interviews geführt. Im Jänner wird das Resultat ausgestrahlt. Im ÖSTERREICH-Gespräch nimmt Reichart die Quintessenz schon vorweg: „Priklopil war allein.“

Vor der Entführung bekam Priklopil Geld
Für die Soko nicht mehr als ein Querschuss. Denn für die Kriminalisten zählen Beweise: „Wir tragen Mosaiksteine zusammen, die am Ende ein Bild ergeben.“ Und wie’s aussieht, haben sie Steine gefunden, die Ernst H. schwer belasten – etwa eine Geldüberweisung an Priklopil vor der Entführung und Widersprüche bei bisherigen Aussagen. Tatsache ist: Ernst H. wird jetzt als Beschuldigter geführt. „Und ohne Grund macht das kein Staatsanwalt“, sagt Ex-Höchstrichter Ludwig Adamovich, jetzt Leiter der Evaluierungskommission.

Ernst H. wird noch einmal einvernommen
Am Freitag wird Ernst H. erneut von der Polizei einvernommen, dies bestätigte sein Anwalt Manfred Ainedter. "Ich werde morgen mit H. hingehen. Die offenen Fragen, die ihn betreffen, werden wir ausräumen", sagte der Jurist.

Das beschlagnahmte Material des mysteriösen deutschen Zeugen Thomas Vogel wird noch im November in Wien erwartet. Für Opfer Natascha ist das erneute Hochkochen ihres Falles eine Tortur. Sie geht derzeit nicht auf die Straße.


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