31. Oktober 2009 14:31
Das Audimax, der bekannteste Hörsaal Österreichs, am 23. Oktober: Um 13 Uhr
besetzen Studenten nach einem Protestmarsch spontan die Uni. Zu Beginn
harren gerade einmal ein paar Hundert Demonstranten aus. Zuerst eine Stunde,
dann den ganzen Nachmittag und schließlich sogar über Nacht.
Das große oe24-Special
zu den Studentenprotesten
Die ersten Vorlesungen fallen aus. Am nächsten Tag sind die Titelseiten der
Zeitungen voll. Doch niemand im ganzen Land glaubt vor dem langen Wochenende
so recht an einen langen Atem der Studenten. Sie alle irren.
10 Tage Streik
Das Audimax, mehr als eine Woche später: Keine
Spur mehr von spontaner Besetzung. Kein charmantes Streik-Chaos. Viel mehr
herrschen perfekte Organisation und totale Vernetzung. Das Audimax ist die
Kommandozentrale der Studenten, das Hirn, aber auch ihre Seele.
Nicht mehr als ein kleiner Saal im Zentrum Wiens, aber einer mit enormer
Energie. Von hier aus wird ganz Österreich mobilisiert. Mitte der Woche
gehen in Wien 50.000 auf die Straße, österreichweit sind es mehrere
Zehntausende. Alles steht still. Sie wettern gegen Minister Hahn, gegen
Studiengebühren, gegen Zugangsbeschränkungen. Es sind Forderungen mit
Durchschlagskraft: Insgesamt sind zehn Unis vereinnahmt – von Graz bis
Innsbruck.
Das Wichtigste: Die Hartnäckigkeit zahlt sich aus. Erste Erfolge stellen
sich ein. Wissenschaftsminister Hahn ringt sich zu einer weiteren
Gesprächsrunde durch. Er will 34 Millionen Euro locker machen.
ÖSTERREICH blickte einen Tag lang hinter die Kulissen des Audimax und
beobachtete die Drahtzieher der Besetzung – die Reportage zum Uni-Streik.
07.45 Uhr
Pressearbeit und Internet-Auftritt. Als eine der
Ersten kommt die 24-jährige Publizistik-Studentin Barbara ins Besetzungsbüro
beim Audimax. Es ist ihr neunter Tag in Folge. Sie ist die gute Seele im
Team, kümmert sich um die Fragen von herumirrenden Studenten. „Ich habe
zunächst die Entwicklung über Facebook und Twitter interessiert verfolgt,
bin dann direkt zum Audimax gegangen und habe mich in einer der vielen
Arbeitsgruppen engagiert – der Presse-Arbeitsgruppe“, sagt sie ÖSTERREICH.
Barbara klebt schon in der Früh Artikel der Zeitungen auf die Pinnwand. Sie
beantwortet erste Anfragen von Journalisten. Stundenlang. Ihr Tag dauert
heute wieder bis 2 Uhr früh.
9 Uhr
Literatur, Lesungen. Das Programm beginnt. Heute steht die
Veranstaltung „Literatur zum Frühstück“ am Programm. 180 Studenten sind
schon im Hörsaal – so früh wie oft im Uni-Alltag nicht. Sie hören eifrig zu.
10 Uhr
Schaltzentrale läuft auf Hochtouren. Die
„Kommandozentrale“ gleich beim Eingang zum Audimax: Die Studenten nennen den
Saal liebevoll „Erste Hilfe Raum“. Alles läuft hier auf Hochtouren – von IT
bis Homepage-Betreuung.
An der Schaltzentrale sitzen fünf Studierende über ihren Laptops. Jeder hat
eigene Aufgaben. Der „Dienstplan“ wird hochmodern über Google-Kalender
erstellt und verwaltet.
Die Medizinstudentin Kristina, 21, aus dem Burgenland kümmert sich um die
Website Twitter. „Ich habe gerade eine Meldung über einen neuen Vortrag
getwittert, also an möglichst viele geschickt, die unsere Meldungen
verfolgen“, erzählt die Studentin beim ÖSTERREICH-Lokalaugenschein.
10.30 Uhr
Update der Facebook-Seite. Die Betreuung des sozialen
Netzwerkes Facebook erfolgt „von zu Hause aus“. Bereits 21.000 Fans sind bei
der Facebook-Gruppe Audimax Besetzung in der Uni Wien – Die Uni brennt!
registriert. Hier werden Veranstaltungen angekündigt, alle News
veröffentlicht, Bilder und Videos vom Protest hochgeladen und verbreitet.
11 Uhr
Tägliches Plenum. Das tägliche Plenum startet. Eine
eigene Arbeitsgruppe organisiert basisdemokratisch die Tagesordnungspunkte.
In Echtzeit werden diese an die Leinwand projiziert. Macht jemand eine
Wortmeldung, kann man so laufend das Gesagte live mitverfolgen.
15.00 Uhr
Diskussionen. In Kleingruppen gehen die Diskussionen
weiter: Wann wird Hahn endlich nachgeben? Wie können wir uns noch besser
organisieren? Fürs Erste wird beschlossen, Führungen im Audimax anzubieten.
19 Uhr
Abendessen. Der Bauch grummelt. Die Arbeitsgruppe Finanz
sammelt untertags freiwillige Spenden – jetzt gibt es Abendessen. Dutzende haben gekocht. Suppen, Spaghetti, viel Gemüse und Salat. Das Essen kostet
nichts. Der Andrang ist groß.
21.00 Uhr
Diskussion, Konzerte. Wieder wird diskutiert. Danach
gibt es Live-Musik und Filme.
1.00 Uhr
Nachtruhe. Die meisten Studenten verabschieden sich,
gehen nach Hause. Hundert Studenten ziehen sich in andere Hörsäle der Uni
zurück. Im Schlafsack genießen sie ihre Ruhe. Morgen geht’s weiter.