ÖSTERREICH-Interview

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"Diese Pflanzerei mit Fragen riecht nach Schüssel"

ÖSTERREICH: Wie beurteilen Sie das Aussetzen der Regierungsbildung durch Josef Pröll?
Häupl: Ich bin gar nicht glücklich über die Vorgangsweise der ÖVP. Die 10 Fragen sind nicht das Problem – die sind leicht zu beantworten, der Großteil ist ja durch die Arbeitsgruppen ohnehin schon ausverhandelt. Ich sehe das eigentlich als Pflanzerei – da kann man sagen: Schwamm drüber. Das wahre Problem liegt ganz woanders: Die Wähler haben den dringenden Wunsch, dass ÖVP und SPÖ in schwierigen Zeiten eine stabile Regierung bilden – die wollen alles, nur ganz sicher keine Pflanzereien mehr, keine parteitaktischen Spielchen, kein more of the same from Schüssel. Noch einmal diese Schüssel-Spielchen, das will keiner mehr in diesem Land. Garantiert!

ÖSTERREICH: Und Sie glauben, hinter dieser neuen Pröll-Taktik steckt Schüssel?
Das riecht nach Schüssel! Ich will bewusst kein Theater draus machen – ich warne nur: Wenn die Beantwortung der 10 Fragen wieder nicht reicht, wenn da wieder diese Schüssel-Spielchen losgehen, wie wir sie schon 1999 und 2006 erlebt haben, dann wird da ein nicht reparabler Schaden draus werden. Die Wähler sind „ang’speist“ bis oben, die haben genug von Schüssel-Spielchen, die hatten die Hoffnung, dass mit Pröll und Faymann ein neuer Stil einzieht. Und ich werde gemeinsam mit Werner Faymann darauf achten, dass die SPÖ da jetzt von Pröll nicht in einen Strudel nach unten in der Wählergunst gezogen wird – die Menschen sind am Ende der Geduld. In Zeiten wie diesen gibt’s für Pflanzereien und Spaßetteln wie diese 10 Fragen kein Verständnis mehr.

ÖSTERREICH: Sie waren zuletzt immer öfter ein Skeptiker der Großen Koalition ...
Ich bin ein Befürworter der Großen Koalition, wenn sie von jenen der ÖVP getragen wird, die eine wirkliche Zusammenarbeit wollen, und da hat Josef Pröll immer dazugehört. Ich bin ein Gegner einer Koalition der Pflanzerei, wie sie Schüssel kultiviert hat, der ja noch immer das Wahlergebnis von 2006 reparieren will. Wir leben in einer Demokratie und nicht in einer Befindlichkeits-Therapiegruppe.

ÖSTERREICH: Glauben Sie eigentlich noch an das Zustandekommen einer Großen Koalition Pröll - Faymann?
Die Hoffnung stirbt zuletzt. Es ist der Wunsch der großen Mehrheit der Wähler, dass es zu dieser Zusammenarbeit kommt, weil es ja keine Alternative gibt. Die eine Alternative wäre eine Koalition ÖVP - FPÖ, wie wir sie ja bereits hatten - diesmal angereichert um den politischen Spaßfaktor BZÖ. Aber das ist ja jetzt keine Zeit für reaktionäre Späßchen. Und die andere Alternative wäre eine Minderheitsregierung der SPÖ - die den Riesen-Nachteil hat, dass das Wort „Minderheit“ vor dem Wort „Regierung“ steht und das also nur ein Umweg zu Neuwahlen wäre.

ÖSTERREICH: Sie sind kein Befürworter einer SPÖ-Minderheitsregierung?
Da können wir gleich Neuwahlen machen - ich bin mir sicher, dass die SPÖ derzeit bei Neuwahlen sehr gut abschneiden würde, weil die Wähler würden es der ÖVP nie verzeihen, wenn sie noch einmal zu Neuwahlen ruft. Nur: Neuwahlen wären völlig unzumutbar. Wir können ja in diesem Land nicht solange wählen, bis die ÖVP endlich ihre Befindlichkeiten therapiert hat.

ÖSTERREICH: Welchen Rat haben Sie an Pröll und Faymann?
Von Josef Pröll, den ich schätze, wünsche ich mir, dass er jetzt den nötigen Mut zeigt, um in einer wirtschaftlich schwierigen Situation die Zusammenarbeit zu wagen. Ich habe an Josef Pröll und die ÖVP ja nicht 10 Fragen, sondern nur eine einzige: Habt Ihr Mut genug, eure parteitaktischen Spielchen einzustellen und endlich für das Land zu arbeiten. Wenn nicht - dann sagt es bitte.

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