Häupl:

ÖSTERREICH-Interview

 

Häupl: "Bin das Gegenteil von Strache"

Noch 28 Tage bis zur Wien-Wahl. Bürgermeister Michael Häupl ist schwer vergrippt, hat – wie sein Gegenüber HC Strache – in dem rabiaten Wahlkampf erst einmal die Stimme verloren, doch auch wenn er nur heiser krächzen kann – so gut gelaunt war der Wiener Bürgermeister noch selten.

Eben hat Häupl die neue Gallup-Umfrage für ÖSTERREICH erhalten: Die sieht die SPÖ schon bei 48 %, nur noch Millimeter unter der absoluten Mehrheit. „Ich spüre den Zuspruch der Leute, so gut war die Stimmung noch bei keiner Wahl. Beim Wahlauftakt hatten wir ohne jedes Showprogramm 7.000 begeisterte Wiener in der Stadthalle. Die Jungen klopfen mir auf die Schulter wegen der Nacht-U-Bahn, die Älteren sind begeistert von den Waste Watchers …“

Im Überschwang der positiven Gefühle lässt sich Häupl im Interview sogar zu einem emotionalen „Wenn die Wiener wollen, bleib ich bis zum 90. Geburtstag“ hinreißen. Fast, so scheint es, ist der brutale Wahlkampf mit HC Strache für Partei-Oldie Häupl ein Lebenselixier. „Hassprediger“ nennt er Strache. Und teilt heftig aus: „Strache bedient sich Methoden und Worten, die schrecklich an die Nazis erinnern.“ Häupl sieht sich als Kontrastprogramm zu Strache – bietet im Wahlkampf, was die Wiener am liebsten hören:

Keine neuen Minarette mehr, „weil wir keine mehr brauchen“ – aber auch kein Minarettverbot. Deutschpflicht für alle Zuwandererkinder – aber keine Anti-Islam-Parolen. Jedes zweite Wort ist: „Friedliches Zusammenleben“ – sofort gefolgt von „Sicherheit“. Wie eine tibetanische Gebetsmühle fordert Häupl 1.000 Polizisten mehr in der Stadt, kündigt flächendeckende Ganztags- und Neue Mittelschulen an, will Wien zur Nummer 1 der Forschung machen. Sein Ziel: „Zum 3. Mal den Weltmeistertitel in der Lebensqualität holen – das sollen mir unsere ­Kicker mal nachmachen!“

 

 

ÖSTERREICH: Man hat den Eindruck, der Wahlkampf in Wien wird zu einer verbalen Schlägerei auf tiefem ­Niveau.

MICHAEL HÄUPL: Es ist so gekommen, wie ich es seit Monaten vorausgesagt habe. Von einem Politiker, der davon lebt, Angst zu schüren, Leute aufeinanderzuhetzen, Hass zu säen, war nichts anderes zu erwarten. Ich bemühe mich, über Inhalte zu diskutieren, ein halbwegs intellektuelles Niveau zu halten – aber das ist mit einem Gegner wie Strache nahezu unmöglich.

ÖSTERREICH: Provoziert Sie HC Strache zur Wahlkampf-Catcherei im Freistil?

HÄUPL: Er unterbietet meine Erwartungen sogar noch deutlich. Die Wortwahl, in der er Islam-Hetze betreibt , erinnert an Nazi-Diktion. Ich unterstelle der FPÖ nicht, dass sie eine Nazi-Partei ist. Aber sie bedienen sich mancher Methoden und Worte, die schrecklich an die Nazis erinnern.

ÖSTERREICH: Haben Sie Angst, dass der Wahlkampf komplett vom Ausländerthema überlagert wird?

HÄUPL: Überhaupt nicht – selbstverständlich soll man über das Zusammenleben in der Stadt diskutieren. Aber ich will den Menschen die Angst nehmen, sie zusammenbringen – und das ist das genaue Gegenteil von dem, was Strache will. Der hetzt sie gegeneinander auf.

ÖSTERREICH: Aber die Angst vor dem Islam ist da.

HÄUPL: Ich kann keine verstärkte Zuwanderung aus dem Islam erkennen. Im Gegenteil: Die Zuwanderung geht stark zurück, und die größte Zuwanderergruppe in Wien sind Deutsche und Polen, also christliche Menschen. Aber für mich ist die Frage des Zusammenlebens auch die wichtigste in diesem Wahlkampf – nur will ich nicht hetzen, sondern die Probleme lösen!

ÖSTERREICH: Und zwar wie?

HÄUPL: Das Schlüsselwort heißt Bildung: Wir haben verpflichtende Deutschkurse vor der Volksschule eingeführt – das war die wichtigste Maßnahme seit Jahren. Wer Deutsch kann, der erhält bei uns automatisch Bildung – und damit dreht sich die Bildungs­spirale nach oben. Von 500.000 Menschen mit Migrationshintergrund fallen 480.000 in dieser Stadt niemandem auf, weil sie brav ihre Arbeit machen, ihr Geschäft betreiben, Erfolg haben. Denen muss ja schlecht werden, wenn sie die Strache-Plakate lesen. Die sollen ordentlich behandelt werden – die anderen, die sich nicht integrieren und straffällig werden, die sollen ausgewiesen werden, wenn sie verurteilt sind.

