Aus Grazer Baracke zum Medien-Milliardär

Dichands Leben

Aus Grazer Baracke zum Medien-Milliardär

"Mit der Geburt kann der Mensch einen Haupttreffer oder eine Niete ziehen", schreibt Hans Dichand in seinem Buch "Im Vorhof der Macht". Dichand kam 1921 zur Welt. In einer Villa im Stiftingtal bei Graz. Seine Mutter Leopoldine ist Hausdame bei einer Gräfin. Sein Vater Johann Schuhoberteilzuschneider bei "Humanic" in Graz. Die Familie ist wohlhabend.

Der Zwang: "Du, Sohn, musst es besser machen!"
Durch Inflation, Fehlspekulationen mit Aktien und Intrigen verliert der Vater jedoch alles. Als Hans drei Jahre alt ist, muss die Familie in eine winzige Wohnung "in der "Affentürkei" ziehen, eine slumartige Barackensiedlung am Rande der Mur-Auen. Armut, Streit um Geld sind an der Tagesordnung: "Ich war Treibholz am Rande der Gesellschaft", schreibt Dichand. Die Kindheit prägt. Armut, Leid. Das Gefühl des Ausgestoßenseins setzt enorme Energie bei ihm frei. Mit 14 bewirbt er sich bei der damaligen "Kronen-Zeitung". Chefredakteur Lipschütz lehnt ab, Dichand wird Drucker, lernt für die Abendmatura - da bricht der Zweite Weltkrieg aus.

Freiwillig meldet er sich zur Marine. Nach Krieg und Gefangenschaft heuert er beim britischen Nachrichtendienst an. Eine einzigartige journalistische Karriere beginnt. Mit kaum 20 Jahren wird er Chefredakteur der "Murtaler Zeitung", mit 25 bereits Chefredakteur der "Kleinen Zeitung". Vier Jahre später zieht es ihn nach Wien. Er übernimmt den "Kurier". Sein engster Mitarbeiter: Hugo Portisch.

170. 000 Schilling für die Neue Kronen-Zeitung.
Dichand will aber immer sein eigener Herr sein. 1958 kauft er um 170. 000 Schilling von einem gewissen Franz Geyer die Rechte am Titel "Kronen-Zeitung". Geyer ist Schwiegersohn von Gustav Davis, der 1900 das Kleinformat gegründet und 1944 eingestellt hatte.

90. 000 Schilling legt Dichand auf den Tisch (seine Abfertigung als Kurier-Chef). 80. 000 borgt Rolf Gürtler, Besitzer des "Sacher". Gemeinsam mit dem jungen Waschmittelmanager Kurt Falk stampft Dichand die "Neue Krone" aus dem Boden. Die 12 Millionen Schilling für den Aufbau der Zeitung stammen aus Krediten. Besichert werden diese vom damaligen ÖGB-Boss Franz Olah - mit Sparbüchern der Gewerkschaft. Am 11. April 1959 erscheint die erste "Neue Kronenzeitung" - finanziert mit geheimen Geldern des SPÖ-nahen ÖGB.

Im Jahr 1974 eskaliert der Streit zwischen Dichand und Krone-Hälfteeigentümer Kurt Falk. "Am 2. Oktober 1974 teilte er (Falk, Anm. d. Red.) mir mit, dass er sich nicht nur aus der Geschäftsführung völlig zurückziehen, sondern auch als Herausgeber gestrichen werden wollte", schreibt Dichand in seiner Biografie "Im Vorhof der Macht". Als Falk die Kündigung mehrerer führender Redakteure fordert, bricht zwischen ihm und Dichand der "offene Krieg aus" (O-Ton Dichand). Die 15-jährige Zusammenarbeit der beiden Krone-Macher endet im Hass.

Die Folge: Die größte Zeitungsschlacht in der österreichischen Mediengeschichte. Über Jahre liefern sich Falk und Dichand ein erbittertes Match um die Macht in der Krone. Die Redaktion tritt im Herbst 1974 aus Protest gegen Falk sogar in Kurzstreik, Falks Konter: "Schlimmstenfalls wird das Schiff versenkt, ein paar Matrosen werden gerettet, aber alle Offiziere und die beiden Reeder werden bei diesem Manöver ersaufen."

Auf einer Parkbank macht Dichand Falk Kaufangebot
Dichand und Falk verkehren in den folgenden Jahren nur noch über ihre Anwälte. Erst Anfang 1987 kommt es auf einer Parkbank am Wiener Graben zu einem folgenreichen Treffen. "Ist das nicht Wahnsinn, was wir schon seit Jahren machen? Warum finden wir keine Lösung? Zum Beispiel könnten wir einen Betrag festlegen, zu dem jeder von uns seine Krone-Hälfte verkaufen würde", soll Dichand an diesem Tag vorgeschlagen haben.

Ein neuer Partner: Falk verkauft an die Deutschen
Im November 1987 steht die Lösung: Falk steigt komplett aus der Krone aus, gibt seinen 50-Prozent-Anteil an die deutsche WAZ-Gruppe ab und kassiert dafür rund 160 Millionen Euro.

Dichand ist am Ziel: Er hat seinen Intimfeind Falk aus der Krone gedrängt. Und jetzt geht der Zeitungszar voll in die Offensive: 1988 verschränkt er die Krone mit dem Kurier, an dem sich die WAZ ebenfalls mit rund 49 Prozent beteiligt hat: Die Mediaprint (in der Vertrieb, Druck, Anzeigen und Verwaltung der beiden Zeitungen zusammengefasst sind) wird gegründet.

WAZ akzeptiert Dichands Sohn nicht, Streit eskaliert
Aber auch mit der WAZ kommt es zum Zerwürfnis: Dichand liefert sich mit WAZ-Geschäftsführer Erich Schumann einen Machtkampf um die Krone. Als Dichand seinen Sohn Christoph 2003 als Chefredakteur einsetzt, kommt es zum endgültigen Bruch. Die WAZ legt sich gegen Christoph quer ("Wir erkennen bei Ihrem Sohn weder Neigung noch Begabung, auch nur im Ansatz den Maßstäben zu genügen") und wirft Dichand vor, die Zeitung so zu führen, als würde sie ihm alleine gehören. Hintergrund: Der Gewinn der Krone bricht ein - und das passt den Deutschen überhaupt nicht.

"Ich nehme diesen Kampf auf. Der Fehdehandschuh ist mir von diesem Dr. Schumann vor die Füße geworfen worden. Ich habe ihn aufgenommen und halte ihn fest", schießt Dichand in Richtung WAZ.

Bis zu seinem Tod pokert Dichand um WAZ-Anteile
Den von der WAZ als geschäftsführenden Chefredakteur eingesetzten Michael Kuhn entlässt Dichand 2006 fristlos.

Der Krone-Boss arbeitet nun fieberhaft daran, die WAZ auszukaufen. Er will seine Zeitung als Abschluss seines Lebenswerks ganz in Familienbesitz bringen. Die WAZ setzt ihm bis Pfingsten eine Frist für den Rückkauf der Krone-Anteile. Dichand lässt die Frist verstreichen. Er pokert bis zuletzt. Am 17. Juni stirbt er im Wiener AKH.

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