Türkischer Botschafter bereut Eklat

Nach Interview

© TZ Österreich/Singer, APA/Robert Jäger

Türkischer Botschafter bereut Eklat

Österreich schäumt, die Türkei (72 Millionen Einwohner) jubelt nach den Aussagen des türkischen Botschafters in Wien. Zahlreiche Zeitungen druckten die Austro-Proteste gegen das Presse-Interview von ­Kadri Ecvet Tezcan (61) auf der Titelseite. Der Botschafter habe „Wien aufgemischt“ jubelte die Zeitung Bugün, andere lobten das „tapfere Herz“ des Diplomaten. Die größte Zeitung des Landes, Hürriyet, amüsierte sich über „Tezcans Äußerung zum Kopftuch: „Wenn es hier die Freiheit gibt, nackt zu baden, sollte es auch die Freiheit geben, Kopftücher zu tragen.“

Lob auch bei Feiern in der türkischen Botschaft
Auch im historischen Ballsaal der türkischen Botschaft in der Prinz-Eugen-Straße in Wien gab es am Donnerstagabend beim Empfang österreichisch-türkischer Unternehmer „begeisterte Ovationen“ für den Botschafter. Tezcan wiederum lobte die „wunderbaren bilateralen Beziehungen zwischen Wien und Ankara“. So, als wäre nichts geschehen.

Während er Innenministerin Maria Fekter frontal angegriffen hatte, streute er der ÖVP-Politikerin und Wiener Wirtschaftskammer-Präsidentin Brigitte Jank Rosen: „Sie ist eine der am besten angezogenen Frauen Wiens.“

Schon am Mittwochabend war der angriffige Botschafter erstaunlich schaumgebremst. Da hatte er zur Feier zum 72. Todestag des Republikgründers Kemal Atatürk geladen.

„Er hat uns Türken aus dem Herzen gesprochen“
Abordnungen sämtlicher türkischer Vereine in Wien und wichtige türkische Geschäftsleute in Österreich kamen. Fast alle lobten „ihren mutigen“ Botschafter: „Es war gut, was er gesagt hat. Er sprach uns aus dem Herzen“, meinten sie: „Er ist nicht übers Ziel hinausgeschossen.“

Erstmals erklärte er bei dem Empfang auch seine Motivation für das Eklat-Interview: „Ich wollte kein Land und auch keine Einzelpersonen beleidigen oder kränken, sondern bloß auf sehr ernste Probleme aufmerksam machen und eine Diskussion anstoßen“, meinte er: „Ziel des Interviews ist es gewesen, die Integrationsdebatte, die in Österreich seit Langem geführt wird, auf ein offeneres, direkteres, ehrlicheres Niveau zu heben.“

„Ich hoffe auf positive Folgen meines Interviews“
„Keinesfalls wollte ich bestimmte Personen (Innenministerin Maria Fekter, Anm. d. Red.) oder ganze Gruppen beleidigen“, sagte er: „Das Interview hat das von mir erwünschte Ziel erreicht. Nachdem sich die ersten, hauptsächlich emotionalen Reaktionen gelegt 
haben und wieder gesunder Menschenverstand herrscht, hoffe ich auf positive Folgen“, ergänzte er: „Ich werde auch in Zukunft meine Meinungsvorschläge zu diesem Thema äußern. Vielleicht haben meine integrationspolitischen Äußerungen letztlich positive Folgen für Österreicher und Türken gleichermaßen.“ Er wollte lediglich eine Diskussion anstoßen: „Mein Ziel ist eine Integration im wirklichen Sinne. Davon profitiert Österreich ebenso wie die hier lebenden Ausländer.“

Journalist Ali H. Yurtsever: "Botschafter bleibt in Wien"
Türkischer Journalist Ali Haydar Yurtsever
(c) TZ Österreich/Bruna

Der Journalist Ali Haydar Yurtsever lebt seit 38 Jahren in Wien, ist Korrespondent der türkischen Nachrichtenagentur und intimer Kenner des Botschafters.

ÖSTERREICH: Wie bewerten türkische Medien und Politiker den Eklat?
Ali H. Yurtsever: Emotions- und kommentarlos. In den Zeitungen wurden bloß die Sachverhalte dargestellt, nicht mehr. Lediglich in den Internet­foren wurde heftig diskutiert. Beinahe 100 Prozent stimmen dem Botschafter zu – „endlich hat einer Klartext gesprochen“, ist der Tenor.

ÖSTERREICH: Sie kennen Botschafter Kadri Ecvet Tezcan – warum wählte er so drastische Worte?
Yurtsever: Die Hintergründe liegen wohl länger zurück. Zu Beginn seiner Amtszeit war er bei Ministerin Claudia Schmied, bei Maria Fekter, bei Bürgermeister Michel Häupl, aber auch bei HC Strache. Stets ging es um Integration und Bildung. Herausgekommen ist bei diesen Gesprächen wenig bis gar nichts. Jetzt wählte er eine andere Sprache, und plötzlich wird er gehört.

ÖSTERREICH: Wird der Botschafter nun nach Ankara zurückgerufen?
Yurtsever: Ich denke nicht. Meine Recherchen in Wien, aber auch in Ankara, haben ergeben, dass das türkische Außenministerium nicht an eine Ablöse des Botschafters denkt. Möglich ist lediglich, dass Tezcan für einige Tage zur Berichterstattung nach Ankara muss.

Autor: Karl Wendl
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