Hahn hat Doktortitel ertrickst

Rücktritt gefordert

Hahn hat Doktortitel ertrickst

Jetzt liegt das Gutachten zur Doktorarbeit von EU-Kommissar Johannes Hahn vor.

"Titel erschlichen", urteilt Peter Pilz. Die ÖVP macht ihrem Ex-Minister noch die Mauer.
Wien. „Wo war seine Leistung?“ – diese Frage ließ Plagiatsjäger Stefan Weber seit 2007 in Bezug auf die Doktorarbeit von EU-Kommissar Johannes Hahn keine Ruhe.

Im Auftrag des Grünen Peter Pilz prüfte Weber von der ersten bis zur letzten Seite. Befund: 46,3 Prozent sind abgeschrieben, also Zitate (richtig zitiert oder ohne Quellenangabe).

ÖVP-Chef Michael ­Spindelegger hält (noch?) zu seinem Parteifreund, sagte gestern, er "möchte das nicht bewerten". Erst Strasser, jetzt Hahn: "Die ÖVP macht Europa zum Abstellgleis für Problemfälle", wettert Pilz.

Das Gutachten hat es jedenfalls in sich: Von insgesamt 6.700 Zeilen seien "rund 1.950 in Anführungszeichen zitiert und zumindest 1.153 Zeilen plagiiert". Heißt: 1.153 Zeilen oder 17,3 Prozent sind "schlicht geklaut", so Pilz. Dazu kommen 1.950 Zeilen Zitate – insgesamt stammen also ganze 46,3 Prozent des Textes nicht von Hahn.

Zitate sind zwar notwendig in einer wissenschaftlichen Arbeit, aber in Hahns Fall seien sie unüblich lang, so Weber im ÖSTERREICH-Interview: "Eines geht über vier Seiten. Das gibt es sonst nicht in der Wissenschaft."

EU-Kommission: "Hahn hat alles offen gelegt"
Pilz, dessen grüner Parlamentsklub für das Gutachten 5.000 Euro bezahlte, fordert Hahn jetzt zum Rücktritt auf: "Er hat sich den Titel erschlichen und sollte, so wie der deutsche Ex-Minister Theodor zu Guttenberg nach dessen Plagiatsaffäre, von selbst zurücktreten."

Hahn denkt nicht daran: Das Gutachten sei "politisch motiviert und nicht maßgeblich". Abberufen kann ihn Österreichs Regierung nicht. Das EU-Parlament kann nur einen Misstrauensantrag gegen die gesamte Kommission stellen.

Bleibt die Kommission selbst: "Kommissar Hahn hat alles offen gelegt. Die Uni prüft nochmals. Mehr ist nicht zu tun", so eine Sprecherin zu ÖSTERREICH. Im Herbst soll das Gutachten der Universität Wien vorliegen.
 

"Er dachte nur 100 Seiten lang selbst"
ÖSTERREICH: In Ihrem Gutachten heißt es, Hahn hätte Allgemeinplätze und Prosa plagiiert. Hat er zumindest eine eigene Kernthese?
Stefan Weber: Nein. Er hat auf den ersten 100 Seiten noch versucht, selbst zu denken. Aber das ist nur die Einführung. In Kapitel zwei, einem geschichtlichen Abriss über die Entstehung der Stadt, hat er Seite 109 bis 125 fast wörtlich von Mumford abgeschrieben. Im zentralen Kapitel drei ab Seite 143 häufen sich die Plagiate weit über den Durchschnitt von 17,3 %.

ÖSTERREICH: Inklusive Zitate stammen 46,3 Prozent laut ­Ihrem Gutachten nicht von Hahn. Selbst wenn alles richtig zitiert wäre – rechtfertigt das einen Doktortitel?
Weber: Die Arbeit ist mit 285 Seiten insgesamt sehr kurz. Es gibt zwar keine Regel, die den Umfang der Zitate beschränkt, aber 150 Seiten ­Eigentextleistung ist nicht hoch. Ein Zitat geht z. B. über ganze vier Seiten. Das gibt es sonst nicht in der Wissenschaft! Meiner Meinung nach hat dieses Werk keine wissenschaftliche These.

Autor: K. Nagele
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