29. August 2009 20:15
Keine Auszeit gab es für Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll in
diesem Sommer: Während die Bundesregierung urlaubte, hatte er mit der
dramatischen Hochwassersituation, der Diskussion um Polizeischüsse, die
einen 14-Jährigen töteten, und der Causa Prima – der Diskussion um die
Bundespräsidentschaft – alle Hände voll zu tun.
Heiße Kartoffel Ortstafeln
ÖSTERREICH bat den mächtigen
Landeshauptmann zum großen Sommerinterview. Dabei zeigt sich Erwin Pröll
entspannt und staatsmännisch: So nimmt er in der Ortstafelfrage, in der
Stillstand herrscht, klar Stellung und betont, dass „die heiße Kartoffel“
nicht mehr hin- und her geschupft werden dürfe, sondern gemäß der
Entscheidungen des Verfassungsgerichtshofes gehandelt werden müsse.
"Herumgemurkse“ in der Schulpolitik
Pröll rügt die
Regierung für die Streitereien in Zeiten der Wirtschaftskrise und erklärt,
dass in der Schulpolitik zu viel „herumgemurkst“ wird, obwohl man mit
„Vernunft“ die Probleme lösen könnte.
"Wir sind keine Monarchie"
Ausführlich beschreibt Pröll
sein Amtsverständnis für den Bundespräsidenten. Denn er ist der Favorit für
einen ÖVP-Kandidaten bei der kommenden Bundespräsidentschaftswahl:
- Er wünscht sich warnende, auffordernde und wenn nötig „sogar
bestimmende“ Worte bei wichtigen Fragen der Republik.
- Pröll ist gegen ein Jagdschloss als Sommersitz für den Präsidenten:
„Wir sind nicht mehr in einer Monarchie.“
- Und Pröll sagt ganz deutlich, dass es einen eigenen ÖVP-Kandidaten
für die kommenden Wahlen im April 2010 geben soll: „Ich bin
unbedingt für einen eigenen Kandidaten in der ÖVP.“
- Dass seine Partei sich noch nicht festgelegt hat, immer wieder unterschiedliche
Stimmen zur Kandidatur laut werden, schreibt er seinem Neffen und ÖVP-Chef
Josef Pröll zu: In der Parteiführung sei man „offensichtlich
noch nicht den Weg gegangen, hier ordentlich zu koordinieren.“
- Dass er Favorit als ÖVP-Präsidentschaftskandidat ist, „ehrt“
Erwin Pröll, wie er betont, sehr. Noch sei die Zeit für eine
Entscheidung aber nicht reif.
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ÖSTERREICH: Nach der Sommerpause der Regierung ist die Ortstafelfrage wieder
ins Zentrum gerückt. Und wieder geht hier nichts weiter. Wie muss diese
Frage Ihrer Meinung nach gelöst werden?
Erwin Pröll: Höchstgerichtsentscheidungen sind für mich ähnlich
wie Schiedsrichterentscheidungen beim Fußball, Tatsachenentscheidungen. Aber
es ist nicht meine Aufgabe, die Ortstafelfrage zu werten. In einem
Rechtsstaat muss geschriebenes oder gesprochenes Recht akzeptiert werden.
Was sich aber in der Ortstafelfrage jetzt abspielt, ist, dass die heiße
Kartoffel von der Bundesregierung zum Land Kärnten und wieder zurück
geschupft wird – aus reiner Polit-Taktik. So geht das nicht. Ich meine,
dass man nun endlich so weit sein müsste, in einen vernünftigen Dialog
miteinander zu treten, Nägel mit Köpfen zu machen, und eine Lösung zu
finden, die den Erkenntnissen des Verfassungsgerichtshofes entspricht.
ÖSTERREICH: Ein halbes Jahr nach Start dieser Regierung geht nicht nur hier
nichts weiter. Wie beurteilen Sie insgesamt die Performance der Regierung?
Erwin Pröll: Diese Regierung muss wirklich in den Ergebnissen
noch massiv zulegen. Bundeskanzler Faymann ist mit dem Motto „genug
gestritten“ angetreten. Davon merkt die Bevölkerung aber nichts mehr. Und
das, obwohl wir in einer Zeit sind, in der die allgemeine wirtschaftliche
Situation derart schwierig ist. Aber in der Regierung wird herumgemurkst.
Ein Beispiel dafür ist die Schulpolitik. Ich verwahre mich dagegen, dass die
Bundesländer bei der Schulreform bremsen. Von meiner Warte her könnte diese
Reform längst über die Bühne sein. Hier muss man nur die Vernunft walten
lassen und die Probleme können gelöst werden.
ÖSTERREICH: Ihre Lösungs-Appelle klingen betont staatsmännisch, was zum
bestimmenden Thema Bundespräsidentschaftswahlen führt. Was muss ein guter
Bundespräsident können?
Erwin Pröll: Das Entscheidende ist, dass er in einer Republik
allen Bevölkerungsschichten das Gefühl gibt: Er ist für alle da. Ein
Bundespräsident darf keinesfalls Platzhalter für eine politische Partei
sein. Neben Faktenwissen, Erfahrung und Arbeit in der Politik ist das
Grundvoraussetzung.
ÖSTERREICH: Braucht ein Bundespräsident ein Jagdschloss als Sommersitz?
Erwin Pröll: Im letzten Wahlkampf wurde hier schon angesprochen,
dass darauf verzichtet werden soll. Ich frage mich, warum das nicht weiter
verfolgt wurde. Ich sage, wir sind nicht mehr in einer Monarchie.
