Elsner im Häfn: Die Angst vorm Schlagerl Elsner im Häfn: Die Angst vorm Schlagerl

ÖSTERREICH-Interview

© TZ ÖSTERREICH

 

Elsner im Häfn: Die Angst vorm Schlagerl

Hollywood liegt nicht in Los Angeles, sondern in der Josefstadt. Zumindest, wenn es um dem Besuch eines U-Häftlings geht. Wenn man Ex-Bawag-Manager Helmut Elsner besuchen will, erinnert die Szenerie an einen Blockbuster in einem Hochsicherheitsgefängnis.

Gleich zwei Security-Checks sind zu absolvieren, bis man in den Be­sucherraum vorgelassen wird. Die Handtasche muss außerhalb der Besucher­zone aufbewahrt werden. Kein Aufnahmegerät, kein Fotoapparat sind erlaubt. Nur mit einem Block und einem Kugelschreiber darf man Helmut Elsner, der heute exakt drei Jahre in Österreich in U-Haft sitzt, entgegentreten.

Durch Glaswand getrennt
Ein freundlicher Händedruck zur Begrüßung ist nicht möglich, denn während des Gesprächs ist man durch eine Glasscheibe getrennt. Das Gespräch läuft via Telefon. Auch Ehefrau Ruth Elsner kann mit ihrem Mann seit 1.095 Tagen nur auf diesem Weg kommunizieren. Nur insgesamt zwei Besuche zu je 30 Minuten sind Elsner pro Woche gestattet.

Innerhalb von einer halben Stunde Fragen zu stellen, die Antwort mitzuschreiben und das Telefon dabei ans Ohr zu halten ist stressig. Auch für den Häftling Helmut Elsner.

Hochrotes Gesicht
Der einst mächtige Ex-Bawag-Chef hat ein einfaches Poloshirt und eine braune Wollweste an. Und ja, er sieht krank aus. Sein Gesicht ist aufgeschwemmt, die Hautfarbe hochrot, die Äderchen sind geplatzt. Typische Anzeichen für permanenten Bluthochdruck. „Ich bekomme oft Erstickungsanfälle und habe deswegen einen Sauerstoffapparat ind er Zelle“, erzählt er. Der Chefarzt der Justizanstalt Josefstadt, Primar Kaiser-Mühlecker, hat in einem ÖSTERREICH-Interview zugegeben: "Helmut Elsner könnte jederzeit einen Herzinfarkt bekommen.“

Und ja, er fühlt sich als Justizopfer. "Es gab einen Bawag-Skandal, aber dafür bin ich nicht verantwortlich. Wolfgang Flöttl hat das Geld gestohlen. Er hat sich im Prozess auf seine Blödheit ausgeredet. Die Justiz hat alle Anträge abgelehnt, um nachzuforschen, wo das Geld verschwunden ist“, erzählt der Ex-Top-Banker.

Feindbild Bandion-Ortner
Spricht man Helmut Elsner auf Justizministerin Claudia Bandion-Ortner an, die den Bawag-Prozess als Richterin geleitet hat, spürt man: Er mag sie nicht. „Sie ist eine strohdumme Person, die im Prozess vollkommen überfordert war.“ Harte Worte. Elsner beruft sich darauf, dass auch viele seiner früheren Kritiker seine Freilassung auf Kaution als sinnvoll erachten.

"Man behauptet, ich habe einen Fluchtfonds im Ausland. Aber es wurde kein Geld gefunden“, erzählt Elsner. Bei Julius Meinl, der innerhalb von 54 Minuten 100 Millionen Euro aus Liechtenstein überwiesen hat, vermutet die Justiz das offenbar nicht. Denn der ist auf freiem Fuß, Helmut Elsner sitzt noch immer in U-Haft. Und das seit drei Jahren.

ÖSTERREICH: Herr Elsner, heute vor drei Jahren wurden Sie von Frankreich an Österreich ausgeliefert, sitzen seither in U-Haft. Sind Sie verbittert, dass man Sie nicht auf Kaution frei lässt?
Hemut Elsner: Das bin ich zum Glück noch nicht. Es gibt viel schlimmere Schicksale als meines. In der Nazi-Zeit haben Millionen von unschuldigen Menschen mit ihrem Leben bezahlt. So versuche ich immer, meine Frau zu trösten.

Sie dürfen nur zweim Mal pro für je 30 Minuten Besuch empfangen. Wie sehr fehlt Ihnen die Familie?Die Sorge um die Familie ist für mich der schlimmste emotionale Stress in der Haft. Meine Schwester ist 91, allein und pflegebedürftig. Niemand kann ihr helfen.

Sie haben auch drei kleine Enkelkinder
die ich seit Februar 2006 nicht mehr gesehen habe. Ich will nicht, dass sie mich im Gefängnis besuchen kommen und mich nur durch die Glasscheibe sehen können.

Haben Sie noch ein Zeitgefühl?
Irgendwann verliert man die Wahrnehmung, ob Montag, Dienstag oder Mittwoch ist. Man schaut nur mehr auf die Uhr und hofft, dass die Stunden vergehen. Deswegen habe ich in der Vorwoche sogarauch auf den Geburtstag meiner Frau vergessen.

Wie verbringen Sie die Tage in der U-Haft?
Ich lese viel. Österreichische und französische Tageszeitungen sowie Bücher. Dann höre ich viel klassische Musik auf Radio Stephansdom.

Was lesen Sie derzeit?
Die Apologie von Platon. Hier schreibt er über den Prozess gegen Sokrartes und wie der Richter dem Willen des Volkes nachgibt. Das erinnert mich an meinen Prozess.

