Jetzt spricht Buwog-Zeugin

ÖSTERREICH-Interview

Jetzt spricht Buwog-Zeugin

Kurz vor Beginn des Mega-Prozesses um Buwog-Affäre und KHG meldet sich neue Zeugin.

Brisant. Im Frühjahr muss das Oberlandesgericht Wien endlich entscheiden, ob die Staatsanwaltschaft in der Causa Buwog – 60.000 Bundeswohnungen, die 2004 privatisiert wurden – gegen Ex-Finanzminister Karl-Heinz Grasser rechtskräftig Anklage erheben kann. Er und 15 weitere Personen sind betroffen. Es gilt für alle die Unschuldsvermutung.

Nun meldet sich eine neue Top-Zeugin: Die ehemalige stellvertretende Sektionsleiterin der Präsidialsektion im Finanzministerium, Claudia Sterrer-Pichler, hat der Korruptionsstaatsanwaltschaft eine Elf-Seiten-Darstellung zur „Akte KHG“ geschickt.

Im exklusiven Interview mit ÖSTERREICH erklärt die Zeugin, weshalb sie sich nach all den Jahren der intensiven Ermittlungen erst jetzt meldet. Sie wolle „der Justiz mit meiner Innenansicht helfen“.

"Hatte Befürchtung, dass mich ein Beschuldigter angreift"

ÖSTERREICH: Sie haben der Staatsanwaltschaft eine Stellungnahme zur „Akte KHG“ geschickt. Wieso?

Claudia Sterrer-Pichler: Weil ich als ehemalige stellvertretende Sektionsleiterin im Finanzministerium sehr nah dran war. Es geht mir darum dabei zu helfen einen Gesamtzusammenhang zu erstellen.

ÖSTERREICH: Werden Sie vor der Staatsanwaltschaft über Ihre Wahrnehmungen in Ihrer Zeit im Finanzministerium aussagen?

Claudia Sterrer-Pichler: Ich stehe dem Staatsanwalt für sämtliche Detailfragen zur Verfügung. Ich bin keine Juristin, aber ich möchte der Justiz mit meiner Innenansicht helfen. Nicht als Anklägerin, nicht als Verteidigerin. Es geht um die Zusammenhänge.

ÖSTERREICH: Aber weshalb melden Sie sich erst jetzt? Immerhin wurde seit sehr vielen Jahren in dieser Causa ermittelt.

Sterrer-Pichler: Weil ich seit über zehn Jahren aus Österreich weg bin und mein Fokus auf meiner eigenen Laufbahn und meinem neuen Leben lag. Ich habe die Medien verfolgt, zumal mich diese ganze Causa schon sehr bewegt. Ich habe als parteifreie Mitarbeiterin drei Jahre meines Lebens in ein Projekt im Finanzministerium investiert, weil ich an den wirtschaftsliberalen Kurs geglaubt habe. Und ich glaube immer noch daran. Ich hatte damals fast etwas missionarisches und vielleicht geht es jetzt auch darum. Es tut mir weh zu sehen, was von der Zeit übrig bleibt – denn wir hatten schon sehr viel weitergebracht

ÖSTERREICH: Trotzdem: Warum erst jetzt?

Sterrer-Pichler: Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich mich dazu äußere, weil ich wegen meiner Nähe zum Geschehen befürchten musste, von einem der Beschuldigten angegriffen zu werden oder als Kronzeugin gegen ehemalige Vorgesetzte zu agieren. Erst nach rechtlicher Beratung, die mich erkennen ließ, dass ich mit einer reinen Sachverhaltsdarstellung ohne jegliche Bewertung helfe, das Bild zu vervollständigen, habe ich mich zu diesem Schritt entschlossen. Wenn ich etwas zur Aufklärung beitragen kann, dann möchte ich das jetzt auch tun. Noch ist das Bild nicht komplett.

ÖSTERREICH: Es geht Ihnen auch um konkrete Personen, oder? In Ihrer Stellungnahme – die uns vorliegt -, schreiben Sie, dass „der Mastermind“ bei Karl-Heinz Grasser angeblich sein Ex-Kabinettschef Matthias Winkler gewesen sei. Er sollte Ihrer Meinung nach auch von der Justiz befragt werden, oder?

Sterrer-Pichler: Es ist so wie ich es in meiner Stellungnahme an die Staatsanwaltschaft beschrieben habe: Matthias Winkler war ein sehr starker Kabinettschef, der sehr zentralistisch agiert hat. Und in den BUWOG-Ermittlungen hat Winkler – so entnehme ich es Medienberichten – ein Schattendasein geführt, obwohl er im Kabinett Grasser ein Schlüsselspieler war. Ich weiß nicht, was an den Vorwürfen rund um die Buwog dran ist oder nicht, aber Winkler könnte sicher zur Aufklärung beitragen.

ÖSTERREICH: Aber hätte er auch die Abwicklungen rund um die Buwog mitbekommen müssen? Er wurde ja befragt und die Befragung hat offenbar nichts ergeben ...

Sterrer-Pichler: Es war keiner näher dran an Grasser als Matthias Winkler. Er war sein anderes Ich und hatte das Ziel Karl-Heinz Grasser zum CEO – also zum Kanzler – der Republik zu machen. Ich kann mir, aus meiner persönlichen Wahrnehmung heraus, nicht vorstellen, dass wesentliche Dinge an ihm vorüber gegangen sind.

ÖSTERREICH: Wie haben Sie denn Karl-Heinz Grasser damals im Finanzministerium wahrgenommen?

Sterrer-Pichler: Ganz anders als heute. Er war damals offenbar ein anderer Mann. Er war charismatisch und blitzgescheit. Ich hatte ihn als sehr authentisch erlebt. Der heutige Grasser, den ich in den Medien sehen kann, wirkt anders als ich ihn damals persönlich kennengelernt habe.

ÖSTERREICH: Sie beschreiben auch, wie die Herren Meischberger, Plech und Hochegger im Finanzministerium ein und aus gegangen seien. Dass Plech ein „väterlicher Freund“ Grassers gewesen sein soll. Was hatten Sie denn für ein Bild von dieser Partie, als Sie noch im Finanzministerium gearbeitet hatten?

Claudia Sterrer-Pichler: Da hat sich meine Wahrnehmung von damals nicht verändert. Die erschienen damals so wie heute beschrieben. Nur beim Minister passt das Bild nicht zusammen.

ÖSTERREICH: Und wie hatten Sie Matthias Winkler wahrgenommen?

Sterrer-Pichler: Er war sehr privatwirtschaftlich orientiert. Sehr professionell und dominant. Ich bin mir sicher, dass er die Zügel fest in der Hand hatte. Deswegen frage ich mich schon die ganze Zeit: Wann äußert sich der Mastermind endlich? Grasser und Winkler waren eine Einheit. Als Kabinettchef war er der unangefochtene Chef des Ministerbüros, an den die Mitglieder des Ministerstabes berichteten, die ihrerseits jeweils Themenfelder bearbeiteten. Ohne Winkler wird man nie ein ganzes Bild der Geschehnisse erhalten.

ÖSTERREICH: Aber warum haben Sie so ein offensichtliches Interesse daran, dass Winkler erneut befragt wird?

Sterrer-Pichler: Ohne Matthias Winkler wird man nie ein ganzes Bild der Geschehnisse erhalten.

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