Repräsentieren gehört dazu, aber alles mit Maß und Ziel. Ein Präsident
braucht keinen Sommersitz.
ÖSTERREICH: Soll sich ein Bundespräsident in die Tagespolitik einmischen?
Erwin Pröll: Wenn existenzielle Fragen der Republik berührt
sind, dann hat der Bundespräsident das Recht und die Pflicht, seine Stimme
zu erheben. Ein gutes Beispiel dafür war Bundespräsident Rudolf
Kirchschläger. Sein legendärer Ausspruch der „Sauren Wiesen“, die
trockenzulegen sind, ist hier unerreicht. So wie er es gemacht hat, so
wünscht man sich, dass der Bundespräsident in solchen Fällen die Stimme
erhebt, um den Weg vorzugeben – warnend, auffordernd oder wenn nötig sogar
bestimmend.
ÖSTERREICH: Wird die Machtposition, die der Bundespräsident eigentlich hat,
vom jetzigen Präsidenten Heinz Fischer ausreichend genützt?
Erwin Pröll: Ich werde mich von Niederösterreich aus nicht als
Oberlehrer der Nation gerieren. Aber was mir wirklich Sorgen macht ist, dass
viele Österreicher sich heutzutage fragen, wozu man einen Bundespräsidenten
überhaupt braucht. Das muss zu denken geben. Die Frage ist: Warum es so weit
gekommen ist, dass die Österreicher dieses Amt als so wenig bedeutend
einschätzen?
ÖSTERREICH: In Ihrer Partei gibt es keine Einigkeit, ob man bei der nächsten
Wahl einen eigenen ÖVP-Kandidaten aufstellen soll. Warum läuft diese
Diskussion in der ÖVP so unprofessionell?
Erwin Pröll: Weil man in der Parteiführung der ÖVP
offensichtlich noch nicht den Weg gegangen ist, hier ordentlich zu
koordinieren. Diese Frage müssen Sie also an die Parteiführung richten. Für
mich ist aber klar: Alleine der Umstand, dass die Diskussion über mögliche
Kandidaten so bald begonnen hat, zeigt, wie wichtig das Thema ist. In der
ÖVP kommt jedenfalls mehr und mehr die Meinung hoch, dass ein eigener
Kandidat aufzustellen ist. Auch ich bin der Meinung. Ich bin unbedingt für
einen eigenen Kandidaten in der ÖVP. Denn ich war es, der in
Niederösterreich das Persönlichkeitswahlrecht konkret umgesetzt hat. Und die
Präsidentschaftswahl ist die Persönlichkeitswahl schlechthin.
ÖSTERREICH: Die Parteiführung, von der Sie sprechen, ist Ihr Neffe Josef
Pröll. Wann muss er die Entscheidung für einen ÖVP-Kandidaten bekannt geben?
Erwin Pröll: Das ist Sache der Parteiführung. Aber soweit ich
das überblicke ist es klar, dass es zu einem eigenen ÖVP-Kandidaten kommt.
ÖSTERREICH: Heinz Fischer wird wohl wieder kandidieren. Warum glauben Sie,
dass man gegen einen amtierenden Präsidenten gewinnen kann?
Erwin Pröll: Die Überlegungen sind hier sehr einfach: Wenn alle
bürgerlichen Parteien und auch die Grünen einen Kandidaten nominieren, dann
ist die Wahrscheinlichkeit eines zweiten Wahlganges sehr groß. Das ist
sicher auch der Grund für die Nervosität der SPÖ in dieser Frage, weil man
hier weiß, dass ein guter Gegenkandidat zu Heinz Fischer reelle Chancen hat.
Für einen amtierenden Präsidenten ist es schließlich alles andere als
lustig, in eine Stichwahl gehen zu müssen. Noch dazu macht die SPÖ mangels
Erfolg in den Bundesländern diese Wahl zu ihrer Schicksalswahl.
ÖSTERREICH: Wie ist Ihr persönliches Verhältnis zu Heinz Fischer?
Erwin Pröll: Es ist ein korrektes Verhältnis. Aber es ist so,
dass ich mit den Amtsvorgängern von Kirchschläger über Waldheim bis Klestil
ein persönlicheres Verhältnis hatte, dieses Verhältnis zum Landeshauptmann
bestimmt immer der Bundespräsident.
ÖSTERREICH: Als ÖVP-Kandidat werden Sie seit Wochen genannt. Kanzler Werner
Faymann sagte zuletzt, Heinz Fischer sei „verbindend“ und „verbindlich“. Sie
seien das nicht. Ärgert Sie das?
Erwin Pröll: Na, da soll er mit Vergleichen vorsichtig sein.
Wenn ich beginne, ihn als Bundeskanzler mit seinen Vorgängern zu vergleichen
– da wird er nicht rosig aussehen.
ÖSTERREICH: In der ÖVP spitzt sich letztlich alles auf Ihre Kandidatur für
die Präsidentschaft zu. Können Sie das noch ablehnen?
Erwin Pröll: Sie haben recht, es ehrt mich sehr, dass wirklich
gewichtige Parteifunktionäre und Amtsträger in der Republik sich öffentlich
für mich ausgesprochen haben. In der Praxis sollte man die Frage
beantworten, wenn sie entscheidungsreif ist. An einem
Bundespräsidentenwahlkampf hat jetzt niemand Interesse. Fakt ist: Sie werden
von mir noch nie gehört haben: Ich will Bundespräsident werden. Aber Sie
haben allerdings auch noch nie das Gegenteil von mir gehört ...