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"Ich flog mit Arigona in den Kosovo"

Ab in den Kosovo. Das war’s also. Es ist kurz nach 22 Uhr, unter uns tauchen Lichter auf. Anflug auf Priština, Hauptstadt des Kosovos. Ziel unserer Reise. Ich sitze auf Platz 1d. Arigona Zogaj (18) zwei Reihen hinter mir, 3b. Daneben, am Gangplatz, ihr Volkshilfe-Betreuer Osman Gashi, ein gebürtiger Kosovare. Die Sitze 3d, 3e und 3f haben Mutter Nurie Zogaj und die Kleinen belegt: Albin (11) Albona (10).

Arigona zieht ihren Sicherheitsgurt fest. In der Kabine wird’s dunkel. Die Lichter kommen näher, Arigona starrt aus dem Fenster. Keine Tränen. Sie wirkt schüchtern, zerbrechlich. Vielleicht versteckt sie ihre Gefühle. Arigona, das Mädchen, das Österreich bewegt hat. Sie will jetzt nicht reden, sagt sie. Bloß ausschlafen.

Business-Class
Es war ein mächtig langer Tag. Für alle. Nur Albin, der Elfjährige, ist quicklebendig: „Ein toller Flug“, juchzt er, „auch das Essen war super.“ Mutter Nurie zieht ihn an sich. Drückt auch Albona. Die Familie bleibt auf den Business-Class-Plätzen (619 Euro für die Erwachsenen, 409 für die Kinder) sitzen. Die anderen Passagieren drängen aus dem Flieger. Niemand nimmt von den Zogajs Notiz.

Als Erste steigt Arigona aus. Die vier werden am Ende der Treppe bereits erwartet. Kosovarische Flughafenpolizei. Sie schirmen die Ankömmlinge ab.

Abgeschirmt
Während alle anderen Passagiere zur Passkontrolle gehen, werden die Zogajs in einen Nebenraum gebracht. Formalitäten. „Protokolle“, sagen die Beamten. Etwa eine Stunde dauert das Prozedere. Dann wird die Familie zu einem Kleinbus geführt, in dem bereits zwei Verwandte warten.

Der Bus rast in die stockdunkle Nacht, in eine kleine Wohnung etwas außerhalb von Priština. Sie dient in den nächsten Wochen als Stützpunkt. Bis alle Formalitäten erledigt sind, die für eine mögliche Wiedereinreise nach Österreich nötig sind: Meldezettel, Geburtsurkunde, Staatsbürgerschaftsnachweis, Reisepass. Erst dann kann ein Antrag auf ein Schülervisum gestellt werden.

Öffentlichkeit wollen die Zogajs dabei keine. Für die wartenden Journalisten vor dem Airport gibt es kein Statement. Nichts. Das Versteckspiel geht im Kosovo weiter, so, wie die Abreise in Österreich begonnen hat.

Abschied
Donnerstag, kurz vor 17 Uhr. Flughafen Salzburg. Auf dem Deck des Airports Fotografen, Kameraleute. Dann fährt ein silber-metallic-farbener Kleinbus vor. Am Steuer Christian Schörkhuber, Arigonas Volkshilfe-Betreuer. Vor dem Bus ein Polizeiwagen. Dahinter ein BMW. Abgeschirmt huscht die Familie in einen Sondergastraum. Dann, kurz nach 18 Uhr, bringt sie der Bus zur AUA-Maschine. Vor dem Flieger eine rührende Abschiedsszene. Plötzlich steht Philipp B. da, Arigonas 17-jähriger Freund aus Traun. Ein Kuss, eine Umarmung, Tränen.

Polizeieskorte
Als Erster springt Albin, 11, in die kleine Maschine. Dann Albona, Arigona und Mutter Nurie. Albin sitzt 4a. Alleine. Er hat eine dunkle Brille, grünes T-Shirt, dunkelgrüne Shorts. Kaugummi. Der Rest der Familie sitzt in Reihe fünf. Arigona trägt schwarze Leggings, ein schwarzes T-Shirt. Ihre verweinten Augen sind hinter einer dunklen Brille versteckt. Wir starten. Die Kinder starren auf Österreich. Das Land, das sie nicht will.

Kurz vor der Landung in Wien gibt’s Turbulenzen. Albin klammert sich an seine Sitzlehne. Nurie ebenso. Niemand spricht. Nur die Stewardess beruhigt. Schnell ist alles vorbei. Ruhige Landung in Wien. Wieder wird die Familie von einem Bus direkt vom Flugzeug angeholt. Zwei Kriminalbeamte in zivil. Der Bus rast zum Airbus nach Priština. Die Zogajs werden in den Jet gesetzt. Die Rückkehr (?), Heimkehr (?) beginnt.

Doch wo ist für Arigona zu Hause? "In 90 Minuten werden sie sich auf dem Flughafen von Priština wiederfinden“, denke ich. Zurück in einer Gesellschaft, die sie nicht kennen. Was dann? Hoffentlich wird nichts danach geschehen. Nach einiger Zeit werden sie zurückkehren. Regulär und legal. Eigentlich absurd das Ganze.

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