Aus für Schulnoten und Sitzenbleiben

Expertenbericht

© Müller

Aus für Schulnoten und Sitzenbleiben

Ein Hinausschieben der Bildungswegentscheidung von neuneinhalb auf 14 Jahre, die Individualisierung des Unterrichts, ein Aus für das Sitzenbleiben, ein Verzicht auf Ziffernnoten in den ersten drei Klassen einer "Neuen Mittelschule" sowie ein Abgehen von den starren 50-Minuten-Unterrichtseinheiten sind die Kernpunkte des Zwischenberichts der Expertenkommission für die Schulreform. "Wir haben eine Vision vorgelegt", betonte der Kommissionsvorsitzende Bernd Schilcher bei einer Pressekonferenz am Mittwoch in Wien. Die Umsetzung liege bei Unterrichtsministerin Claudia Schmied.

Schmied müsse die politische Umsetzbarkeit der Ideen verantworten, meinte Schilcher. Wenn sie der Meinung sei, dass bestimmte Teile politisch nicht verantwortbar seien, wäre es normal, wenn nur ein Teil übernommen werde und ein anderer nicht. "Wir haben null Ehrgeiz, Ersatzpolitiker zu spielen."

Individualisierung "unverzichtbar"
Unverzichtbar ist für die stellvertretende Kommissionsvorsitzende, Infineon-Vorstandschefin Monika Kircher-Kohl, aber die Individualisierung des Unterrichts. Auch die derzeitige "Fächerzerstückelung" in "starre 45-Minuten-Einheiten" entspreche nicht dem Konzept. Dieses brauche längere Lernphasen und eine offenere Struktur.

Eckpunkte des Experten-Zwischenberichts zu den Modellversuchen zur "Neuen Mittelschule"

  • INDIVIDUALISIERTES LERNEN: Jeder Schüler arbeitet in bestimmten festgelegten Stunden der Woche nach einem mit dem Lehrer abgestimmten Plan an Übungsaufgaben, Wiederholungen und Kreativ-Aufgaben zu den Fächern Deutsch, Englisch und Mathematik. Ermöglicht nochmaliges Wiederholen für schwächere und besonders anspruchsvolle Arbeiten für besonders begabte Schüler.
  • FÄCHERÜBERGREIFENDER UNTERRICHT: Ein- bis zweimal pro Jahr fächerübergreifende Projekte in der Dauer von vier bis sechs Wochen (umfassen mindestens zehn Wochenstunden). Außerdem Zusammenfassung "verwandter" Fächer in vierstündige Lernbereiche je nach Bedürfnis der Schule (z.B. "Naturwissenschaften" statt Physik, Chemie und Biologie)
  • ZUSATZANGEBOTE: Neben dem Kerncurriculum gibt es "freie Angebote", Hochbegabte erhalten Angebote für von Lehrer betreute "freie Vorhaben". In den "Werkstätten" der Schulen sollen die Kinder Erfahrungen mit Werkzeug und Werkstoffen machen, in Schülerfirmen die Grundlagen von Wirtschaft, Handel und Marketing erlernen. Ab der dritten Klasse Praktika in Kindergärten, Betrieben und sozialen Einrichtungen. Daneben regelmäßige Theater-, Musik- und Kunstpräsentationen.
  • LEISTUNGSBEURTEILUNG: Keine Ziffernnoten in den ersten drei Klassen, stattdessen Eingangsdiagnosen, Förderpläne, Lernpläne, sorgfältige Dokumentation des Leistungsstands sowie zweimal im Jahr "Lernstandsgespräche" mit Schülern und Eltern über Lernentwicklung und Verhalten der Schüler. Ab der ersten Klasse "Portfolio", in dem Arbeitsergebnisse sowie Testergebnisse und Projekt-Rückmeldungen gesammelt werden. Kein Sitzenbleiben.
  • RHYTHMISIERUNG: Jeder Tag beginnt gemeinsam (z.B. Morgenkreis), anschließend individualisierte Arbeit. Nach Frühstücks- bzw. Bewegungspause Unterricht in Fächern. Danach Mittagspause mit gemeinsamem Essen und der Möglichkeit zu Bewegung oder stiller Beschäftigung. In der Ganztagsschule anschließend Nachmittagsunterricht. Auch die Woche hat einen Rhythmus: Beginn mit vom Klassenvorstand geleitetem "Montagmorgenkreis" zur Planung der kommenden Woche, Ende mit "Klassenrat" zur Besprechung von Sorgen, Konflikten und Wünschen.
  • "OFFENES LERNEN": Wöchentlich wiederkehrender vierstündiger Block für fächerübergreifendes, praktisches Lernen. Zeit für Arbeit an Projekten. Wird vom Klassenvorstand betreut, der am gleichen Tag noch zwei Stunden seines Fachs unterrichtet und so den ganzen Tag mit seinen Schülern verbringt.
  • ZEITSTRUKTUR: Ausweitung der Lernzeiten auf Doppelstunden, Strukturierung des Unterrichts in 90- oder 100-Minuteneinheiten.
  • GANZTAGSSCHULE: "Neue Mittelschule" kann sowohl halb- als auch ganztägig geführt werden, "wünschenswert" ist die Ganztagsschule. Lehrer sollen auch nachmittags präsent sein. Voraussetzung: räumliche Adaptierungen, gut ausgestattete Arbeitsplätze für Lehrer.
  • LEHRERJAHRGANGSTEAMS: Team aus acht bis zehn AHS-, Hauptschul- und Sonderschullehrern, die jeweils einen Jahrgang betreuen. Begleitet Schüler über alle vier Jahre. Zur stärkeren Individualisierung zweiter Lehrer für Gruppe bzw. auch einzelne Schüler möglich.
  • EVALUATION: Lehrerteams müssen mindestens zweimal pro Jahr Bilanz ziehen und über Änderungen diskutieren. Einmal pro Schuljahr Rechenschaft der ganzen Schule an ein bis zwei "pädagogischen Tagen" samt Dokumentation der geleisteten Arbeit. Präsentation dieser Bilanz für Schulaufsicht und Schulträger. Mindestens zweimal pro Jahr schulinterne Vergleichsarbeiten, wissenschaftliche Begleitung als "critical friend".

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Schmied zurückhaltend
Die heute präsentierten Vorschläge der Expertenkommission kommentierte Bildungsministerin Claudia Schmied vorerst zurückhaltend. Sie bekräftigte, dass die Schulnoten nicht abgeschafft werden, damit die Schüler nicht den Anschluss an das Regelschulwesen verlieren. Die Einführung eines Kurssystems statt Sitzenbleiben findet Schmied nach wie vor gut. Es sei auch aus ökonomischer Sicht nicht zielführend, wenn Schüler ein ganzes Jahr verlieren. Welche Vorschläge dann konkret machbar und umsetzbar seien, werde sich erst zeigen. Davor würden noch Gespräche mit den Bundesländern und Lehrern geführt.

Schmied kündigte zudem an, dass ab Donnerstag eine breit angelegte Informationskampagne startet und in den betroffenen Regionen ab nächster Woche die Eltern von Volksschülern informiert werden.

Promi-Initiative
Mitten im Wirbel um die Schulnoten präsentiert sich jetzt eine Aufsehen erregende neue Initiative. Unter dem Titel „Bildung grenzenlos“ starten Prominente am Donnerstag eine Info-Kampagne für die gemeinsame Schule der sechs bis 15-jährigen. Mit dabei: klingende Namen wie Josef Hader, Lukas Resetarits, Robert Menasse oder Peter Turrini bis hin zu Heide Schmidt, Rudolf Scholten und Ferdinand Lacina.

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