Es wurde viel über Ihren schlechten Gesundheitszustand berichtet. An welchen Beschwerden leiden Sie konkret?
In der Nacht bekomme ich immer wieder Erstickungsanfälle, deswegen steht in meiner Zelle ein Sauerstoffgerät. An manchen Tagen ereilen mich plötzlich immer wieder starke Herzschmerzen, die durch Spritzen gelindert werden. Seit der Haft habe ich 17 Kilo zugenommen. Davon sind allein zehn10 Kilo in den Beinen. Es sind richtige Elefantenbeine.

Können Sie im Gefängnis Bewegung machen?
Es gibt einen sehr kleinen Hof. Aber der wird von den Häftlingen meistens nur zum Rauchen verwendet. Außerdem haben mich anfangs einige Häftlinge um Autogramme gefragt, das wollte ich nicht. Ich gehe lieber am Gang auf und ab. Nach drei Runden bin ich ohnehin so erschöpft, dass ich mich hinlege und tief einschlafe.

Haben Sie Angst, dass Sie in der Haft sterben könnten?
Ein Herzinfarkt oder ein Schlaganfall, so sagen die Ärzte, sind jederzeit möglich. Mein Kampfgeist hält mich am Leben. Aber ganz ehrlich: Ich fürchte mich vor einem Schlaganfall. Dann könnte es sein, dass ich halbseitig gelähmt in der Zelle sitze, weil es in der U-Haft keine Haftunfähigkeit gibt.

Woher schöpfen Sie Ihre Kraft?
Aus dem Wissen, dass die Vorwürfe gegen mich unhaltbar sind.

Das heißt, Sie behaupten, dass Sie unschuldig sind?
Die SPÖ hatte 2006 eine Wahl zu gewinnen und hat ein Opfer gesucht. Man muss den Menschen klar machen: Ja, es gab einen Bawag-Skandal, aber nicht durch mich. Wolfgang Flöttl hat in Wahrheit das Geld gestohlen. Er hat sich im Prozess auf seine Blödheit ausgeredet. Das Gericht hat alle Anträge abgelehnt, nachzuforschen, wo das Geld wirklich verschwunden ist. Der Richterin Bandion-Ortner hat es genügt, dass Flöttl behauptet hat, sein Computer sei abgestürzt, wo wichtige Daten gespeichert waren. Ich bringe derzeit Klagen an allen Finanzplätzen ein, wo er tätig war, um das Geld zu finden.

Was fühlen Sie, wenn Sie den Namen Wolfgang Flöttl hören?
Er ist die größte Enttäuschung für mich. Ich war mit ihm seit 1982 befreundet. Ich hätte nie gedacht, dass in ihm eine derart große kriminelle Energie steckt.

Derzeit sind viele Banker auf freiem Fuß, die hohe Verluste gemacht haben. Fühlen Sie sich als Justizopfer?
Ich kann nur sagen: Die Flöttl-Verluste waren 2003 zur Gänze bilanzmäßig verdaut. Die Gelder der Bawag-Kunden wurden nie angegriffen, der ÖGB hat keinen Groschen verloren.

Rückblickend gesehen: Welche Fehler haben Sie gemacht?
Auf Rat meines Anwaltes habe ich auf die Medienberichte nicht reagiert, keine Interviews gegeben. Das war ein schwerer Fehler. Dadurch wurde das Bild eines Monsters geschaffen.

Was empfinden Sie, wenn Sie den Namen Claudia Bandion-Ortner hören?
Das ist eine strohdumme Person, die vollkommen überfordert ist. Und außerdem lügt Bandion-Ortner in meinem Fall wie gedruckt. Im Dezember 2008 hat sie meine Anwälte in ihr Büro bestellt und die Bedingungen genannt, damit ich auf Kaution freigelassen werde. Offenbar wurde sie zurückgepfiffen, weil sie sich wenige Tage später daran nicht mehr erinnern konnte. Ich frage mich, wie lange sich eine Justizministerin hält, die offen lügt. Ich hoffe, dass meine Anzeige, die ich gegen sie eingebracht habe, greifen wird.

Haben Sie versucht, die Ministerin an das Angebot zu erinnern ?
Meine Anwälte haben der Ministerin einen Brief geschrieben, in dem sie sie bitten, doch ihr Angebot einzulösen. Aber es kam keine Antwort. (Brief liegt der Redaktion vor.).

Die Bawag hat durch den Skandal enorm an Image eingebüßt. Bereuen Sie das?
Es tut mir leid, was die Kunden, meine ehemaligen Kollegen und Mitarbeiter 2006 erleiden mussten. Ich habe selbst 48 Jahre für die Bank gearbeitet und viel Herzblut hineingesteckt.

Haben Sie noch Freunde?
Ich hatte immer einen sehr kleinen Freundeskreis, aber die sind mir alle geblieben. Das sind Martin Schlaff, Ioan Holender, Josef Taus und meine ehemalige Sekretärin, die mit meiner Frau, um meine Freilassung kämpft.

Alle 13 Enthaftungsanträge wurden abgelehnt. Das muss frustrierend sein...
Der Richter muss eine sadistische Veranlagung haben. Bei meiner letzten Enthaftungsverhandlung am 23. Dezember hatte ich 180:100 Blutdruck und Herzrhythmusstörungen. Der Arzt der Justizanstalt hat mir das Erscheinen bei der Verhandlung verboten. Richter Christian Böhm wollte mich trotzdem sehen und kam in meine Zelle. Er fragte mich, ob ich nach Hause wolle. In mir kam Hoffnung auf, ich antworte mit Ja. Und er sagte: Ich verlängere aber die U-Haft. Sie hätten das Glänzen in seinen Augen sehen sollen.

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