74-Jähriger unter Verdacht

Briefbomben-Fall

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74-Jähriger unter Verdacht

Kein Ende der Spekulationen um die Briefbomben-Attentate: Immer mehr Fakten tauchen auf, die dafür sprechen, dass Franz Fuchs kein Einzeltäter war.

Vergangene Woche berichtete ÖSTERREICH von einem Bombenopfer mit Zweifeln am Ermittlungsresultat. Maria Loley (85), die sich um Flüchtlinge kümmert, wurde 1995 von einer Bombe schwer verletzt. Nun beantragte sie die Wiederaufnahme der Polizeiarbeit. Loley stützt sich dabei auf die Recherchen des ehemaligen Ermittlers Rudolf Huber. Er sammelte akribisch über Jahre Indizien, die offensichtlich nahelegen, dass es zumindest einen weiteren Täter geben muss.

Auch die Opfer glauben nicht an einzelnen Täter
Seit diesem Artikel in ÖSTERREICH ist die Aufregung um die Terrorwelle stark angestiegen. Immer mehr Opfer verlangen nun restlose Aufklärung:

  • Am Dienstag sagte Dagmar Koller, deren Ehemann Helmut Zilk 1993 bei einem Anschlag drei Finger verlor: „Mein Mann hat immer schon gesagt, es muss weitere Täter geben.“ Mehr wolle sie nicht mehr sagen, denn die Wunde nach dem Verlust ihres Mannes ist immer noch viel zu groß.
  • Auch Lojze Wieser, ein Klagenfurter Verleger, der 1994 eine Briefbombendrohung bekam, hält die Einzeltätertheorie für „schwer denkbar“.
  • Die Grünen-Politikerin Madeleine Petrovic war Adressatin einer Briefbombe: „Ein absolut sicheres Gefühl, das alles getan wurde, habe ich nicht“.
  • Mahmoud Abou-Roumie, der Gemeindearzt von Stronsdorf in NÖ, wurde von einer Bombe an der rechten Hand verletzt: „Ich bezweifele, dass Franz Fuchs alleine war.“

Dieser Meinung ist auch der ehemalige Sonder­ermittler Rudolf Huber. Ihn lässt die Geschichte nicht los. Wie ÖSTERREICH berichtete, wird ein amtsbekannter Rechtsextremist mit dem Bombenterror in Verbindung gebracht. Der 74-jährige Otto B. soll demnach das Hirn der Bombenserie gewesen sein. Sein Hass auf Ausländer und die Schreibweise, mit der er diesen verbreitet, sowie sein historisches Wissen ähneln den Bekennerschreiben auffallend.

Verdächtiger war immer in der Nähe der Briefbomben
Im aktuellen Falter wird aus der Justizakte zitiert. Ex-Ermittler Huber beschreibt darin sehr auffällige Verbindungen von Otto B. zu den Anschlägen. Immer wenn eine Bombe hochging, war B. in der Nähe. Sogar im Ausland, als eine Bombe in der Pro7-Redaktion bei Moderatorin Arabella Kiesbauer auftauchte, war B. dabei. Dafür gibt es viele Beweise.

Jetzt bekommen die Ermittlungen auch eine politische Dimension. Der Grünen-Abgeordnete Peter Pilz ist für eine rasche Bildung einer Kommission wie im Fall Natascha Kampusch: „Das ist der wichtigste Fall des rechtsextremen Terrors in Österreich. Solange der berechtigte Verdacht besteht, dass hier nicht alles aufgeklärt wurde, soll man das machen“ (siehe Interview).

Am 3. Dezember 1993 begann die blutige Terrorserie mit insgesamt 25 Bomben. Heute, knapp 16 Jahre später, bröckelt die Einzeltätertheorie.

Der Grüne Peter Pilz fordert eine Expertenkommission wie im Fall Kampusch und verlangt, dass das Parlament sich mit den neuen Täter­theorien befasst.

ÖSTERREICH: Glauben auch Sie an einen weiteren Täter im Briefbomben-Fall?
Peter Pilz: Das ist alles sehr plausibel. Ich glaube, diese Vorwürfe werden zu Recht erhoben. Das ist ähnlich wie im Fall Kampusch und in anderen Fällen, dass unzureichende kriminalpolizeiliche Ermittlungen später politisch vertuscht werden, damit das Ministerium gut dasteht.

Soll man jetzt eine Kommission bilden – wie eben im Fall Kampusch?
In dem Fall schon. Das ist der wichtigste Fall des rechtsextremen Terrors in Österreich. Solange der berechtigte Verdacht besteht, dass hier nicht alles aufgeklärt wurde, soll man das machen.

Also eine Kontrollinstanz gehört auf jeden Fall installiert?
Unbedingt. Eine bessere aber als die im Fall Kampusch. Kompetente Leute einsetzen.

Viele Opfer haben schon seit langer Zeit gesagt, es gibt mehrere Täter – warum kommt das erst jetzt auf?
Mich hat es auch gewundert, dass diese ernsthaften Hinweise nicht verfolgt worden sind. Ich hatte den Eindruck, dass den ÖVP-Ministern die Opfer ziemlich egal waren.

Was könnte da der Hintergrund sein?
Die verschiedenen Innenminister der ÖVP wollten immer den Eindruck erwecken, dass unter ihnen die kriminalpolizeiliche Arbeit hervorragend läuft. Und genau das Gegenteil ist der Fall. Seit die ÖVP Innenminister stellt, ist Österreich zu einem Einbrecherparadies geworden. Alle großen Kriminalfälle werden verschlampt. Das ist für mich der Hintergrund. Jetzt versuchen sie, durch Vertuschung den Eindruck zu erwecken, Österreich sei ein sicheres Land.

Glauben Sie, wird es jemals eine komplette Aufklärung geben?
Das weiß ich wirklich nicht. Aber eines kann ich garantieren: Es wird mit Sicherheit eine komplette parlamentarische Aufklärung der schweren Missstände im Innenministerium geben – und da werden wir auch über die Briefbomben reden.

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