21. April 2010 10:53
Die Parlamentsfraktionen sind sich nicht einig, wie man am besten mit
sexuellem Missbrauch, vor allem in Bezug auf die katholische Kirche, umgehen
soll. Der Grüne Justizsprecher Albert Steinhauser verlangte in der
"Aktuellen Stunde" am Mittwoch im Nationalrat mehr Engagement des Staates
und warf der Regierung Untätigkeit vor. Justizministerin Claudia
Bandion-Ortner (V) wies die Vorwürfe zurück, "der Staat tut sehr viel für
alle Opfer".
Mit Betroffenen reden
Erstredner Steinhauser forderte
Bandion-Ortner auf, "endlich" mit den Betroffenen zu reden. Weiters müsse
die Regierung mit der Kirche über einen Opferfonds aus Geldern der Kirche
verhandeln und eine unabhängige Opferhotline einrichten. Notwendig sei auch
eine staatliche Untersuchungskommission, denn gegenüber der Kommission der
Kirche unter der Leitung der ehemaligen steirischen Landeshauptfrau Waltraud
Klasnic seien viele Opfer "misstrauisch", außerdem sei diese kein
Ansprechpartner für Opfer aus staatlichen Heimen.
"Kindesmissbrauch ist ein Dolchstoß in verletzliche Kinderseelen", so
Bandion-Ortner. Sowohl der Staat als auch die Zivilgesellschaft seien
gefordert. Dabei gehe es aber nicht nur um Missbrauch in kirchlichen
Organisationen, denn sexueller Missbrauch sei ein "gesamtgesellschaftliches
Problem", betonte die Ministerin. Der Runde Tisch vergangene Woche habe
"handfeste Ergebnisse" gebracht. In Österreich habe man außerdem
"hervorragende Instrumente" im Kampf gegen Missbrauch, Geld allein könne
aber "die seelischen Wunden nicht heilen". Der Klasnic-Kommission müsse man
im Übrigen eine Chance geben.
Unabhängige Kommission
SPÖ-Justizsprecher Hannes Jarolim
sprach sich hingegen für eine unabhängige Kommission oder einen Opferanwalt
aus, Erfahrungen würden auch zeigen, dass Entschädigungsfonds rasche Hilfe
bieten könnten. Man solle gespannt sein, welche Experten Klasnic nächste
Woche als Mitglieder der Kommission präsentieren werde, meinte
Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek (S), weiters könne man durchaus
eine Debatte über die Verschärfung der Gesetze führen.
Für Wirbel in den Reihen der Grünen sorgte FPÖ-Justizsprecher Peter
Fichtenbauer: 1985 hätten die Grünen im Deutschen Bundestag die Strafbarkeit
des sexuellen Umgangs mit Kindern abschaffen wollen, "Sie sollten sich
schämen". Auf die "unhaltbaren Aussagen" wolle sie nicht eingehen, so die
Grüne Familiensprecherin Daniela Musiol, es handle sich um Verhetzung. Der
FPÖ-Abgeordnete Johannes Hübner zitierte weiters aus einem Bericht des
nunmehrigen Fraktionschefs der Grünen im EU-Parlament, Daniel Cohn-Bendit,
zu dessen sexuellen Erlebnissen mit Kindern. Die Grünen verwehrten sich
daraufhin gegen "Parteipolitik" beim Thema Missbrauch. "Nur Ihre Partei hat
das Thema parteipolitisch ausgenutzt", konterte der BZÖ-Abgeordnete Ewald
Stadler. Dessen Parteichef Josef Bucher hatte zuvor abermals schärfere
Gesetze und die Abschaffung der Verjährungsfristen bei sexuellem Missbrauch
gefordert.