22. September 2009 18:04

Alarmierende Zahlen 

100.000 bereits internetsüchtig

Neue Zahlen zeigen: Immer mehr Menschen gehen kaum mehr außer Haus, verbringen ihre gesamte Zeit vor dem Computer und im Internet.

100.000 bereits internetsüchtig
© Getty

Das erste, was Felix U. nach dem Aufwachen in der Früh macht, ist, den Computer aufzudrehen. Kein WC, keine Zähne putzen, kein Rasieren und auch kein Frühstück.

Wie Drogenabhängige an der Nadel, verbrachte der 28-Jährige mindestens 15 Stunden pro Tag im Internet. Chatten, E-Mails, soziale Netzwerke wie Facebook, Pornos und Glücksspiele standen da am Programm. Eine klassische Online-Sucht – rund 100.000 Österreicher ab 14 Jahren sind laut Anton-Proksch-Institut in Wien, Europas größter Suchtklinik, betroffen.

Augen und Rücken leiden, der Jobverlust droht
Die Abhängigkeiten haben schwere Folgen und reichen vom Arbeitsplatzverlust bis zu Gesundheitsproblemen bei Augen und Rücken. Eine echte Onlinesucht liegt vor allem dann vor, wenn man eigentlich deutlich weniger vor dem Internet sitzen möchte, aber durch einen „inneren Zwang“ nicht mehr eigenständig davon loskommt.

Besonders gefährdet sind junge Menschen von 14 bis 29 Jahren. Internet ist anders als etwa Tabak oder Heroin eine stoffungebundene Sucht und wird damit oft lange nicht als solche erkannt.

Sehr introvertierte Menschen betroffen
Der Wiener Suchttherapeut Andreas Maurer erläutert im Gespräch mit ÖSTERREICH: „Internetsüchtige sind sehr introvertierte Menschen, die in ihrem Kammerl sitzen und surfen. Das ist der einzige anonymisierte Kontakt zur Außenwelt. Prinzipiell haben sie eine bestimmte Beziehungsstörung – so wie viele andere Suchtkranke auch. Sie haben fast so etwas wie eine Soziophobie.“

Maurer behandelt selbst immer wieder Fälle wie Felix U. und geht von einer deutlich höheren Dunkelziffer als 100.000 aus.

Seine Kollegin, die Psychotherapeutin Rotraud Perner, erläutert gegenüber ÖSTERREICH: „Nicht jeder, der viele Stunden im Internet zubringt, ist automatisch onlinesüchtig. Wenn man etwa durch ein besseres Angebot von Freunden einfach den Computer abdrehen kann, ist es okay. Wer sich allerdings nur mehr 15 Stunden einbunkert und zum Schluss auch Schweißausbrüche hat, sollte professionelle Beratung aufsuchen.“

Thema wird von Politik jetzt aufgegriffen
Auch die Politik wird jetzt aktiv. „Die verhaltensbezogene Süchte sind ein wichtiges Thema. Man sieht, dass sehr viele Menschen betroffen sind. Von der Stadt Wien gibt es hier Angebote, an die sich Gefährdete wenden können“, sagt der Wiener Drogenkoordinator Michael Dressel gegenüber ÖSTERREICH.

Vom Institut für Suchtprävention wird es dazu im Oktober auch eine Tagung zu diesem Thema mit internationalen Experten geben.

bett_video (c) Getty

Testen Sie: Sind Sie bei Onlinesucht gefährdet?

Wie wird aus Internet als Zeitvertreib eine medizinische Sucht? Experten haben dafür Anhaltspunkte. Wie viele der folgenden 6 Punkte treffen auf Sie zu?

  • Häufiges und unüberwindliches Verlangen, ins Internet einzuloggen;
  • Kontrollverluste, also längeres Verweilen „online“ als vorgenommen – verbunden mit Schuldgefühlen;
  • sozial störende Auffälligkeit im engsten Kreis der Bezugspersonen;
  • geringe Arbeitsfähigkeit;
  • Verheimlichung/Bagatellisierung der Gewohnheit;
  • fehlgeschlagene Versuche der Einschränkung.

Auswertung:

Treffen mindestens 3 Angaben über einen Zeitrum von bis zu einem halben Jahr zu, gilt man als „gefährdet“. „Kritisch“ wird es, wenn bereits 4 Punkte bis zu einem halben Jahr zutreffen. Und von einem „chronischen Stadium“ sprechen Suchtexperten, wenn mindestens 4 Punkte über weit mehr als ein halben Jahr zutreffen.

Als Probleme ergeben sich Jobverlust, Trennung von Partnern, sehr hohe Internetkosten, Schädigung der Augen und der Wirbelsäule.


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