ÖSTERREICH: Hat Wien ein Sicherheitsproblem?

HÄUPL: Ich sehe ein subjektives Sicherheitsproblem in dieser Stadt. Objektiv sind wir die sicherste Stadt in Europa – aber das zählt emotionell nicht. Deshalb will ich auch dringend von der Innenministerin jene 1.000 Polizisten, die Wien seit dem Jahr 2000 weggenommen wurden, zurück. Und ich will, dass jene 200 Polizisten, die vor Botschaften stehen, ersetzt werden – und dass diese 200 Polizisten mehr für die Sicherheit eingesetzt werden.

ÖSTERREICH: Von einer Stadtwache halten Sie …

HÄUPL: … überhaupt nix. In Linz sind das sechs Leute, die nicht strafen dürfen, sinnlos. Kriminalitätsbekämpfung ist Sache des Bundes und der Polizei – und deshalb will ich 1.000 Polizisten mehr in der Stadt.

ÖSTERREICH: Sind Sie für ein Verbot des Baus von Minaretten?

HÄUPL: Das halte ich – mit Verlaub – für eine Idioten-Diskussion. Wir haben 64 Moscheen in der Stadt – in völligem Frieden und Eintracht mit den Nachbarn. Wir haben seit 28 Jahren ein Minarett, erbaut vom berühmten Herrn Lugner, das offenbar noch kaum jemandem aufgefallen ist. Die Islamische Glaubensgemeinschaft wünscht keine einzige Moschee und kein einziges Minarett mehr in Wien.

ÖSTERREICH: Trotzdem könnte man ja Minarette in der Bauordnung verbieten, wie das die FPÖ will.

HÄUPL: Dann muss ich als Nächstes auch Kirchtürme in der Bauordnung verbieten oder Hochhäuser. Ich brauche keine zusätzlichen Kirchen, keine Tempel und keine Moscheen in der Stadt und natürlich auch keine neuen Minarette – es ist genug da. Es gibt auch keinen Wunsch danach. Das ist eine künstliche Erregung des Herrn Strache.

ÖSTERREICH: Glauben Sie, schaffen Sie im Oktober wieder die Absolute?

HÄUPL: Ja. Absolut.

ÖSTERREICH: Und warum?

HÄUPL: Weil die Alternative noch nie so deutlich war. Auf der einen Seite Wahlkampf voll Hass von der FPÖ, auf der anderen Seite mein Bemühen um friedliches Zusammenleben. Ich habe diese Stadt jetzt zweimal hintereinander zum Weltmeistertitel in der Lebensqualität geführt – da werden die Wiener ja nicht den wählen, der das ändern will.

ÖSTERREICH: Strache sagt, das gilt nur für Reiche.

HÄUPL: So ein Unsinn, wir sind in dem Ranking Nummer 1 in Bildung, Sicherheit, Umwelt, Sozialem. Das ist ein Weltmeistertitel für alle Wiener.

ÖSTERREICH: Wie sehen Sie im Wahlkampf die Grünen?

HÄUPL: Die sind in hohem Ausmaß mit sich selbst beschäftigt. Da kriegt man fast Mitleid – und da will ich mich nicht einmischen.

ÖSTERREICH: Und wie gefällt Ihnen Ihre neue Gegnerin Christine Marek (ÖVP)?

HÄUPL: Gut, weil sie mich so nett plakatiert. Ich finde ihre Plakate ausgezeichnet.

ÖSTERREICH: Neue Liebe?

HÄUPL: Sagen wir Dankbarkeit. Mit der Liebe wollen wir’s nicht übertreiben.

ÖSTERREICH: Wenn Sie die Wahl gewinnen, bleiben Sie bis 2015 Bürgermeister?

HÄUPL: Meine Stimmungslage ist super – wenn mich die Wiener wollen, bleibe ich auch bis zu meinem 90. Geburtstag.

ÖSTERREICH: Was sind die großen Projekte für diese Zukunft mit Michi Häupl?

HÄUPL: Mein wichtigstes Projekt, das man im Wahlkampf schwer diskutieren kann, weil es nicht emotional, aber enorm wichtig ist: Ich will Wien zur führenden Stadt der Forschung, Wissenschaft und Bildung machen. Das ist unsere Zukunft. Mehr Geld für Unis, viel mehr Geld für Forschung, Ganztagsschulen flächendeckend, eine Neue Mittelschule für alle 10- bis 14-Jährigen. Der zweite Punkt ist: mehr Sicherheit: Im Kleinen haben wir das mit Waste Watchers, in Zukunft bekommt jede Hausgemeinschaft, die das will, einen Hausbesorger, und es muss 1.000 Polizisten mehr geben. Und dann will ich mehr Lebensqua­lität durch ein friedliches Zusammenleben. Und am 10. Oktober werden die Wiener darüber abstimmen, ob sie dieses fried­liche Miteinander wollen – oder einen Rabauken, der alle aufhetzt und Hass sät.

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