28. Dezember 2008 10:05
"Der Worte sind genug gewechselt, lasst mich endlich Taten sehen", sagt der
Präsident des Verfassungsgerichtshofes (VfGH) in Anlehnung an ein
Goethe-Zitat. Der Politik empfiehlt Holzinger eine Neuausrichtung der immer
noch unter dem Titel "innere Sicherheit" abgehandelten Ausländerpolitik. Die
Migration betreffe mittlerweile verschiedenste gesellschaftliche Bereiche,
daher wäre es überlegenswert, das Thema woanders anzusiedeln. "Ein
Sicherheitsthema ist das nur am Rande."
"Schlicht und einfach machen"
Zur Umsetzung der
Verwaltungsreform hat die Koalition eine neue Arbeitsgruppe angekündigt.
Holzinger geht jedoch davon aus, dass sich erste große Projekte auch ohne
neue Expertengruppe umsetzen lassen. Konkret nennt er die Reform der
Verwaltungsverfahren und der Schulverwaltung. Hier habe es im
Österreich-Konvent und unter der vorigen Regierung intensive Vorarbeiten
gegeben, so Holzinger: "Da fehlt es nicht an Expertise, da braucht man
meines Erachtens keine Arbeitsgruppe dazu, sondern das muss man schlicht und
einfach machen."
Stichwort Schulverwaltung
Bei der Schulverwaltung könnte das
komplizierte Nebeneinander von Bundes- und Landesbehörden entflochten und
durch "Bildungsdirektionen" in den Ländern ersetzt werden. Die neuen
Verwaltungsgerichte sollen die Qualität der Verwaltungsverfahren steigern.
"Aus rechtsstaatlicher Sicht ist das längst überfällig", betont Holzinger
und verweist auf eine seit Jahrzehnten laufende Debatte über die
Verwaltungsgerichtsbarkeit. Da Thema sei jedenfalls gut vorbereitet. "Das
ist im Fußballjargon ein aufgelegter Elfmeter, das kann man sofort
realisieren", betont Holzinger. "Das einzige, was noch nicht da ist, ist der
Mut zur verfassungspolitischen Tat."
Die fehlende Verfassungsmehrheit im Nationalrat sieht Holzinger nicht als
Hindernis. "Das ist eine Frage des politischen Prozederes: Wenn man keine
Verfassungsmehrheit hat, dann sucht man sich eine", verweist er auf
Verhandlungsmöglichkeiten mit gleich mehreren Oppositionsfraktionen im
Parlament. Wenig Zuversicht hat der oberste Verfassungsrichter aber, was
eine große Reform der Aufgabenverteilung von Bund, Ländern und Gemeinden
angeht. Zwar sei der Abbau von Doppelgleisigkeiten in Teilbereichen (etwa
der Schulreform) rasch möglich, aber: "Auf dem Gebiet der Reform der
Kompetenzverteilung erwarte ich mir nicht, dass man zu einer großflächigen
Reform kommt."
Skeptisch bei Grundrechtskatalog
Skeptisch ist Holzinger auch,
was den im Regierungsprogramm angekündigten "übersichtlichen
Grundrechtskatalog" angeht. Er meint zwar, dass ein einheitlicher
Grundrechtskatalog "aus Gründen der Verfassungsästhetik" besser wäre, warnt
aber vor unerwünschten Nebenwirkungen beim Zusammenfassen der derzeit
zersplitterten Gesetzestexte (u.a. Menschenrechtskonvention,
Staatsgrundgesetz von 1867). Im Bereich der Grundrechte könne nämlich jede
noch so kleine Änderung des Textes schon eine inhaltliche Änderung bedeuten,
so der VfGH-Präsident.
"Das Ganze schaut zwar nicht sehr schön aus, weil es Flickwerk und Stückwerk
ist, aber in Summe ist die Grundrechtssituation in Österreich natürlich eine
sehr gute", betont der VfGH-Präsident. Daher sollte man sich die Erstellung
eines einheitlichen Grundrechtskatalogs "ersparen" und nur die derzeit
fehlenden sozialen Grundrechte in die Verfassung aufnehmen. Er sei dagegen,
"neue Großprojekte zu installieren, die im Grunde genommen nichts anderes
bedeuten, als dass man Dinge, die es eh schon gibt, abschreibt."
Außerdem drängt Holzinger darauf, den Zugang einfacher Bürger zum
Verfassungsgerichtshof zu erleichtern: Wer von einem Gericht aufgrund eines
mutmaßlich verfassungswidrigen Gesetzes verurteilt wird, kann gegen dieses
Gesetz keine Beschwerde beim Verfassungsgerichtshof einlegen, sondern ist
auf eine entsprechende Initiative des Gerichtes angewiesen. Für Holzinger
ist diese Situation "nicht befriedigend". Er will, dass sich künftig auch
die Verfahrensparteien in Zivil- und Strafprozessen mit einer
"Gesetzesbeschwerde" an den VfGH wenden können.