07. August 2008 08:28

Boreout-Syndrom 

Auch Nichtstun macht krank

Nicht nur Über- sondern auch Unterforderung am Arbeitsplatz macht krank. Die Betroffenen sind nicht faul, bekommen aber nichts zu tun.

Auch Nichtstun macht krank
© sxc

Abgehetzte Manager, die mindestens 60 Stunden in der Woche arbeiten, eigentlich im Büro wohnen und ihre zwei Smartphones noch nie ausgeschaltet haben, schlittern leicht ins Burn-out-Syndrom. Aber nicht nur ständige Überlastung, sondern auch dauerndes Nichtstun im Job kann krank machen, weiß Philippe Rothlin, der ein Buch über das "Boreout-Syndrom" geschrieben hat. "Dabei handelt es sich um einen Zustand der Unterforderung, der Langeweile und des Desinteresses", erläuterte der Schweizer Autor. Schätzungen zufolge ist rund ein Siebentel aller Arbeitnehmer im Dienstleistungssektor davon betroffen.

Lustlosigkeit und Unzufriedenheit
Acht Stunden nichtstuend im Büro zu sitzen und jede Minute bis zum Dienstschluss zu zählen, mag auf den ersten Blick paradiesisch klingen, ist aber auf Dauer eine Qual. Boreout-Betroffene haben das Gefühl, eigentlich zu mehr Leistung imstande zu sein und können sich nicht mit ihrer Arbeit identifizieren, so Rothlin. Das führt zu Lustlosigkeit und Unzufriedenheit. Boreout sei keinesfalls mit Faulheit gleichzusetzen. "Diese Leute wollen arbeiten, sie bekommen nur nichts zu tun."

Perfekter Teufelskreis
Das Boreout-Syndrom, was so viel heißt wie "ausgelangweilt", ist paradox: Einerseits wissen die Arbeitnehmer nicht, wie sie ihre Zeit herunterbiegen sollen, andererseits entwickeln sie Strategien, um ihren Zustand zu vertuschen und ausgelastet zu wirken. Dadurch halten sie sich neue Arbeit vom Leibe - der Teufelskreislauf ist perfekt. Ein Verhalten nennt Rothlin "Flachwalzstrategie": "Man zieht Projekte unnötig in die Länge, damit man ja keine neuen Aufgaben bekommt." Anwender der "Komprimierungsstrategie" wiederum erledigen ihre Aufträge extrem schnell, verschweigen dann aber, wenn sie früher fertig werden. Auf diese Weise verschaffen sie sich Leerlaufzeit, in der sie private Dinge erledigen können.

Private Dinge im Job
Rothlin und sein Co-Autor Peter Werder schätzen, dass rund 15 Prozent aller Arbeitnehmer im Dienstleistungsbereich am Boreout-Syndrom leiden. "Wir stützen uns dabei auf eine großangelegte US-Studie, derzufolge sich 30 Prozent aller Arbeitnehmer mehr als zwei Stunden am Tag privaten Dingen widmen", so der Projektmanager und Unternehmensberater.

Schlechte Führung
Wenn man über längere Zeit hinweg unzufrieden ist und einen Zusammenhang mit der mangelnden Auslastung im Job vermutet, rät Rothlin zu einer genauen Analyse der eigenen Situation. "Das ist einerseits Selbsthilfe und dient andererseits als Vorbereitung auf ein Gespräch mit dem Vorgesetzten." Eine Unterredung mit dem Chef bleibe nicht aus, um das Problem zu lösen. Vielfach rühre ein Boreout nämlich von einer schlechten Führungskultur. Rothlin: "Viele Chefs machen keine Zeitanalyse, delegieren zu viel oder lassen ihre Mitarbeitern zu sehr an der langen Leine." Vorgesetzte sollten sich daher mehr mit ihren Mitarbeitern beschäftigen und ihre eigenen Führungskonzepte hinterfragen.

Falsche Ausbildung
Das Boreout-Syndrom kann aber schon viel früher entstehen: Wenn man eine Ausbildung gewählt hat, die einen eigentlich nicht interessiert, sind Langeweile, Desinteresse und Unterforderung programmiert. "Entweder man arbeitet in einem falschen Umfeld oder man tut das Falsche von Anfang an", meinte der Experte. Im zweiten Fall sei die Kündigung der einzige Ausweg.


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