24. Oktober 2008 20:55

Fall Kampusch 

Zeugin sah zweiten Täter

Weil nicht sicher ist, dass Nataschas Entführer ein Einzeltäter war, wird der Fall neu aufgerollt: Komplizen Priklopils könnten wieder zuschlagen.

Zeugin sah zweiten Täter
© APA

Eine schallendere Ohrfeige hat es für die Kriminalpolizei dieses Landes noch nie gegeben. Nach fast achteinhalb Jahren Ermittlungen im Entführungsfall Natascha Kampusch – und 792 Tage nach der Befreiung des Opfers aus einem Reihenhaus in Strasshof (NÖ) – gab Justizministerin Maria Berger der Exekutive am Donnerstag die Order: zurück an den Start. Neue Erhebungen sollen „Ungereimtheiten“ im Kidnapping-Drama klären.

Weitere Opfer
Auslöser des Rüffels ist der 60 Seiten starke Bericht der „Kampusch-Kommission“ unter Leitung von Top-Jurist Ludwig Adamovich, der sich mit Polizeipannen im Kriminalfall Kampusch befasste. Bei genauer Prüfung der Akten fand Adamovichs A-Team Hinweise darauf, dass Entführer Wolfgang Priklopil „Mittäter gehabt haben könnte.“ Zwar warf sich am 23. August 2006 vor einen Zug als ihm Natascha entkam. Doch falls er Komplizen hatte, könnten die wieder zuschlagen. „Und im Interesse weiterer potenzieller Opfer“, so Ministerin Berger frostig, „ist es besser, einmal zu viel als einmal zu wenig ermittelt zu haben.“

Kronzeugin
Im Mittelpunkt der neuen Nachforschungen wird eine Zeugin stehen, deren Angaben die Polizei einst aus unerklärlichen Gründen ignoriert hat: Sabine Kohler (Name von der Redaktion geändert) ging am 2. März 1998 nur wenige Schritte hinter Natascha Kampusch als die auf dem Weg zur Volksschule in einen weißen Kastenwagen gezerrt wurde.

Die damals zwölfjährige Sabine beobachtete genau: „Es waren zwei Männer.“ Und sie schwört auch heute noch, der Komplize von Wolfgang Priklopil habe eine Mütze getragen: „Tief ins Gesicht gezogen, um sein Gesicht zu verbergen.“ Bevor die zwei Verbrecher mit ihrem zehnjährigen Opfer Natascha die Flucht ergriffen, schaute der Komplize Zeugin Sabine sekundenlang in die Augen: „Den Blick vergesse ich nie.“

Panik-Attacken
Die heute 22-jährige Wienerin wohnt immer noch bei ihren Eltern im riesigen Gemeindebau Rennbahnsiedlung, in dem einst auch Natascha bei ihrer Mutter Brigitta Sirny lebte. Und die beobachtete Entführung der Schulfreundin warf auch Sabine aus der Bahn. In den Wochen danach hat ihr die Polizei Hunderte Fotos vorgelegt, doch sie konnte die Täter nicht identifizieren. Folge: Die Cops verloren bald das Interesse an Sabine und legten ihre Angaben ad acta. Das Mädchen aber musste mit seinem Schock leben, konnte nicht mehr schlafen und wurde von Panik-Attacken gequält.

Bis März 1998 hatte Sabine Kohler gute Noten. Danach musste sie dreimal die Schule wechseln und schaffte erst mit 19 den Hauptschulabschluss; heute ist sie arbeitslos. „Die Angst hat sie seelisch krank gemacht“, sagt ihr Vater Josef. Sie selbst sagt: „Ich fürchte mich noch immer davor, dass dieser zweite Mann kommt und mich holt.“ Mag sein, dass sie Ruhe findet, wenn sie jetzt von einer neuen „Soko Natascha“ ernster genommen wird als bisher.

Priklopils Partner
Neuerlich überprüft wird sicherlich auch Ernst H. (44), Priklopils einziger Freund und Geschäftspartner. Seltsam für die „Kampusch-Kommission“, dass er Natascha in Strasshof nur einmal kurz gesehen haben will und dachte, sie sei die Freundin seines Spezls. Nach Priklopils Selbstmord aber fragte Ernst H. bei seiner Einvernahme zuerst: „Hat er’s umbracht?“ Seltsam auch, dass er sich mit Natascha nach deren Befreiung traf. Die Kripo wird jetzt einige Fragen an beide haben.

Nataschas Vater: „Endlich die Wahrheit“

ÖSTERREICH: Sie haben seit Nataschas Befreiung hartnäckig bezweifelt, dass der Entführungsfall Ihrer Tochter mit Wolfgang Priklopils Selbstmord restlos geklärt ist.

LUDWIG KOCH: So ist es. Seit zehn Jahren gibt es in meinem Leben nur ein Thema: das Verbrechen an Natascha. Ich glaube nicht, dass Priklopil ein Einzeltäter war. Und ich hoffe, dass die neuen Ermittlungen jetzt endlich die Wahrheit ans Licht bringen.

ÖSTERREICH: Der steirische Richter Martin Wabl hat ja sogar Nataschas Mutter, Brigitta Sirny, als Mitwisserin und Komplizin in Verdacht.

KOCH: Ich weiß. Aber mir persönlich ging es nie darum, meine frühere Lebensgefährtin anzupatzen. Ich möchte nur meine Tochter beschützen. Denn gibt es Mittäter, könnte sie ihr Leben lang erpressbar sein.

ÖSTERREICH: Sprich: Jemand könnte ihr Angst machen?

KOCH: Auch die damals zwölfjährige Augenzeugin, die gesehen hat, dass Natascha von zwei Männern entführt wurde, lebt doch bis heute in panischer Angst. Die Polizei hat ihre Aussage einfach ad acta gelegt – eine von vielen Ermittlungspannen.

ÖSTERREICH: Im September haben Sie Priklopils engsten Freund und Geschäftspartner, Ernst H., vor Gericht attackiert, weil Sie meinten, er würde als Zeuge Wesentliches verschweigen und „alle zum Narren halten“.

KOCH: Genau. Damals hat er nach der Polizei geschrien. Jetzt wird sie ja wohl bald zu ihm kommen.


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