Zeuge:

Israilov-Prozess

Zeuge: "Glaubte, da wird ein Film gedreht"

Am dritten Verhandlungstag im Prozess um den am 13. Jänner 2009 in Wien-Floridsdorf erschossenen tschetschenischen Flüchtling Umar Israilov ist am Donnerstag der Drittangeklagte Turpal-Ali Y. vernommen worden. Seine Befragung wurde dann allerdings unterbrochen, um Zeugen der Bluttat zu ihren Wahrnehmungen zu hören. Dieser Verhandlungsablauf löste bei den Verteidigern und dem Staatsanwalt sichtlich Verwunderung aus - während Turpal-Ali Y. und der Hauptangeklagte Otto K. zwar noch nicht abschließend, aber doch bereits stundenlang befragt wurden, kam der Zweitangeklagte Suleyman D. - abgesehen von einem kurzen Eingangstatement - bisher kaum zu Wort.

Turpal-Ali Y. präsentierte sich den Geschworenen als "Unschuldslamm". Er sei nur deshalb zu Israilovs Adresse gefahren, weil ihn Suleyman D. darum gebeten habe: "Die Tschetschenen sind ein kleines Volk, da hilft man sich gegenseitig." Er wäre, hätte man ihn darum ersucht, "auch zu seiner Hochzeit gefahren", sagte der 31-Jährige.

"Ich wollte nur helfen"
Am Ziel angelangt, habe er im Auto abgewartet: "Man hat mir gesagt, ein Mann wird kommen." Er habe keine Ahnung gehabt, wo er sich befand und was geplant war. Letscha B. - für die Anklage gilt er als der Todesschütze, dem nach dem Geschehen die Flucht nach Tschetschenien gelungen war - und Otto K. wären ihm bis dahin völlig unbekannt gewesen: "Ich wollte mich in die Angelegenheiten dieser Männer nicht einmischen. Ich wollte nur helfen." Er sei nicht bewaffnet gewesen: "Wozu brauche ich Waffen? Ich bin nicht gekommen, um Waffen einzusetzen."

Nachdem er längere Zeit gewartet hatte, sei er schließlich aus seinem Pkw ausgestiegen und "spazieren gegangen". Da habe ihn sein Bruder angerufen und ihm aufgetragen, ihm sofort bei der Reparatur eines Autos behilflich zu sein. "Ich wollte weg. Ich habe das den Männern sagen wollen. Ich bin sie suchen gegangen. Ich habe sie nicht gefunden."

"Ich habe befürchtet, ich bin ein Todeskandidat"
In diesem Moment habe er Schüsse vernommen, "und Letscha ist mir entgegengelaufen. Nachdem ich gesehen habe, er läuft, habe ich verstanden, es wird geschossen." Er habe es mit der Angst zu tun bekommen ("Ich habe befürchtet, ich bin ein Todeskandidat") und sei diesem daher hinterhergerannt. Letscha habe sich plötzlich seine Jacke ausgezogen und ihm eine Pistole zugeworfen, behauptete Turpal-Ali Y.: "Ich habe die Pistole gesehen, weiter Angst bekommen und die Pistole in eine Mülltonne geworfen. Mein Hauptziel war, so schnell wie möglich von dort wegzufahren."

Staatsanwalt Leopold Bien glaubt beweisen zu können, dass Turpal-Ali Y. in den Plan, Israilov zu entführen, eingeweiht war und dazu bestimmt wurde, diesen zu überwältigen. Der Versuch, sich des 27-Jährigen zu bemächtigen, schlug jedoch fehl, worauf der 31-Jährige und Letscha B. laut Anklage Pistolen zogen und mehrere Schüsse auf Israilov abgaben. Dieser wurde von drei Projektilen getroffen.

"Glaubte, da wird ein Film gedreht"
Ein Autofahrer, der diese Szenen zufällig mitbekam, glaubte, "dass da ein Film gedreht wird. Eine Rauferei kommt in Floridsdorf öfter vor, aber nicht mit einer Pistole", sagte der Mann im Zeugenstand. Als er dann aber sah, wie sich Israilov losriss und auf diesen geschossen wurde, wurde ihm bewusst, dass sich hier weit Dramatischeres abspielte.

"Ich bin langsamer g'fahren, weil ich mir gedacht hab', das kann ja nicht sein, dass ich als kleiner Mann zu so was dazu komm'. Das ist wie Weihnachten und Ostern zusammen", deponierte der Augenzeuge.

Foto der flüchtenden Täter
Befragt wurde auch eine Frau, die vom Balkon ihrer Wohnung aus mitbekommen hatte, wie Israilov verfolgt und niedergeschossen wurde. Mit ihrem Fotoapparat fertigte sie ein Bild der flüchtenden Täter an. Danach lief die Frau mit Verbandszeug auf die Straße und versorgte den zu diesem Zeitpunkt noch ansprechbaren, tödlich getroffenen Israilov. Auf ihre Frage, wer geschossen habe, erwiderte der Sterbende: "Ich weiß es nicht."

Zeugen erkannten Täter nicht wieder
Die insgesamt acht gehörten Zeugen wurden aus Sicherheitsgründen in Abwesenheit der Angeklagten vernommen. Anschließend wurden ihnen jeweils Suleyman D. und Turpal-Ali Y. gegenüber gestellt. Mit einer Ausnahme verneinten alle die Frage, ob sie die beiden als die Täter identifizieren könnten. Ein Mann glaube zwar, in Turpal-Ali Y. jenen Mann wieder zu erkennen, der mit einer Pistole in der Hand die Leopoldauer Straße entlanggelaufen war und dabei repetiert hatte, "aber nicht mit hundertprozentiger Sicherheit. Er hat eine Mütze aufg'habt und eine dicke Jacke ang'habt."

Nach seiner Befragung erläuterte der Zeuge, wie sehr ihn das Erlebte belastet habe: "Ich hab' aufgrund der Aufregung einen Herz- und Schlaganfall erlitten." Seinem Gerichtsauftritt habe er auch mit nervlicher Anspannung entgegen gesehen.
 

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